Manchester United - große Namen, viel Geld, kein Erfolg

Harry Maguire

Dauer-Misere seit Jahren

Manchester United - große Namen, viel Geld, kein Erfolg

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Seit dem Weggang von Sir Alex Ferguson geht es bei Manchester United bergab - trotz Transferausgaben von mehr als einer Milliarde Euro. Der aktuelle Trainer Ole Gunnar Solskjaer hat den schlechtesten Saisonstart seit 30 Jahren zu verantworten, soll aber Zeit bekommen. 

Vor 30 Jahren wurden die Probleme bei Manchester United noch typisch britisch gelöst. Die Mannschaft war schwach in die Saison 1989/90 gestartet und befand, dass eine Aussprache nötig sei. Alleine, ohne Trainer Alex Ferguson. “Wir haben gesagt: Passt auf, unsere Form ist nicht akzeptabel. Wir sind Manchester United. Wir müssen uns wirklich verbessern”, erinnerte sich der damalige Verteidiger Viv Anderson gerade in der Sun. Nach einer Trainingseinheit versammelte sich die ganze Mannschaft in einem Pub in der Innenstadt. Nach Hause ging es danach mit dem Taxi. “Wir blieben so lange, bis wir unsere Probleme geklärt hatten”, berichtete Anderson.

Abstiegsregion in Sicht

Die aktuelle Misere lässt sich nicht mit ein paar Pints vertreiben. Nach dem schlechtesten Saisonstart seit 30 Jahren hat United als Tabellenzwölfter nur zwei Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz.

Viele Fans fürchten eine Demütigung, wenn Champions-League-Sieger, Spitzenreiter und Erzfeind FC Liverpool an diesem Sonntag (20.10.19) im Old Trafford vorstellig wird. Doch selbst, wenn die Mannschaft von Trainer Ole Gunnar Solskjaer ein achtbares Ergebnis erzielen sollte, würde das nichts am betrüblichen Bild ändern.

 Planloses Umherirren

Seit Fergusons Weggang 2013 nach 13 Meisterschaften und zwei Champions-League-Siegen irrt der Verein planlos umher - und hat den Anschluss an Manchester City und Liverpool verloren, zumindest sportlich. Finanziell geht es dem Klub immer noch blendend. Manchester United hat kürzlich einen Rekordumsatz von 627 Millionen Pfund (umgerechnet mehr als 720 Millionen Euro) bekannt gegeben. Was wirkt wie ein sonderbarer Widerspruch, ist der Ursprung der Misere. 

Irving: "Ferguson war der Klub" Sportschau 19.10.2019 00:56 Min. Verfügbar bis 19.10.2020 Das Erste

Die US-amerikanischen Besitzer, die Glazer-Familie, sind dem ständigen Vorwurf ausgesetzt, sich nicht für das sportliche Wohl des Klubs zu interessieren, sondern nur für das Geld, das sich mit einer der besten Adressen des internationalen Sports verdienen lässt. Ihr Statthalter in Manchester, Vizepräsident Ed Woodward, ist ein Ex-Banker, der 2005 die Übernahme durch die Glazers organisierte. Er ist exzellent darin, weltweit Werbedeals abzuschließen. Ein Fußball-Fachmann ist er nicht. Deshalb ist die sportliche Führung des englischen Rekordmeisters verwaist. Das Ergebnis ist eine kurzsichtige Personalpolitik.

 Das Problem sitzt auch auf der Trainerbank

Ole Gunnar Solskjaer

Ole Gunnar Solskjaer

Nachdem Fergusons Nachfolger David Moyes gescheitert war, versuchte es der Verein mit Louis van Gaal und José Mourinho. Mit großen Namen also, die schnellen Erfolg versprachen, aber über den Höhepunkt ihrer Schaffenskraft hinaus waren. Solskjaer, Champions-League-Finalheld von 1999, ließ die Stimmung und die Ergebnisse fliegen, als er im vergangenen Dezember nach Mourinhos Aus ins Amt kam, zuerst nur als Aushilfe auf Zeit. Seitdem er Ende März voreilig zur Dauerlösung befördert wurde, hat er noch nicht nachgewiesen, dass er das größte Geisterschiff in Europas Fußballs wieder auf Kurs bringen kann. Im Gegenteil, die Leistungen werden immer armseliger.

Niederlagen wie das 0:1 beim Abstiegskandidaten Newcastle United vor der Länderspielpause werden nicht einmal mehr als Überraschung gedeutet, sondern als Ausdruck des aktuellen Leistungsstands. Dennoch ist Solskjaers Posten angeblich erstmal sicher. Der Verein macht offenbar mildernde Umstände geltend, weil dem Trainer die Arbeit durch massives Verletzungspech erschwert wird. Gegen Liverpool fehlen unter anderem Torwart David De Gea und Paul Pogba. 

Junge Spieler tragen die Hoffnung

Der Übungsleiter aus Norwegen hat die Aufgabe, den Verein langfristig neu auszurichten, und zwar entlang alter Werte. Er soll offensiven Fußball spielen lassen und Talenten eine Chance geben, so wie es in den goldenen Jahren unter Ferguson die DNA des Klubs war. Neben dem für fast 90 Millionen Euro aus Leicester verpflichteten Abwehrchef Harry Maguire heißen Manchester Uniteds Hoffnungsträger Daniel James (21 Jahre alt, kam von Swansea), Scott McTominay (22), Axel Tuanzebe (21) oder Mason Greenwood (18, alle eigene Jugend). 

Ehemalige Weggefährten werben um Nachsicht mit Solskjaer. “Wir sind alle ungeduldig und wollen den Erfolg am besten schon gestern. Aber man muss dem Mann Zeit geben”, sagte Uniteds Ex-Kapitän Roy Keane bei Sky Sports. Zeit und Geld, versteht sich. Seit Fergusons Weggang hat Manchester United mehr als eine Milliarde Euro in neues Personal investiert, mit ernüchterndem Ertrag.

Mittlerweile droht der Klub sogar, sich dauerhaft aus der Champions League zu verabschieden. Um den Umbau des dünnen Kaders in Solskjaers Sinne voran zu treiben, plant der Verein in den kommenden beiden Transfer-Phasen angeblich die Anschaffung von sechs hochkarätigen Zugängen. Mit einem Ausflug in den Pub lassen sich Manchester Uniteds Probleme nicht mehr lösen.

Stand: 18.10.2019, 10:13

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