Manchester City: Umbau mit Ungewissheiten

City-Trainer Pep Guardiola (r.) sitzt enttäuscht am Spielfeldrand

Englands entthronter Meister

Manchester City: Umbau mit Ungewissheiten

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Manchester City wurde in dieser Saison durch den FC Liverpool gedemütigt. Die drohende Champions-League-Sperre macht den geplanten Umbau des Teams schwierig. Trainer Pep Guardiola zögert.

Wer ein Symbolbild sucht für die laufende Saison der Premier League, der wird es an diesem Donnerstag (02.07.2020) bekommen. Die Spieler von Manchester City werden Spalier stehen und den Profis des FC Liverpool applaudieren vor dem Aufeinandertreffen im Etihad-Stadion. Die "guard of honour" ist Tradition im englischen Fußball, wenn ein Team vorzeitig Meister wird, und es ist ein schöner Zufall, dass Liverpools erster Gegner nach der Titelentscheidung ausgerechnet der vom Thron gestoßene Champion ist. Pep Guardiolas Mannschaft hatte die Premier League in den vergangenen beiden Jahren dominiert, doch in der laufenden Saison konnte sie nur staunend zusehen bei Liverpools Siegeszug.

Dass das Titelrennen in dieser Spielzeit keins war und der Meister schon sieben Spieltage vor Schluss feststand, hat neben der gnadenlosen Stärke von Jürgen Klopps Mannschaft mit einem Leistungsabfall bei Manchester City zu tun. Das Team kassierte mehr Niederlagen (acht) als in den beiden Meisterjahren zusammen (sechs). 23 Punkte beträgt der Rückstand auf den neuen Titelträger. Nicht nur die "Sunday Times" sieht darin "eine Demütigung" für das Milliardenprojekt von Scheich Mansour aus Abu Dhabi. Ursache für den Einbruch bei Manchester City ist nachlässige Planung. 

Probleme im Abwehrzentrum nach Abgang von Kompany

Der Klub verpasste es im vergangenen Sommer, Abwehr-Ikone und Ex-Kapitän Vincent Kompany nach dessen Rückkehr in seine belgische Heimat zu ersetzen. Wunschkandidat Harry Maguire von Leicester City wechselte für 87 Millionen Euro zwar nach Manchester, allerdings zum Stadtrivalen United. Als sich früh in der Saison auch noch der wichtigste Innenverteidiger Aymeric Laporte verletzte und fast fünf Monate ausfiel, stand Guardiola ohne konkurrenzfähiges Abwehrzentrum da. Er zog den in die Jahre gekommenen Mittelfeld-Prellbock Fernandinho in die Innenverteidigung zurück und verlagerte damit das Problem.

Weil der Brasilianer auf seinem angestammten Posten fehlte, geriet das gesamte Spiel ins Wanken. 33 Gegentore in dieser Saison (mehr als der Tabellenzehnte Sheffield United) bezeugen Manchester Citys fehlende Stabilität. Da nützt es auch nichts, dass die Mannschaft immer noch hinreißenden Kombinationsfußball spielen kann, die meisten Treffer der Liga erzielt hat und anderen Konkurrenten wie Leicester, Chelsea oder Manchester United nach wie vor weit voraus ist. Mängel in der Chancenverwertung und ein nachlassender Siegeswille nach zwei Titeln in Folge, den auch Guardiola zuletzt erstmalig bestätigte, haben ebenfalls zum Verlust der Premier-League-Krone beigetragen. 

Weil die Dominanz gebrochen ist, werden in England schon die ersten Nachrufe auf die Amtszeit des Trainers aus Katalonien verfasst. "Sind zwei Meisterschaften in vier Jahren ein ausreichender Ertrag?", fragt der "Independent" und kommt zu dem Schluss, dass das natürlich vom weiteren Saisonverlauf abhängt. Nach dem fast schon traditionellen Sieg im Ligapokal hat Manchester City in den kommenden Wochen noch die Chance auf den Gewinn des FA Cups und vor allem der Champions League. Das ist der Wettbewerb, den der Verein unbedingt will, und für den Guardiola engagiert wurde. Mit dem 2:1 im Achtelfinal-Hinspiel bei Real Madrid deutete die Mannschaft an, dass sie endlich auch Europas Elite schlagen kann. Doch das war vor der Corona-Pause. Das Rückspiel und das Finalturnier in Lissabon sind voller Unwägbarkeiten. 

Komplizierter Umbau bei Champions-League-Ausschluss

Genau wie die Zukunft von Manchester City insgesamt. Sollte der von der UEFA verhängte Champions-League-Ausschluss für zwei Jahre vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS Bestand haben, wären Schlüsselspieler wie Kevin De Bruyne oder Raheem Sterling fast schon gezwungen, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Auch die Akquise dringend benötigter Verstärkungen wäre kompliziert. Dass ein Umbau des Kaders nötig ist, hat Guardiola selbst vor dem Liverpool-Spiel eingestanden (“Einige Spieler müssen ersetzt werden. Das ist Teil des Fußballs”). 

Nachgebessert werden soll in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld. Auch muss sich erst noch zeigen, ob das hochtalentierte Eigengewächs Phil Foden tatsächlich ein Ersatz für den abtretenden David Silva auf der Spielmacher-Position ist. Auf den offensiven Außenbahnen gibt es nach dem Weggang von Leroy Sané zum FC Bayern wenig Wechselmöglichkeiten. Der Sturm könnte sich mit dem alternden Sergio Agüero (fehlt aktuell nach einer Knie-OP) und dem jungen Gabriel Jesus als unterbesetzt erweisen. Möglicherweise sei sogar der ehemalige Dortmunder Ilkay Gündogan eine Option im Angriff, fantasierte Guardiola neulich. 

Die Zukunft des Trainers ist ebenfalls eine Unbekannte. Sein Vertrag läuft noch eine Saison. Dann wäre er fünf Jahre bei dem Verein gewesen, länger als beim FC Barcelona (vier Jahre) und beim FC Bayern (drei Jahre). Fragen nach einem Verbleib in Manchester darüber hinaus geht er aus dem Weg. Sein Antrieb für die neue Saison ist es, sich für die gerade erlebte Demütigung zu revanchieren. "Liverpool wird uns spüren. Wir werden um das nächste Kapitel kämpfen", sagt Guardiola. Danach könnte es wirklich Zeit sein für ein abschließendes Urteil über seine Amtszeit. 

Stand: 02.07.2020, 11:35

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