FC Chelsea: Lampard unter Druck wie kein anderer Trainer

Frank Lampard, Trainer des FC Chelsea

Großangriff auf dem Transfermarkt

FC Chelsea: Lampard unter Druck wie kein anderer Trainer

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Der FC Chelsea hat mit Timo Werner und Kai Havertz kräftig aufgerüstet. Nach einer Saison des Übergangs gibt es in seiner zweiten Spielzeit keine Ausreden mehr für Trainer Frank Lampard.

Es könnte hitzig werden an der Seitenlinie, wenn Englands Meister FC Liverpool an diesem Sonntag beim FC Chelsea zum ersten Topspiel der Premier-League-Saison vorstellig wird, denn zwischen Frank Lampard und Jürgen Klopp hat sich innerhalb kurzer Zeit eine veritable Feindschaft entwickelt. Beim Treffen zum Ende der abgelaufenen Spielzeit lieferten sich die beiden Trainer ein wildes Wortgefecht. Im Vorlauf auf die neue Kampagne stichelte Klopp wegen der Transferoffensive der Westlondoner mit Zugängen für mehr als 220 Millionen Euro, dass Chelsea dank seines reichen Besitzers Roman Abramowitsch offenbar immun sei gegen die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten der Corona-Pandemie, was Lampard mit einem Hinweis auf Liverpools Einkäufe in den vergangenen Jahren konterte: "Van Dijk, Alisson, Fabinho, Keïta, Mané, Salah – sie kamen auch alle zu einem hohen Preis."

Verbal kann es die Chelsea-Legende, die in ihre zweite Saison als Trainer an der Stamford Bridge geht, also schon mit Klopp aufnehmen, doch ob die "Blues" auch imstande sind, dem FC Liverpool fußballerisch Konkurrenz zu machen – das ist eine der großen Fragen der neuen Spielzeit. Auf dem Transfermarkt gab Chelsea von allen englischen Klubs das meiste Geld aus. Neben Timo Werner von RB Leipzig und Kai Havertz von Bayer Leverkusen, den neuen Hauptattraktionen des Vereins, kam Hakim Ziyech von Ajax Amsterdam, der englische Nationalspieler Ben Chilwell von Leicester City für die linke Abwehrseite und ablösefrei der brasilianische Routinier Thiago Silva von Paris Saint-Germain für die Innenverteidigung. Für Lampard bedeutet die massive Aufrüstung, dass er unter Druck steht wie kein anderer Trainer in Englands Oberhaus. 

Die Ansprüche an Lampard sind hoch

Die Premierenspielzeit des 42-Jährigen war eine Saison des Übergangs. Wegen einer Transfersperre durch die FIFA war er gezwungen, auf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs wie Reece James, Mason Mount oder Tammy Abraham zu setzen. Der vierte Platz und der Vorstoß ins FA-Cup-Finale wurden als Erfolg gedeutet von der englischen Presse, die Lampard überaus wohlwollend gegenübersteht wegen seiner Verdienste als Spieler. Ist ja auch beeindruckend: Er war Champions-League-Sieger, dreimal Meister und viermal Pokalsieger mit Chelsea, außerdem ist er der Rekordtorschütze des Vereins.

In der neuen Saison dürfte das zu wenig sein angesichts der luxuriösen Shopping-Tour. Chelsea muss den Rückstand auf die Klassenbesten Liverpool und Manchester City deutlich verkürzen. Der Auftakt gelang mit dem 3:1 bei Brighton & Hove Albion. Vor allem Werner erwies sich umgehend als Verstärkung, holte einen Elfmeter heraus und beeindruckte Sky-Sports-Kommentator Martin Tyler: “Er ist ein Dolch ins Herz des Gegners.”

Allerdings legte der Start an der Südküste auch Chelseas bekannte Schwächen offen. Die Mannschaft agiert gegen den Ball konfus, ist anfällig bei Kontern und Standardsituationen. In der abgelaufenen Saison kassierte die Mannschaft 54 Tore, die meisten von allen Teams in der oberen Tabellenhälfte der Premier League. Auch Brighton brachte Chelseas Defensive (noch ohne Thiago Silva und Chilwell) mehrmals ins Wanken. Das Problem ist nicht alleine personeller Natur, es ist auch ein strukturelles. Lampard hat es seiner Mannschaft bisher nicht beibringen können, organisiert zu verteidigen.

Gesucht: Problemlöser für das Tor

Erschwerend hinzu kommt die offensichtliche Fehlbesetzung im Tor. Der vor zwei Jahren für knapp 80 Millionen Euro engagierte Kepa Arrizabalaga kann seinen Status als teuerster Schlussmann der Welt nicht rechtfertigen. Am Ende der vergangenen Saison setzte Lampard ihn sogar auf die Bank. Beim Saisonstart gegen Brighton kehrte der Degradierte zwischen die Pfosten zurück und verschuldete das zwischenzeitliche 1:1, als ihm ein Fernschuss von Leandro Trossard unter den Händen durchrutschte. Tore wie dieses folgen einem Muster: Seit seiner Ankunft hat Arrizabalaga von allen Keepern der Premier League die meisten Treffer von außerhalb des Strafraums kassiert. Der Senegalese Édouard Mendy von Stade Rennes ist als Ersatz im Gespräch. Angeblich steht sein Wechsel an die Stamford Bridge kurz vor dem Abschluss. 

Trotz der teuren Zugänge und des Hypes um Werner und Havertz hat Lampard also allerhand Baustellen zu beheben, und er sollte sich beeilen damit. Sonst könnte sein Job schnell in Gefahr geraten, trotz seiner Stellung als Chelsea-Ikone. Klubbesitzer Abramowitsch ist bekannt für seine Ungeduld und hat in der Vergangenheit schon deutlich größere Namen gefeuert. José Mourinho, Luiz Felipe Scolari und Carlo Ancelotti sind nur ein paar Beispiele.

Stand: 18.09.2020, 12:42

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