Fußball, Premier League

Zwangsurlaub auf Staatskosten: Liverpool macht Rolle rückwärts

Nach einem Sturm der Entrüstung will der FC Liverpool nun doch darauf verzichten, seine Mitarbeiter in der Corona-Krise auf Staatskosten in Zwangsurlaub zu schicken. Auch die Profispieler der Premier League stehen massiv in der Kritik.

Der Shitstorm hat offenbar Wirkung gezeigt. Champions-League-Sieger FC Liverpool will in der Corona-Krise nun doch auf das Notfall-Programm der Regierung verzichten. Das gab Klubchef Peter Moore am Montag (06.04.2020) in einem auf der Vereinshomepage veröffentlichten Brief an die Fans bekannt.

Liverpool-Boss Moore: "Alternative Betriebsmethoden finden"

"Wir glauben, dass wir letzte Woche zu dem falschen Schluss gekommen sind", heißt es in dem Schreiben. Nun wolle man "alternative Betriebsmethoden finden, während keine Fußballspiele ausgetragen werden, um sicherzustellen, dass wir nicht das staatliche Hilfsprogramm beanspruchen".

Am vergangenen Samstag hatte Liverpool noch mitgeteilt, zahlreiche Mitarbeiter auf Staatskosten in Zwangsurlaub zu schicken. Die "Reds" wollten damit auf ein wegen der Corona-Krise aufgelegtes Regierungsprogramm zurückgreifen.

Nicht nur der LFC heiß auf Staatshilfen

Das Notfall-Programm garantiert rückwirkend ab dem 1. März zunächst für drei Monate 80 Prozent des Gehalts bis zu einer Höhe von 2.500 Pfund pro Monat, was 2.824 Euro entspricht. Für die restlichen 20 Prozent kämen die Vereine auf, damit die Angestellten keine finanziellen Nachteile erleiden. Zuvor waren bereits die Ligarivalen Tottenham Hotspur, Norwich City, Newcastle United und AFC Bournemouth ähnlich verfahren.

Fans und Ex-Spieler empört

Die beabsichtigte Verfahrensweise löste einen Sturm der Entrüstung aus. "Der Klub bezeichnet die Mitarbeiter als Familie. Ich fühle mich nicht wie ein Familienmitglied. Warum nutzt ein Klub, der mehr als 100 Millionen Pfund umsetzt, ein Regierungsprogramm für seine Mitarbeiter, wenn andere Unternehmen es mehr brauchen?", sagte ein Liverpool-Fan, der anonym bleiben möchte, der BBC.

"Das widerspricht der Moral und den Werten dieses Klubs, wie ich sie kennengelernt habe", twitterte Dietmar Hamann, einst für Liverpool im Einsatz. Teamkollege Jamie Carragher nannte den Schritt "armselig" und meinte: "Jürgen Klopp hat zu Beginn dieser Pandemie Mitgefühl mit allen gezeigt (...), jetzt ist all dieser Respekt und das Wohlwollen verloren."

"Spektakuläres Eigentor"

Ex-Profi Stan Collymore fand die Entscheidung "völlig falsch" und betonte: "Ich kenne keinen Liverpool-Fan, der etwas anderes als angewidert wäre." Die Fan-Organisation "Spirit of Shankly" warnte vor Populismus, verlangte aber eine Erklärung für dieses "spektakuläre Eigentor" (Liverpool Echo).

Erst im Februar hatte der Premier-League-Spitzenreiter einen Gewinn von 42 Millionen Pfund (etwa 50 Millionen Euro) verkündet. Der Umsatz ist demnach um umgerechnet rund 92 Millionen Euro auf 627 Millionen Euro gestiegen.

Profis gegen Gehaltsverzicht

In die Kritik geraten war die reichste Fußball-Liga der Welt auch, weil die dort spielenden Profis vorerst keine Gehaltseinbußen hinnehmen wollen - im Gegensatz zu Spielern aus den Top-Ligen in Deutschland, Spanien und Italien. Die Spielergewerkschaft PFA (Professionel Footballers' Association) begründete die Haltung damit, dass der englischen Regierung so rund 227 Millionen Euro über einen Zeitraum von zwölf Monaten an Steuergeldern verloren gingen. "Das würde auf Kosten unseres nationalen Gesundheitsdienstes NHS oder anderen staatlich unterstützten Diensten gehen", teilte die PFA mit.

Kritik auch aus der Politik

Die Premier-League-Klubs waren am Freitag (03.04.2020) übereingekommen, die Spieler um einen Gehaltsverzicht von 30 Prozent zu bitten. Sollte die Saison nicht beendet werden können, müsste die Liga womöglich 866 Millionen Euro an die TV-Rechteinhaber zurücküberweisen. "Die Spieler sind sich bewusst, dass die kombinierte Steuer auf ihre Gehälter einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung wesentlicher öffentlicher Dienstleistungen leistet - die derzeit besonders wichtig sind", teilte die PFA mit.

Premier-League-Kommentator: "Große Debatte darüber, wie es weitergeht" Sportschau 04.04.2020 00:55 Min. Verfügbar bis 04.04.2021 Das Erste

Harsche Reaktionen folgten auch in diesem Fall schnell. Oliver Dowden etwa, Staatssekretär für Digitales, Kultur, Medien und Sport, schrieb auf Twitter, dass die Leute in Krisenzeiten "keine Kämpfe innerhalb unseres Nationalsports" sehen wollen. "Der Fußball muss seinen Teil dazu beitragen, dass der Sport versteht, welchem Druck seine schlechter bezahlten Mitarbeiter, Gemeinschaften und Fans ausgesetzt sind."

Glasgow Rangers wollen drei Monate auf Gehalt verzichten

Mit Steven Gerrard sendete eine Ikone der Premier League am Montagabend ein wichtiges Signal der Solidarität: Das Liverpool-Idol, heute Teammanager bei den Glasgow Rangers, wird wie der weitere Trainerstab der Rangers, der Vorstand sowie die Spieler in der Coronakrise für drei Monate auf ihr Gehalt verzichten. Wie der schottische Rekordmeister mitteilte, sollen damit die restlichen Angestellten des Vereins weiterhin bezahlt werden können.

Die Rangers teilten zudem mit, einige Mitarbeiter in Kurzarbeit bzw. Zwangsurlaub zu schicken, die Betroffenen würden durch Zusatzzahlungen des Vereins aber weiterhin ihr volles Gehalt beziehen.