Jorge Jesus - der "demokratische Diktator" von Flamengo

Flamengos Trainer Jorge Jesus beim Spiel seiner Mannschaft gegen Junior de Barranquilla

Fußball in Brasilien

Jorge Jesus - der "demokratische Diktator" von Flamengo

Von Hans-Günter Klemm

Nach vielen erfolgreichen Jahren in Portugal arbeitet Jorge Jesus seit 2019 in Brasilien. Sein Führungsstil kommt an bei Flamengo Rio de Janeiro. Jesus ist überzeugt: "Ich habe eine Truppe gefunden, die mich liebt."

Der Mann versteht es, sich in Szene zu setzen. Als alle Welt noch rätselte, ob er einen neuen Vertrag unterschreiben würde, schickte er eine subtile Botschaft ins Netz. Passend in Zeiten der Corona-Pandemie trug Jorge Jesus vorbildlich eine Maske, als er in Barra da Tijuca, Rios Vorort, wo in der Kulisse der olympischen Stätten die Prominenten und die Reichen residieren, einen Strandspaziergang unternahm. "Wir siegen gemeinsam!" lautete der Schriftzug, der auf dem Gesichtsschutz zu lesen war, natürlich in den Vereinsfarben Flamengos, dem berühmten Rubinrot-Schwarz, gestaltet. Es war die Liebeserklärung des Startrainers aus Portugal an den Vorzeigeklub. Drei Worte, die die "Flamengista", die über ganz Brasilien verstreuten Fans dieses Traditionsvereins, in Verzückung setzten.

"Ich habe das Gefühl, dass Flamengo mich will. Und ich habe eine Truppe gefunden, die mich liebt", sagte Jesus, der nach monatelangem Pokerspiel einen neuen, bis Juni 2021 datierten Vertrag unterschrieben hat. Der Klub habe sein Herz gerührt, fügte der 65-Jährige an, der am Zuckerhut wie der Messias verehrt und verherrlicht wird. Dieses Gefühl, dieser Faktor der Beliebtheit, mag bei dem Emotionsmenschen eine ebenso wichtige Rolle bei seinem endgültigen Jawort gespielt haben wie die Tatsache, "dass wir ein großartiges Team zusammen haben."

Flamengo - Nimbus der Unbesiegbarkeit

Eine Mannschaft, die sich im Land des Rekordweltmeisters, ja sogar auf dem ganzen Kontinent den Nimbus erworben hat, dem Mythos der Unbesiegbarkeit nahezukommen. "Die beste Mannschaft in Südamerika", urteilt Naldo, der ehemalige Bundesligaprofi, der bei Werder Bremen, Schalke 04 und dem VfL Wolfsburg spielte. Der Publikumsliebling, der über ein Jahrzehnt in Deutschland seine Spuren hinterließ, indes auch den Fußball in seiner Heimat aufmerksam verfolgt, lässt keinen Zweifel daran, dass sich auch in diesem Jahr  der Siegeszug der Jesus-Jünger fortsetzt.

Vor der Corona-Krise knüpfte Flamengo bereits an die Erfolge der vergangenen Spielzeit an. Nun hat der Verein unter heftigen Protesten der Konkurrenz, so namhafter Rivalen wie Fluminense und Botafogo, unlängst und vorschnell im Virus-Hotspot wieder die Saison fortgesetzt und ein Spiel der Staatsmeisterschaft um den Carioca-Titel ausgetragen. Doch es blieb vorerst beim einmaligen Versuch, der Zeitpunkt des Starts der nationalen Titelkämpfe ist weiterhin offen.

Mehr Titel als Niederlagen

Brasiliens Nationalsport in der Warteschleife, Flamengo ebenfalls. Das wochenlange  Ausharren nervt die Ballkünstler, die ihren Status bestätigen möchten. Die Flamengo-Elf hat ein magisches Jahr hingelegt. Unter der Leitung des charismatischen Anführers hat der Lieblingsklub aller, die dem "jogo bonito", dem schönen Spiel, huldigen, mehr Titel geholt als Niederlagen kassiert. Die Trophäensammlung: Siege in der Meisterschaft, im Pokal und im Supercup auf nationaler Ebene, Triumphe in der Copa Libertadores, der lateinamerikanischen Champions League, und der Recopa auf internationalem Level. In 51 Partien gab es nur vier Niederlagen. Und besonders wichtig für die heißblütigen Verehrer sind diese beiden Serien, die das Meisterstück des Maestros veredeln: Ungeschlagen bei Heimspielen im legendären Maracana sowie unbezwungen bei den Klassikern.

Flamengo wird identifiziert mit Jesus

Die Bedeutsamkeit des Meistermachers muss nicht eigens betont werden: Rio ist für Cristo berühmt, die imposante Statue auf dem Corcovado. Flamengo wird aktuell identifiziert mit Jesus, der sein wallendes graues Haar gern offen trägt und manchmal daherkommt wie der Leibhaftige. Der Gastarbeiter aus Portugal geht schon jetzt als größter Trainer in die ruhmreiche Geschichte ein, im gleichen Rang wie die Meistermacher Carlinhos (83) und Paulo Cesar Carpegiani (71), die in den 80er Jahren das berühmte Team um Zico und Junior formten. 

Ästhetisch und effektiv

Das "aktuelle Fla" begeistert  ähnlich, attraktiver Offensivfußball, gleichsam ästhetisch und effektiv. Eine Formation, in der die aus der Bundesliga bekannten Rafinha (früher Schalke und Bayern) und Diego (vormals Bremen und Wolfsburg) auftauchen, in der in Europa größtenteils gescheiterte Solisten wie Bruno Henrique (früher Wolfsburg), Gerson (zuvor Rom und Florenz) und Torjäger Gabriel Barbosa (ehedem Inter Mailand und Benfica Lissabon) dominieren. Aus diesen Individualisten hat Jesus ein gut ausbalanciertes Ensemble geformt. Ihm ist gelungen, brasilianische Mentalität und Kreativität mit europäischen Tugenden wie Ordnung und Disziplin zu mischen. 

Everton Ribeiro: "Jesus weiß, wie er das Beste herausholt"

"Der Mister weiß, wie er das Beste aus jedem herausholt", schildert Everton Ribeiro, einer der Kapitäne. Und der Ex-Münchner Rafinha lobt die Kommunikation des Vorgesetzten: "Er ist offen für Dialoge, er akzeptiert unsere Ideen." Doch letztendlich hat Jesus in jeder Hinsicht das Sagen, hat sich dank seiner Erfolge eine Machtposition im Klub gesichert, die einer fast uneingeschränkten Entscheidungsgewalt gleichkommt. "Ich gebe hier die Befehle", betont der Anführer, dem niemand reinredet aus der vielköpfigen Führungsriege um Präsident Rodolfo Landim, Vize Marcos Braz und Sportdirektor Bruno Spindel.

Gewisse Narrenfreiheit

Es ist ein Führungsstil, der dem Ideal gleichkommt, das ehedem Otto Rehhagel für sich beansprucht hat. Auch Jesus agiert wie ein "demokratischer Diktator". Jesus darf alles, Jesus kann alles. Solange er Erfolg hat, genießt er, salopp formuliert, eine gewisse Narrenfreiheit. Und er kann Forderungen stellen, vieles nach seinem Gusto arrangieren. Präses Landim wollte ihn bis Ende 2021 verpflichten, dem Ende seiner eigenen Amtsperiode und dem Abschluss der nach dem Kalenderjahr ausgerichteten Spielzeit. Doch der Fußballlehrer setzte durch, dass der Kontrakt nur zwölf Monate datiert ist.

Bestbezahlter Trainer der Klubhistorie

Gut dotiert ist das neue Arbeitspapier trotz der durch Corona bedingten Abstriche allemal: vier Millionen Euro Jahresgehalt, drei Millionen an Prämien für Titel, die so gut wie sicher sind. Der bestbezahlte Trainer in der Vereinshistorie hat sich zudem eine jederzeit zu handhabende Ausstiegsklausel zusichern lassen, die bei Angeboten aus Portugal oder Spanien greift. Barça und Real, die iberischen Größen, gelten als sein Sehnsuchtsziel.

Ebenso begehrenswert und lukrativ scheint der Job als Nationaltrainer in seiner Heimat. Sein Traum ist zudem, das zu schaffen, was im Dezember bei der Finalniederlage gegen Jürgen Klopps FC Liverpool nicht glückte: der Sieg bei der Klub-WM. Damit das eintritt, was der nicht gerade von Minderwertigkeitskomplexen geplagte Zeitgenosse sich wünscht: "Wenn ich im Himmel bin, werden sie über Jesus sprechen."

Schöngeist mit historischen Kenntnisssen

Gebildet und beflissen, was historische Kenntnisse betrifft, ist der Schöngeist auf jeden Fall. So bewies er sein vorzügliches Allgemeinwissen und seinen ausgeprägten Sinn für Daten aus der Vergangenheit. In einem Eintrag bei Instagram Stunden vor seiner gefeierten Vertragsverlängerung wählte er ein jedermann bekanntes Zitat aus der Geschichte des größten Lands in Lateinamerika, das die Geburtsstunde dieser Riesennation markiert. Ein Satz, den Kaiser Dom Pedro I. 1822 gesprochen hat, als er eine Rückkehr nach Portugal ausschloss und somit die Trennung Brasiliens von Portugal besiegelte: "Sag der Nation, dass ich bleibe!"

Stand: 30.06.2020, 08:00

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