Coronavirus - Italienischer Fußball im Ausnahmezustand

Das leere Stadion von Juventus Turin

Coronavirus

Coronavirus - Italienischer Fußball im Ausnahmezustand

Von Tom Mustroph

Profis, die im Supermarkt Schlange stehen, Interviews auf Tablets und unterklassige Klubs vor dem Bankrott - am italienischen Fußball lässt sich ablesen, wie sehr das Coronavirus den Fußball beeinflusst.

Der Ball rollt nicht mehr. Das beschloss am Dienstagnachmittag (10.03.2020) ein außerordentliches Meeting des Fußballverbands FIGC. "Wir bestätigen den Stopp aller sportlichen Aktivitäten bis einschließlich 3. April", hieß es in einem Kommuniqué. Um Zeit zu gewinnen und die Serie A doch noch durchzuspielen, wurde eine Verlängerung des Spielbetriebs um eine Woche bis zum 31. Mai verkündet.

Pressevertretern stellte sich Verbandschef Gabriele Gravina nicht. Er hatte vorab die Medien ausdrücklich gebeten, sich wegen des Coronavirus nicht vor dem Amtssitz in Rom einzufinden. Das ist eine der vielen Skurrilitäten in dem vom Virus und der Angst vor dem Virus geplagten Land.

Der Verband folgte wie erwartet den in der Nacht verkündeten Beschlüssen der Regierung. Kurz vor Mitternacht hatte Italiens Premierminister Giuseppe Conte die Einstellung aller sportlichen Aktivitäten bis einschließlich 3. April verhängt. "Wir haben als Regierung eine neue Entscheidung getroffen. Wir wissen, wie schwierig es ist, unsere Gewohnheiten zu ändern. Aber die Anzahl der Ansteckungen und der Todesfälle wächst weiter in großem Maße. Deshalb können wir nicht gestatten, dass weiter Fußball gespielt wird", sagte Conte auf der nächtlichen Pressekonferenz.

Widersprüchliche Umsetzung

Die Serie-A-Klubs gehen mit der Situation unterschiedlich um. AC Mailand, AC Florenz, Lazio Rom, Hellas Verona und Cagliari sagten bereits das Training am Dienstag ab. Das neue Gesetz sieht vor, dass ein Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zwischen zwei Personen eingehalten werden muss. Fußballtraining ist so kaum möglich, Spiele sind es ganz und gar nicht. Auf Verstöße gegen die Anordnung sieht das Dekret eine Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten und eine Geldstrafe von 206 Euro vor. Das Haus darf man jetzt nur noch aus Gründen der Arbeit oder der Gesundheit verlassen.

In Neapel interpretierte man das Gesetz so, dass Training möglich war. Nach dem Vormittagstraining sah man dann die Napoli-Profis Fernando Llorente, José María Callejón und David Ospina Schlange stehen im Supermarkt, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Sie trugen keine Masken, wollten im Falle einer Quarantäne aber offenbar gut versorgt sein.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Wirtschaftlich trifft der Stopp den Fußball empfindlich. Auf acht Millionen Euro pro Spieltag schätzte das Wirtschaftsblatt "Il Sole 24 Ore" die Einnahmeverluste der gesamten Serie A bei einem Komplettausfall oder der Austragung in leeren Stadien ein. Löhne und Gehälter müssen dennoch bezahlt werden.

Die Serie-A-Klubs können dies aufgrund der Fernsehgelder (etwa fünf Mal so hoch wie die Einnahmen aus dem Stadionbesuch) noch kompensieren. Weil die Regierung den Stopp verhängte, haben die Rechteinhaber Sky und DAZN nach Recherchen von "Il Sole 24 Ore" keine Aussichten auf Entschädigung wegen nicht erbrachter Leistungen seitens der Klubs.

Härter als die Serie A trifft es die unteren Ligen, die nur wenig vom Fernsehkuchen abbekommen. "Wir haben keine Einnahmen, aber viele laufende Kosten. Wenn uns der Staat nicht hilft, gehen viele Klubs bankrott", klagte der Präsident des Zweitligisten AC Perugia, Massimiliano Santopadre. Der Präsident der 3. Liga, Francesco Ghirelli, bat deshalb schon um Steuernachlässe für diese Klubs.

Möglicher Verzicht auf Titelträger

Unklar ist zur Zeit auch, ob bei weiteren Spielausfällen überhaupt ein Meistertitel vergeben werden kann. FIGC-Präsident Gravina vertagte die Entscheidung darüber auf die nächste Sitzung am 23. März.

Die römische Tageszeitung "Repubblica" sieht folgende Alternativen: Der Scudetto wird dieses Jahr entweder nicht vergeben. Das geschah bislang nur im Kriegsjahr 1915. Oder er geht an die Mannschaft mit den meisten Punkten pro Match. Eine weitere Möglichkeit ist ein Final-Four-Turnier der aktuell vier bestplatzierten Klubs.

Unabhängig davon müsste der Verband Ab- und Aufsteiger bestimmen und der UEFA die Vertreter für Champions League und Europa League nennen. Angedacht wird für die kommende Saison eine Aufstockung auf 22 Teams; es gäbe dann keinen Absteiger, aber zwei – statt drei – Aufsteiger aus der Serie B.

Im Gespräch ist auch, dass der italienische Verband die UEFA um eine Verschiebung der Euro 2020 bittet. Dann könnten bis Mitte Juni ausgefallene Spieltage nachgeholt werden. Auf eine Nachfrage bei der UEFA, ob ein solches Ansinnen dort schon eingegangen sei, erhielt die Sportschau keine Antwort.

Champions League und Europa League gehen vorerst weiter

Einige italienische Beine treten trotz des allgemeinen Stopps aber immer noch gegen den Ball. Atalanta Bergamo trat am Dienstag in der Champions League beim spanischen Vertreter FC Valencia an. "Es ist eine surreale Situation in diesem leeren Stadion", sagte Atalanta-Coach Gian Piero Gasperini. "Mir kommt es hier so vor wie in Italien vor einem Monat", ergänzte er. Da gab es in Italien noch die Geisterspiele. Jetzt ist man dort einen Schritt weiter auf der Eskalationsstufe.

Einen Schritt weiter im Sumpf der Widersprüche ist der Klub auch. "Die Interviews vor dem Spiel haben wir auf Tablets aufgenommen. Journalisten durften nicht anwesend sein", teilte ein Atalanta-Sprecher der Sportschau mit. Hier herrschte Kontaktverbot.

In Valencia tummelten sich allerdings etwa 100 italienische Fans. Sie hatten sich trotz der verschlossenen Stadiontore auf den Weg nach Spanien gemacht. "Wir hatten keinerlei Einreisebeschränkungen. Dass wir nicht ins Stadion dürfen, ist schade. Aber wir werden uns das Spiel in einer Bar anschauen", sagten sie fröhlich dem spanischen Fernsehen.

Weitere internationale Spiele unklar

Sie hatten angesichts der Ansetzung noch Glück, genauso wie ihre Idole. Sie konnten noch in ihre Heimat zurückkehren. Um Mitternacht erst wurden alle Flüge zwischen Spanien und Italien eingestellt.

Das bringt Probleme für die weiteren italienisch-spanischen Duelle mit sich. Stand jetzt ist unklar, ob die jeweiligen Teams zu den Europa-League-Spielen Inter Mailand – FC Getafe und FC Sevilla - AS Rom (beide am Donnerstag, Rückspiele am 19. März) sowie der Champions-League-Begegnung FC Barcelona – SSC Neapel (18. März) überhaupt anreisen können.

Stark gefährdet sind auch die Länderspiele Italiens gegen England (am 27. März in London) und Deutschland (31. März in Nürnberg). Angaben darüber machte der Verband am Dienstag nicht.

Stand: 10.03.2020, 20:03

Darstellung: