Frauen im Stadion - Sieg gegen die iranischen Mullahs

Frauen in einem Fußballstadion in Teheran während eines Public Viewings

40 Jahre nach der Revolution

Frauen im Stadion - Sieg gegen die iranischen Mullahs

Von Marcus Bark

Die Frauen im Iran feiern einen Sieg gegen die ultrakonservativen Geistlichen in ihrem Land. Gut 40 Jahre nach der Revolution dürfen sie wieder legal ein Fußballspiel besuchen. Es ist aber nur ein Etappensieg.

Kirgisien spielt gegen Myanmar, Bangladesch gegen Katar, Usbekistan gegen den Jemen und Syrien gegen die Malediven. Es ist der dritte Spieltag in der zweiten Runde der asiatischen Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022. Noch wird es ein bisschen dauern, bis von der Ausscheidung mehr als die Ergebnisse in den europäischen Medien landen.

Allerdings gibt es am Donnerstag (10.10.2019) auch ein Spiel in eben jener Runde, das weltweit Beachtung finden wird. Der Iran trifft im Azadi-Stadion von Teheran auf Kambodscha und ist klarer Favorit. Die Kameras der internationalen Medien werden selten auf den Rasen, meistens auf die Tribünen gerichtet sein. Dort werden Frauen sitzen oder stehen, schweigen oder brüllen, jubeln oder verzweifeln. Das wird die Geschichte des Spiels zwischen dem Iran und Kambodscha sein - im Jahr 2019.

Es waren schon vorher Frauen im Azadi-Stadion. Sie durften beim "Public viewing" dabei sein, als der Iran während der WM 2018 gegen Portugal spielte und nur ganz knapp an dem Versuch scheiterte, ins Achtelfinale einzuziehen. Es waren auch Frauen im Azadi-Stadion, als dort im November 2018 das Finale der asiatischen Champions League ausgetragen wurde. Gianni Infantino, der Präsident des Weltverbandes, fand das als Augenzeuge toll, vermutlich wegen dessen Besuchs war das Verbot auch für diesen einen Tag gelockert worden.

Das Verbot galt seit 1979, seit der islamischen Revolution. Frauen durften nicht in Fußballstadien. Begründung: Sie sollten nicht hören, wie Männer schimpfen, nicht sehen, wie Männer in kurzen Hosen über den Platz rennen. Weil sie es nicht durften, verkleideteten sich Frauen als Männer, klebten sich Bärte an.

Anklage: Besuch eines Fußballspiels

Sahar Khodayari war Fan von Esteghlal. Vermutlich verkleidete sie sich häufig als Mann, um die Spiele ihres Klubs aus Teheran zu sehen. Am 12. März 2019 trug sie im Stadion einen langen blauen Mantel. Sie wurde erwischt, kam ins Gefängnis, auf Kaution frei, vor Gericht. Dort, vor dem Islamischen Revolutionsgericht, übergoss sie sich mit Benzin, zündete sich an, starb Tage später an den Verbrennungen. Sie wurde bekannt als das "blaue Mädchen". Sie war 29 Jahre alt.

Tod des "blauen Mädchens"

Sportschau 11.09.2019 01:02 Min. Verfügbar bis 11.09.2020 ARD

Ein paar Tage nach Sahar Khodayaris Tod gab es erste Meldungen, dass der iranische Klerus seine ultrakonservativen Vorschriften lockern würde. Reagierten sie auf den Suizid, der im Iran und weltweit einen Aufschrei hervorrief? War es wegen Infantino, der schon vor dem Drama um das "blaue Mädchen" damit drohte, den Iran von der WM 2022 auszuschließen, falls Frauen weiter von Fußballspielen ausgeschlossen würden? Vermutlich war es von vielem etwas. Jedenfalls startete Anfang Oktober tatsächlich der Verkauf von Eintrittskarten für das Qualifikationsspiel gegen Kambodscha.

Raha Pourbakhsh

Raha Pourbakhsh zeigt ein elektronisches Ticket für das Spiel Iran - Kambodscha.

Raha Pourbakhsh zeigte ihr elektronisches Ticket einem Fotografen von "afp". Im Gespräch mit der französichen Nachrichtenagentur sagte die Fußballjournalistin aus dem Iran: "Ich kann das immer noch nicht glauben. Nach all den Jahren, die ich nun in diesem Bereich arbeite, nachdem ich mir das alles im Fernsehen angesehen habe, kann ich das jetzt vor Ort erleben."

Pourbakhsh erzählte von Frauen, die weite Reisen auf sich nehmen würden, und dass noch viel mehr als die etwa 4.000 Frauen Karten gekauft hätten, so sie es denn gekonnt hätten. Aber das Kontingent war sehr begrenzt, knapp 80.000 Zuschauer haben im Azadi-Stadion Platz.

In sozialen Medien gebe es daher bei aller Freude auch Kritik von iranischen Frauen, sagt ARD-Korrespondentin Natalie Amiri. Zu wenig Plätze, und die auch noch in einem abgesperrten Sektor - das ärgere vor allem die Aktivistinnen. Die von Twitter verifizierte Bewegung "OpenStadiums" veröffentlichte am Tag vor dem Spiel Fotos, die angeblich zeigen, wie Metallzäune am Sektor für Frauen im Azadi-Stadion angebracht werden.

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Ob die Fotos aktuell sind? Ob sie tatsächlich das Azadi-Stadion zeigen? Falls ja: Grenzen sie tatsächlich den Frauensektor ab? Von Deutschland aus sehr schwierig festzustellen.

Hossein Mehrzad teilte auch ein Foto des Metallzauns. "Ja, bitte macht ein Gitter zwischen uns und die Frauen, sonst fressen wir uns wie Zombies", schrieb der iranische Journalist in sarkastischem Ton dazu.

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Die Menschen im Iran sind auf die sozialen Medien angewiesen, um sich über den Kampf der Frauen gegen die Mullahs für Stadionbesuche zu informieren. "In den klassischen Medien wird das Thema weitgehend totgeschwiegen", sagt Amiri. Sie wird für die ARD über das historische Spiel zwischen dem Iran und Kambodscha berichten. Ein Spiel, das für die Frauen im Iran nur ein Etappensieg ist. Bei Ligaspielen und Partien in kontinentalen Vereinswettbewerben müssen sie weiter draußen bleiben - im Jahr 2019.

Stand: 09.10.2019, 15:00

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