UEFA-Präsident Ceferin über eine Fußball-EM 2021 in allen Varianten

Euro 2020 - das Turnier der großen Herausforderungen Sportschau 14.10.2020 03:50 Min. Verfügbar bis 14.10.2021 Das Erste

UEFA-Präsident im Interview

UEFA-Präsident Ceferin über eine Fußball-EM 2021 in allen Varianten

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin erklärt im Interview, warum sein Verband viele Spiele braucht, was er von kritischen Vereinstrainern hält - und wie die Fußball-EM im nächsten Jahr aussehen könnte.

Sportschau: Die Fußball-EM 2020 findet jetzt im Sommer 2021 statt. Glauben Sie, dass das Turnier so stattfinden kann, wie Sie sich das wünschen?

Ceferin: Derzeit planen wir die EURO genauso, wie wir Sie uns wünschen. Natürlich hätte ich Ihnen im Februar gesagt, dass die EURO diesen Sommer normal mit vollen Stadien stattfinden wird. Aber innerhalb eines Monat hat sich alles geändert. Hätten Sie mich im Februar gefragt, ob ich auf eine Pandemie vorbereitet bin, die die Welt anhält, hätte ich Sie für verrückt erklärt. Aber jetzt sind wir gut vorbereitet. Wir sind schlauer und stärker als im vergangenen Jahr, da wir jetzt wissen, dass alles passieren kann.

Sportschau: Das Turnier soll in zwölf Ländern stattfinden. Wäre eine Lösung, wie Sie es in der Europa und Champions League getan haben, dass Sie die EURO an einen Standort verlegen?

Ceferin: Derzeit denken wir nicht darüber nach, aber wir könnten verschiedene Sachen umsetzen. Wir haben Überlegungen, wie wir es mit Fans machen, ohne Fans, mit 30, 50 ,70 Prozent. Wie ich es schon häufig gesagt habe, diese Idee einer EURO ist symbolisch eine nette Sache, aber für uns keine einfache Aufgabe, auch unabhängig von der Pandemie. Wir sind darüber nicht so glücklich, aber wir haben diese EURO und werden die Aufgabe auch lösen. Das ist eine große Herausforderung, aber ich bin mir sicher, die EURO wird nächstes Jahr gespielt.

Aleksander Ceferin: "Politiker in Europa müssen optimistischer sein" Sportschau 13.10.2020 01:16 Min. Verfügbar bis 13.10.2021 Das Erste

Sportschau: Diese EURO war ein großer Traum von Michael Platini. Hätten Sie diese Entscheidung auch getroffen?

Ceferin: Ich denke nicht, dass ich das so nochmal unterstützen würde.

Sportschau: Denken Sie, dass Deutschland als Austragungsort in Frage kommt, falls das Turnier an nur einem Standort stattfinden kann?

Ceferin: Darüber haben wir nicht nachgedacht. Natürlich gibt es nur wenige Länder, die dafür in Frage kommen, ein solches Turnier zu veranstalten, wie wir es in Portugal und Deutschland getan haben. Deutschland wäre natürlich geeignet, aber darüber haben wir noch nicht nachgedacht. Wir sind weiterhin optimistisch, dass es auch so geht.

Sportschau: Einer der zwölf Standorte ist Baku in Aserbaidschan. Dort herrscht derzeit aufgrund des Bergkarabachkonflikts Krieg.

Ceferin: Ehrlich gesagt beobachten wir diesen Konflikt noch. Vor ein paar Wochen hat dieser begonnen, also ist er auch für uns neu. Wir haben uns noch nicht so sehr damit beschäftigt. Wir sind eine Sportorganisation, keine politische Organisation. Daher wollen wir uns nicht in politische Kämpfe einmischen. Aber es ist eine traurige Angelegenheit und ich hoffe, dass diese bald friedlich gelöst wird.

Sportschau: Aber wäre es möglich, dass die UEFA in diesem besonderen Fall einen Standort ersetzt?

Ceferin: Ich rede nicht über diesen Fall, aber theoretisch könnten wir die EURO in zwölf Ländern, in elf Ländern, in zehn Ländern, in drei Ländern oder in einem austragen. Wir können es machen, wie wir wollen. Das Problem ist, dass wir bereits sehr viel Arbeit in das Turnier gesteckt haben, alles ist vorbereit. Wenn wir jetzt etwas ändern würden, wäre das ein großer Aufwand.

Sportschau: Wie fühlen Sie sich generell angesichts dieser Pandemie?

Aleksander Ceferin: Es ist eine furchtbare Situation, nicht nur für den Fußball. Es ist derzeit unberechenbar, was passiert und das ist, was uns am meisten beunruhigt. Wir wissen nicht, wie lange es geht, wir wissen nicht, wann wir ein Heilmittel haben. Wir erleben sehr viel Panik, sehr viel Populismus. Es ist keine schöne Zeit. Aber ich glaube, dass man aus solchen Situationen stärker und klüger herausgehen kann.

Sportschau: Die UEFA bekommt derzeit sehr viel Druck. Was tun Sie, um die Gesundheit der Spieler zu gewährleisten?

Ceferin: Wir haben ein unfassbar starkes Gesundheitskonzept. Ich kenne nicht die genaue Zahl, aber wir haben seit August mehr als 420 internationale Spiele absolviert, nur UEFA-Spiele - ohne einen ernsthaften Vorfall. Sport ist nicht nur eine große Industrie, ein großer Finanzmarkt, der viele Leute beschäftigt. Sport ist wichtig, da er den Leuten Freude bringt, er gibt den Menschen Hoffnung. Daher denke ich, dass die Regierungen dabei helfen sollten, dass der Sport weitergehen kann.

Sportschau: Die Champions League beginnt in diesem Jahr sehr spät, so dass die Spieler einen sehr eng getakteten Spielplan haben. Leute wie Jürgen Klopp und Arsène Wenger sagen, dass die UEFA Nations League zu den "sinnlosesten Wettbewerben" gehöre.

Ceferin: Ich mag Jürgen Klopp sehr gerne, und ich kann verstehen, dass er dies als Liverpool-Trainer sagt. Wäre er Trainer der deutschen Nationalmannschaft, würde er sicher etwas anderes sagen. Bezüglich Arsène Wenger, ich glaube die UEFA hat Wichtigeres zu tun, als sich mit solchen Aussagen zu beschäftigen. Manche Leute brauchen einfach Aufmerksamkeit. Die Nations League ist ein großartiger Wettbewerb. Länderspiele sind auch sehr wichtig für die Vereine. Wer das nicht erkennt, versteht das große Ganze nicht.

Sportschau: Jürgen Klopp fragt sich, ob der Fußball so viele Spiele und so viel finanziellen Profit unbedingt braucht.

Ceferin: Wenn wir alle, auch Trainer und Spieler, ihre Gehälter kürzen würden, bräuchten wir nicht so viel Profit. Wenn wir den Jugend- und Frauenfußball nicht weiter fördern wollen, brauchen wir keinen Profit. Wenn wir den Fußball nicht fördern wollen und große Talente aus der Jugend nicht entwickeln wollen, brauchen wir keinen Profit. Die UEFA hat keinen großen Profit, sie investiert etwa 90 Prozent der Einnahmen in nationale Verbände und in die Vereine.

Sportschau: Es gibt Vereine, die besonders unter den Auswirkungen des Corona-Virus leiden. Haben Sie einen Plan, um diese Vereinen auch finanziell zu unterstützen?

Ceferin: Besonders die mittelgroßen und kleinen Vereine leiden sehr. Wir wissen derzeit noch nicht, welchen Einfluss die Pandemie auf die finanzielle Situation der UEFA haben wird. Daher müssen wir abwarten, bis das alles vorbei ist, und dann überlegen wir, wie wir helfen können. Nicht nur den Vereinen, sondern auch den nationalen Verbänden. Die Situation ist so unberechenbar, dass wir erstmal versuchen, die Spiele stattfinden zu lassen. Hauptsächlich ohne, teilweise auch mit wenigen Zuschauern.

Sportschau: Apropos Zuschauer. Beim Supercup in Budapest war das Stadion ganz gut gefüllt, dafür gab es sehr viel Kritik, schließlich war Budapest ein Risikogebiet. Wieso wollten Sie so viele Fans zulassen?

Ceferin: Es ist sehr einfach, zu Hause zu sitzen, nichts zu tun und zu kritisieren. Das machen die Leute. Die anderen, wie wir bei der UEFA, versuchen, Dinge zu verändern, versuchen den Leuten Hoffnung zu geben. Wir wollten den Menschen zeigen, dass das Wichtigste am Fußball die Spieler und die Fans sind, alles andere ist zweitranging. Um ehrlich zu sein, ist die Kritik nach dem Spiel verstummt, da nichts passiert ist. Denn wir haben einen guten Job gemacht. Es ist typisch und populistisch von den Kritikern, dass sie nach dem Spiel nicht gesagt haben, dass das eine gute Sache war und wir auf weitere solche Spiele hoffen dürfen. Sie warten auf die nächste Situation und tun bis dahin gar nichts. Ich mag so etwas nicht und werde das nicht unterstützen.

Sportschau: Hat der Fußball eine Zukunft ohne Fans?

Ceferin: Nein, das denke ich nicht. Fußball ohne Fans ist kein richtiger Fußball. Wie ich bereits sagte, beim Fußball geht es um die Spieler und die Fans. Ich muss sagen, mit den 16.000 Zuschauern in Budapest, das war schon sehr emotional für uns. Es hat sich nach Normalität angefühlt. Wir werden zurückkommen und den Fußball wieder so erleben, wie wir ihn kennen. Wir haben in der Geschichte schon Vieles erlebt, wir werden auch diese Pandemie überleben. Wir müssen optimistisch bleiben. Auch die Politiker in Europa müssen optimistischer sein. Ein richtiger Anführer muss optimistisch zu den Leuten sprechen. Danach darf er oder sie sich in einen Raum zurückziehen und den ganzen Tag weinen. Aber nach außen muss man optimistisch auftreten und den Leuten sagen, dass es besser wird, denn es wird besser werden.

Das Gespräch führte Robert Hunke

Stand: 13.10.2020, 13:44

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