FC Granada – Denn sie wissen, was sie tun

FC Granda hat allen Grund zum Jubel: der Aufsteiger ist aktuell Tabellenzweiter in Spanien

La Liga, 11. Spieltag

FC Granada – Denn sie wissen, was sie tun

Von Tim Beyer

20 Punkte aus elf Spielen, zwischenzeitlich gar Tabellenführer: Der Aufsteiger Granada schreibt gerade eine Erfolgsgeschichte, wie es sie nicht mehr oft gibt. Sie erzählt von andalusischen Chamäleons und einem gewieften Sportwissenschaftler

Am Ende eines aufregenden Tages, an dem die Fußballer des FC Granada im andalusischen Duell gegen Real Betis Sevilla 1:0 gewonnen und damit zum ersten Mal seit 46 Jahren die Tabellenführung in der Primera Division erobert hatten, drehte sich der Trainer Diego Martinez zur Haupttribüne um, er riss beide Arme in die Luft, dann schrie er all seine Freude heraus. Später sagte Martinez, er habe sich bei allen im Stadion für die Unterstützung bedanken wollen. "Die Verbindung war enorm. Wenn sich die Fans so mit dir und deinen Zielen identifizieren, ist das schon außergewöhnlich."

Ein paar Tage ist das jetzt her, und in Spaniens Medienlandschaft wundern sie sich ausdauernd über diese Erfolgsgeschichte, die so niemand vorhergesehen hatte. "Der beste Neuling in Europa", schrieb die spanische Zeitung "Marca" über den FC Granada, der von den ersten zehn Ligaspielen sechs gewonnen hat, darunter auch eins gegen den FC Barcelona.

Das mit der Tabellenführung hatte sich dann am Dienstagabend (29.10.2019) schon wieder erledigt, als Barca einen auf Spielverderber machte und 5:1 gegen Valladolid gewann. Mit dem 1:3 (0:1) beim FC Getafe am Donnerstagabend ist Granada vom zweiten zunächst wieder auf den fünften Platz abgerutscht, doch das ist ja immer noch kurios genug - es aktuell bleibt bei nur einem Punkt Rückstand auf Real Madrid und zwei Zählern bis zum FC Barcelona.

Das Phänomen Granada

Bleibt die Frage, wie das alles soweit kommen konnte: Dass Granada in diesem Jahrhundert der erste Aufsteiger ist, der nach zehn Spieltagen Spitzenreiter in La Liga war? Dass im eigenen Stadion kein Verein erfolgreicher ist als der Außenseiter Granada?

Es sind Fragen, die sich in Spanien gerade viele Menschen stellen. Was sie eint, ist, dass man auf der Suche nach Antworten eher früher als später auf die Personalie des Trainers Martinez stoßen wird. Martinez, 38, ist der jüngste Trainer der Liga, wahrscheinlich war er bis vor einigen Wochen auch ihr unbekanntester. Doch jetzt, wo Granada La Liga aufmischt, wollen sie es alle wissen: Wer ist eigentlich dieser Martinez?

Diego Martinez, Trainer vom FC Granada

Diego Martinez, Trainer vom FC Granada

Als Martinez im Frühsommer 2018 als neuer Trainer vorgestellt wurde, lag hinter dem Verein eine Zweitliga-Spielzeit, in die er mit großen Hoffnungen gestartet war und die er als Tabellenzehnter beendet hatte. Es war eine Enttäuschung gewesen. Trotzdem träumte man in Granada von der Rückkehr in die Primera Division, lieber kurz- als mittelfristig. Und weil nicht viel Geld für neue Spieler da war, musste einer her, der schon gezeigt hatte, dass er das kann: einen Kader analysieren, die passende Taktik entwerfen und Spieler entwickeln. Jemand wie Martinez, zuvor beim Ligakonkurrenten CA Osasuna tätig.

Immer nur Pragmatismus war Martinez zu wenig

"Wenn ich Zitronen habe, werde ich Limonade daraus machen", sagte Martinez bei seiner Vorstellung. "Und wenn ich Orangen habe, mache ich daraus Orangensaft.“ Das war der Pragmatismus, nach dem sie sich beim FC Granada gesehnt hatten. Doch es dauerte nur einige wenige Wochen, dann zeigte sich: Immer nur Pragmatismus, das war Martinez dann doch zu wenig. Wozu hatte er denn als Co-Trainer von Unai Emery beim FC Sevilla gelernt und was nützte ihm all das Wissen aus dem Studium der Sportwissenschaften?

Also begann Martinez zu experimentieren. Er stabilisierte zunächst die Defensive, am Ende der Saison sollte sie mit nur 28 Gegentoren in 42 Spielen die beste der Liga sein. Als das gelungen war, wandte er sich der Offensive zu; er übte verschiedene Systeme ein und unterschiedliche Pressingvarianten, und die Mannschaft verstand ihn. Granada wurde Zweiter und stieg auf, auch weil Martinez erkannt hatte, dass man Zitronen und Orangen durchaus mischen kann.

Herausgekommen ist eine Limo, die in Granada allen schmeckt, nur alle anderen verziehen überrascht das Gesicht.

Auch Barcelona hat in Granada verloren

So erging es auch den Superstars von Barca, das Ende September zu Gast war im Estadio Los Cármenes. Sie wollten den Ball haben? Bitte, sie durften ihn gerne haben, solange sie sich dem Tor von Granada nicht allzu sehr näherten. Barcas Spiel durch die Mitte erlahmte, Granada hingegen reichten 26 Prozent Ballbesitz, um am Ende dreimal so oft auf das gegnerische Tor geschossen zu haben wie die Katalanen. Endstand: 2:0 für den Underdog aus Andalusien.

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Es wäre allerdings falsch, Granada nur auf jene gegen Barcelona so erfolgreiche Defensivtaktik zu reduzieren. Am ersten Spieltag lieferte der Aufsteiger beim 4:4 ein Spektakel gegen Villareal, auch bei Real Madrid traf die Mannschaft immerhin zweimal. Seine Spieler müssten wie "Chamäleons" sein, hat Martinez einmal gesagt. Clever, anpassungsfähig und doch mit einer eigenen Identität.

Und doch ist der FC Granada noch immer vor allem eins: ein Underdog. Von den 20 Vereinen in La Liga geben aktuell nur zwei weniger für die Gehälter ihrer Spieler aus, hat der britische "Guardian" errechnet, der FC Barcelona hingegen 18-mal so viel. Und für die 15 Neuzugänge gab Granada lediglich sieben Millionen Euro aus, mehr war nicht drin. Die bekanntesten Spieler im Kader sind der Ex-Bundesligaspieler Adrian Ramos, der nur noch ein Joker ist, und der Ex-Nationalspieler Roberto Soldado.

Sánchez, die Tabelle und ein Kaugummi

Und sonst? Ein Haufen junger Spieler, die noch nicht den Durchbruch in Spaniens erster Liga geschafft haben. Die Granada und die taktischen Anweisungen von Trainer Martinez als Chance begreifen. So wie Alvaro Vadillo, ausgebildet in der Jugend von Real Betis. Er schoss am vergangenen Spieltag prompt das Siegtor gegen seinen Ausbildungsverein. Es war überhaupt erst sein zweites in La Liga.

Er schaue generell nicht gerne auf die Tabelle, hat Martinez nach dem Sieg gegen Betis gesagt. Es sei auch völlig "undenkbar“, dass seine Mannschaft noch am Saisonende so weit oben stehe. Und der Verteidiger Germán Sánchez sagte: "Das ist wie mit einem Kaugummi. Mal sehen, wie lange wir das dehnen können.“

Stand: 31.10.2019, 23:13

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