Transfers in der Coronakrise - Ansturm auf ablösefreie Spieler?

Symbolbild - Fußball, Maske und Geld

Transfermarkt

Transfers in der Coronakrise - Ansturm auf ablösefreie Spieler?

Von Julian Tilders

Eine Entfremdung von gesellschaftlichen Werten wurde dem Fußball mit seinen Mega-Transfers und astronomischen Gehältern in jüngerer Vergangenheit vorgeworfen. In der Coronakrise stehe der Fußball "als gesamtes System" so deutlich wie noch nie auf dem Prüfstand, mahnte zuletzt die Fan-Organisation "Unsere Kurve".

Die finanziellen Engpässe, mit denen noch vor einigen Monaten kein Klub gerechnet hat, betreffen etablierte Klubs in ganz Europa. Der englische Rekordmeister Manchester United zum Beispiel sieht sich zur Abkehr von den kostspieligen Transfers der Vergangenheit gezwungen. "Niemand sollte sich Illusionen hingeben, was die Größe der Herausforderungen angeht, vor die der Fußball gestellt wird", sagte Klub-Chef Ed Woodward einem Fanforum.

United-Boss: Hundert-Millionen-Transfers unrealistisch

United wurde in der englischen Presse zuletzt Interesse an mehreren Stars nachgesagt, darunter die Nationalspieler Jadon Sancho von Borussia Dortmund und Harry Kane (Tottenham Hotspur). Wer diese Gerüchte über Transfers in Höhe von Hunderten Millionen Pfund schüre, "verkennt die Realitäten", sagte Woodward. In der Premier League ruht der Spielbetrieb seit sechs Wochen, ein Fortsetzungstermin ist nicht in Sicht. Schätzungen zufolge droht den Klubs der umsatzstärksten Fußball-Liga der Welt insgesamt ein Verlust von umgerechnet mehr als einer Milliarde Euro.

Kampf um ablösefreie Spieler vorstellbar

Als Konsequenz der offenbar schwindenden Finanzkraft der europäischen Top-Adressen könnte im kommenden Transferfenster die Stunde der ablösefreien Spieler schlagen. Dies deutete Verteidiger Jan Vertonghen von den Tottenham Hotspur, dessen Arbeitspapier ausläuft, gegenüber dem belgischen TV-Sender "Play Sports" an: "Viele Vereine haben nicht das Geld, um Transfers abzuschließen. Ablösefreie Spieler wie ich sind umso mehr begehrt in der Coronavirus-Krise."

Corona verändert die Gesellschaft und den Fußball Sportschau 25.04.2020 05:10 Min. Verfügbar bis 25.04.2021 Das Erste

Der Belgier, der sich zwar vorstellen kann, bei den "Spurs" zu verlängern, sich aber "alle Optionen offen" halten will, bestätigte zudem: "Seit Januar sind einige Klubs mit konkreten Angeboten auf mich zugekommen." Die spanische oder italienische Liga seien für den 33-Jährigen durchaus denkbare Ziele. Vertonghen wähnt sich in einer starken Verhandlungsposition.

Weitere internationale Stars mit auslaufendem Vertrag

Mit dieser Auffassung könnte er nicht alleine sein. In der Beletage des europäischen Spitzenfußballs laufen die Verträge weiterer Stars im Sommer aus. Auf Verteidiger Thomas Meunier (Paris Saint-Germain) soll schon seit längerer Zeit Borussia Dortmund ein Auge haben, auch Top-Stürmer Edinson Cavani (ebenfalls PSG) will sich wohl neu orientieren. Der Kontrakt des brasilianischen Offensivspielers Willian beim FC Chelsea läuft ebenso aus wie das Arbeitspapier von Dries Mertens beim italienischen Spitzenklub SSC Neapel.

Auch die Wege von Borussia Dortmund und dem ablösefreien Mario Götze werden sich aller Voraussicht nach trennen. Götze hat daher entschieden, sich "in der sportlichen Planung meiner Karriere neu aufzustellen" - und jüngst den in England, Spanien und Italien wohl gut vernetzten Reza Fazeli als Berater engagiert.

Erfolgreich pokern womöglich schwierig

Im kommenden Transferfenster wird der Ansturm auf ablösefreie Profis und die damit einhergehende Konkurrenzsituation zwischen den Top-Klubs womöglich groß sein. In der Branche ist es indes kein Geheimnis, dass ablösefreie Stars mitunter mit hohen Handgeldern und Gehältern gelockt werden. Etwas, das der ein oder andere betroffene Fußballprofi bei seiner Zukunftsplanung sicherlich bedenkt.

Wie von Vertonghen bemerkt, ist es realistisch, dass viele Klubs die in letzter Zeit stetig gestiegenen Ablösesummen nicht mehr bezahlen können oder wollen. Doch es ist ebenso vorstellbar, dass auch Handgelder und Gehälter nicht mehr im bisher gekannten Ausmaß fließen. "Ein Spieler am Ende des Vertrags wie Mario Götze zum Beispiel wird nicht mehr die bisherigen Beträge erhalten", prognostizierte DFB-Direktor Oliver Bierhoff bereits. Die wahre Stärke der Verhandlungsposition ablösefreier Spieler wird sich wohl erst noch zeigen.

Stand: 25.04.2020, 16:17

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