Robin Gosens: "Die Situation in Bergamo war erschütternd"

Robin Gosens

Interview mit Robin Gosens

Robin Gosens: "Die Situation in Bergamo war erschütternd"

Keine Stadt in Europa war so stark von der Corona-Pandemie betroffen wie Bergamo in Norditalien. Fußballprofi Robin Gosens von Atalanta Bergamo hat die Krise dort verbracht. Im Interview mit sportschau.de spricht er über Wochen der Isolation, die Rückkehr zum Training und die Fortsetzung der Bundesliga.

Herr Gosens, in Deutschland geht es im Fußball in ein paar Tagen wieder los. Eine Agentur titelte: Die Fußball-Welt schaut bewundernd auf die Bundesliga. Sie aus Italien auch?

Robin Gosens: Auf jeden Fall. Man schaut da schon ein bisschen mit einem neidischen Blick hin. Man will nichts lieber als Fußball spielen und in Deutschland darf es jetzt wieder losgehen. Dementsprechend gucken wir auch ganz genau hin, weil wir natürlich auch wissen, dass Deutschland jetzt ein Riesenbeispiel für alle anderen Ligen sein wird. Dementsprechend hoffen wir, dass da alles gut geht und Italien vielleicht nachzieht, weil sie sehen, dass es ein gutes Konzept ist, das da ausgearbeitet wurde.

Ist es angesichts der nicht überwundenen Coronagefahr richtig, jetzt mit Fußball wieder anzufangen?

Gosens: Man kann keine hundertprozentige Gewissheit haben. Die Gefahr von Neuinfektionen besteht. Das kann man einfach nicht ausschließen. Ich denke aber, auf dieser Basis wurde das Sicherheitskonzept in Deutschland entwickelt. Es ist durch mehrere Instanzen gegangen und bietet damit jetzt die maximal mögliche Sicherheit. Ob es dann ethisch vertretbar ist, ist eine andere Frage.

Sie haben die acht Wochen Lockdown in Italien fast komplett in Bergamo verbracht, die Stadt die wegen ihrer hohen Todesrate in der Covid-19-Pandemie teilweise als die gefährlichste Stadt Europas galt. Haben Sie diese spezielle Situation realisiert, auch wenn sie fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden waren?

Gosens: Natürlich nicht so, als wenn man auf einer Station in einem Krankenhaus gewesen wäre. Aber es war eine sehr, sehr intensive, sehr prägende Zeit. Besonders in der ersten Phase, in der es extrem viele Tote bei uns gegeben hat, hat man es definitiv mitbekommen. Das einzige, was zu hören war, waren die Sirenen von Krankenfahrzeugen oder Hubschauer, die Leute irgendwo abgeholt und in Krankenhäuser transportiert haben. Ansonsten waren die Straßen total leergefegt, und wenn man nur diese Geräusche hört, dann verinnerlicht man das. Auch durch alle Medien bekam man suggeriert, dass man im aktuell schlimmsten Ort Europas ist. Das ist schon sehr erschütternd gewesen.

"Das Land zu verlassen, wäre nicht das richtige Zeichen gewesen"

Waren Sie mal draußen? Oder haben Sie, wie viele Italiener in der Zeit, Ihr Haus so gut wie nie verlassen?

Gosens: Das erste Mal nach zwei Wochen. Wir hatten ja kurz zuvor das Spiel gegen Valencia und da wurde klar, dass einige Spieler von Valencia infiziert waren. Da hatten wir eine häusliche Isolation von 14 Tagen. Danach war es immer noch nicht sicher genug, und wir haben uns die Einkäufe nach Hause bringen lassen. Das tägliche Highlight war, den Müll rauszubringen. Weil es das Einzige war, wofür man das Haus verlassen durfte. Ansonsten waren wir zu Hause, weil wir die Situation, um ehrlich zu sein, einfach auch zu gefährlich fanden. Deswegen haben wir es komplett gemieden.

Viele andere aus der Serie A sind schon ganz am Anfang in die Heimat gefahren, wie zum Beispiel Cristiano Ronaldo. Sie sind fast die ganze Zeit in Bergamo geblieben. Warum?

Gosens: Zum einen hätten wir Spieler nichts lieber gemacht, als zu unseren Familien zurückzugehen. Andererseits, und da waren wir ausländischen Spieler uns alle relativ schnell einig, wäre es nicht das richtige Zeichen gewesen, wenn man dann in ein anderes Land reist zu seiner Familie. Ich persönlich fand es nicht richtig, das Land zu verlassen und zu flüchten, weil wir hier in Bergamo so ein bisschen die Helden von allen Leuten sind. Wenn wir dann weggefahren wären und das Land verlassen hätten, dann wäre das nicht das richtige Zeichen gewesen. Die Regierung hat gesagt, dass jeder soweit es geht, zu Hause bleiben soll und wenn sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nicht daran halten, obwohl wir irgendwo eine Vorbildfunktion haben, wäre das nicht gut gewesen. Und entsprechend haben wir die Entscheidung getroffen.

Was konnten sie in dieser Zeit in den eigenen vier Wänden machen, wie trainieren?

Gosens: Das Schlimmste an der Zeit war eigentlich, dass man keinen Alltag hatte. Ich glaube, für jede Person ist es wichtig, einen Rahmen zu haben, in dem man sich bewegen kann, mit gewissen Verpflichtungen und festen Terminen. Das hat in der Zeit natürlich komplett gefehlt. Man ist tagein, tagaus aufgestanden. ohne irgendwie ein Ziel oder einen Plan zu haben. Man versucht, sich fit zu halten, zu trainieren. Aber das war nach und nach immer schwieriger, weil die Motivation gefehlt hat, weil man nicht wusste, worauf man hinarbeitet.

Wie haben Sie gegengesteuert?

Gosens: Ich hatte das große Glück, dass ich ein Studium mache. Ich studiere Psychologie an der Fernuni. Da hatte ich einiges nachzuholen aufgrund der intensiven Phase davor in der Champions League. Jetzt hatte ich die Zeit. Das war das einzig Positive. Ansonsten hat man sich Beschäftigungen gesucht, um irgendwie die Tage zu überbrücken.

Stand: 10.05.2020, 09:38

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