EM-Quali - Kosovo vor sportlichen und politischen Erfolgen

Kosovos Vedat Muriqi jubelt nach seinem Tor zum 1:1

Die große Chance auf die EURO 2020

EM-Quali - Kosovo vor sportlichen und politischen Erfolgen

Von Chaled Nahar

Die Mannschaft des Kosovo ist in der Qualifikation ungeschlagen und spielt heute in England. Die Chance auf die EURO 2020 ist riesig. Eine Qualifikation wäre mit sportlicher, aber auch politischer Aufmerksamkeit verbunden.

Der Kosovo ist seit 15 Länderspielen ungeschlagen. Zuletzt gewann die Mannschaft gegen Tschechien nach einem Rückstand mit 2:1 (1:1). Am Dienstag (10.09.2019) trifft das Team in Southampton auf England. "Das sind die größten Spiele unserer Geschichte", sagt Bernard Challandes. Der Schweizer trainiert die Mannschaft seit März 2018. "Wir freuen uns seit der Auslosung darauf."

Das Dasein als Fußballzwerg schnell beendet

Gegen England bleibt dem Kosovo selbstredend nur die Rolle des Außenseiters. England erzielte in drei Partien 14 Treffer, die Offensive wirkt übermächtig. Mit dem Verteidigen hat das Team aus dem Kosovo aber Probleme, wie Trainer Challandes einräumt und deshalb von einer defensiven Ausrichtung öffentlich abrückt. "Das entspricht auch nicht meinem Naturell als Coach. Nein, es wird das pure Gegenteil sein. Wir müssen ein bisschen Verrücktheit an den Tag legen. Und viel Leidenschaft".

Kosovos Trainer Bernard Challandes bei der Pressekonferenz

Kosovos Trainer Bernard Challandes bei der Pressekonferenz

Der Kosovo ist als Staat seit 2008 unabhängig, doch erst seit 2016 ist er Mitglied in der UEFA und damit für offizielle Länderspiele zugelassen. Sein erstes offizielles Länderspiel fand in Franfurt am Main statt, zahlreiche Fans feierten das 2:0 gegen Färöer als Beginn der sportlichen Unabhängigkeit. Die Qualifikation zur WM 2018 verlief allerdings desaströs, in ihrer Gruppe holte die Mannschaft in zehn Spielen nur einen Punkt. Es schien der Start in ein Dasein als Fußballzwerg zu sein - doch nun hat der Kosovo allerbeste Chancen, die EURO 2020 zu erreichen. Und zwar auf zwei Wegen.

Die Qualifikation ist keineswegs unrealistisch

In der Liga D der Nations League gewann der Kosovo seine Gruppe und sicherte sich so die Teilnahme an den Playoffs im März 2020, in denen zwischen vier Teams aus der Liga D ein Teilnehmer an der EURO 2020 ermittelt wird. Die Mannschaft muss in einem Halbfinale und einem Endspiel gegen die anderen Teams aus Georgien, Weißrussland oder Nordmazedonien gewinnen - dann wäre die Qualifikation geschafft.

In der regulären EM-Qualifikation holte der Kosovo zwei Siege und zwei Unentschieden aus den ersten vier Spielen. Es könnte daher auch sein, dass der Kosovo die Playoffs gar nicht mehr braucht und sich direkt über die Gruppe qualifiziert. Nach dem Spiel in England folgen noch das Heimspiel gegen Montenegro, eine Partie in Tschechien und das letzte Spiel zu Hause gegen England. In Gruppe A belegen die Kosovaren vor dem Spiel in Southampton mit acht Punkten hinter Spitzenreiter England, der neun Punkte hat, den zweiten Rang. Dritter ist Tschechien mit sechs Zählern. Dass es der Kosovo auf eine der beiden Arten schafft, ist also keineswegs unrealistisch.

So funktioniert die EM-Qualifikation Sportschau 06.09.2019 01:20 Min. Verfügbar bis 06.09.2020 Das Erste

Vier EM-Gastgeber mit politischer Ablehnung

Sportlich wäre dem Kosovo so eine große Aufmerksamkeit garantiert - politisch ebenfalls. Denn die EURO 2020 findet in zwölf Ländern Europas statt. Mit Aserbaidschan, Russland, Rumänien und Spanien erkennen vier Regierungen dieser Länder den Kosovo jedoch nicht als Staat an. Während Aserbaidschan ankündigte, den Kosovo im Falle einer Qualifikation ohne Einschränkungen zu empfangen, ist die grundsätzliche Ablehnung in Spanien ungleich größer.

Bei der Karate-WM 2018 in Madrid beispielsweise durften kosovarische Kämpferinnen und Kämpfer zunächst nicht einmal das Wort "Kosovo" auf der Kleidung tragen, das IOC intervenierte. Im Fußball wurden Spiele der U17-Nationalmannschaften aus dem Kosovo und Spanien auf neutrales Terrain verlegt - weil der spanische Verband sich weigerte, kosovarische Symbole wie die Flagge oder die Hymne zu präsentieren.

Der Hintergrund: Spaniens Regierung will abtrünnigen Regionen wie Katalonien oder dem Baskenland keine Argumente oder Präzedenzfälle liefern. Spanien trägt bei der EM 2020 drei Gruppenspiele und ein Achtelfinale aus - in Bilbao, im Baskenland. Auch Rumänien und Aserbaidschan haben abtrünnige oder umkämpfte Regionen. Russland hat verschiedene geopolitische Gründe, den Kosovo nicht anzuerkennen.

Neue Aufmerksamkeit für staatliche Anerkennung

Dem Kosovo kann das sportlich egal und politisch nur recht sein. Denn die UEFA als Ausrichter wird sich kaum von einzelnen Verbänden in den Konflikt hineinziehen lassen, ansonsten könnte eine entsprechende Gestaltung der Auslosung oder des Spielplans ein Ausweg sein. Die Tatsache, dass der Kosovo von fünf EU-Mitgliedern und zahlreichen weiteren Staaten nicht anerkannt wird, könnte so aber neue Öffentlichkeit bekommen. "Um ehrlich zu sein, der Erfolg unserer Mannschaft hat einen großen Einfluss auf die Anerkennung unseres Staates in anderen Ländern", sagte Eroll Salihu, Generalsekretär des kosovarischen Verbandes, im Deutschlandfunk.

Statistik

Fußball · Qualifikation zur Europameisterschaft · 5. Spieltag 2019/2020

Samstag, 07.09.2019 | 15.00 Uhr

Kosovo

Muric – Vojvoda, Rrahmani, Aliti, Hadergjonaj – Voca, Halimi (87. Rashkaj) – Zhegrova (56. Muslija), Celina, Rashani (51. Va. Berisha) – Muriqi

2

Tschechien

Vaclik – Kaderabek, Celustka, Suchy, Boril – Darida, Soucek – Masopust (80. Dolezal), Kral (72. Husbauer), Jankto – Schick (61. Krmencik)

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Schick (16.)
  • 1:1 Muriqi (20.)
  • 2:1 Vojvoda (67.)

Strafen:

  • gelbe Karte Muriqi (1 )
  • gelbe Karte Celustka (1 )
  • gelbe Karte Masopust (1 )

Schiedsrichter:

  • Danny Makkelie (Niederlande)

Stand der Statistik: Samstag, 07.09.2019, 16:54 Uhr

Stand: 10.09.2019, 11:12

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