FC Liverpool: Besessen von der verbotenen Frucht

Schriftzug "You'll never walk alone" am Liverpooler Stadion

30 Jahre ohne Meisterschaft

FC Liverpool: Besessen von der verbotenen Frucht

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Der FC Liverpool steht vor der ersten Meisterschaft seit 30 Jahren. Für die Fans des Klubs bedeutet das vor allem: Erleichterung. Das Streben nach dem Titel ist zur Obsession geworden.

Als die Welt wegen Corona zum Stillstand kam, war George Sephton überzeugt, dass sich dunkle Mächte gegen seinen Klub verschworen hatten. Der Stadionsprecher des FC Liverpool hatte oft erleben müssen, wie die "Reds" knapp die englische Meisterschaft verpassten. Fünfmal landeten sie seit dem bisher letzten Titel 1990 auf dem zweiten Platz, zuletzt in der abgelaufenen Saison.

Die aktuelle Spielzeit sollte die Erlösung bringen. Jürgen Klopps Mannschaft marschierte von Sieg zu Sieg und hatte als Tabellenführer 25 Punkte Vorsprung auf Titelverteidiger Manchester City, dann kam Mitte März der Lockdown. "Wir waren so oft nah dran. In dieser Saison waren wir uns sicher, dass es mit der Meisterschaft klappt, und dann passiert so etwas. Es fühlte sich an, als würde ein Fluch auf dem Klub liegen", sagt Sephton im Gespräch mit der Sportschau.

Meisterschaft auf der Couch?

Höchstwahrscheinlich wird dieser Fluch die "Reds" allerdings nicht mehr aufhalten. Die Premier League hat den Spielbetrieb wieder aufgenommen, Liverpools Krönung ist nur noch eine Frage der Zeit. Nach dem Sieg im ersten Heimspiel nach dem Re-Start an diesem Mittwoch gegen Crystal Palace müsste Manchester City einen Tag später beim FC Chelsea nur Punkte lassen, und Liverpool stünde als Meister fest. Ansonsten wäre das direkte Duell mit Pep Guardiolas Team kommende Woche Donnerstag die nächste Chance zur Titelkür. Stadionsprecher Sephton hofft auf eine schnelle Entscheidung, nach 30 Jahren des Wartens und der Angst in den vergangenen Monaten, dass die Saison möglicherweise abgebrochen wird. "Ich will einfach, dass es vorbei ist. Es ist so nervenaufreibend", sagt er.

Normalerweise sind Freude und Enthusiasmus die dominierenden Gefühle, wenn ein Verein Meister wird. Bei Liverpool wird es Erleichterung sein. Die Jagd nach dem Titel ist für den einstigen Rekord-Champion zur Obsession geworden. Als der Klub zuletzt Meister wurde, war die Fußball-Welt noch eine andere. Im Anfield-Stadion gab es noch Stehplätze, ausländische Spieler waren in England die Ausnahme, die Premier League gab es noch nicht. Sie wurde erst 1992 gegründet.

Die Last der Geschichte

Steven Gerrard in Anfield

Liverpool-Kapitän Steven Gerrard verpasste 2014 die Meisterschaft auf tragische Art und Weise.

Zweimal hat Liverpool in der jüngeren Vergangenheit die Champions League gewonnen, 2005 und in der abgelaufenen Saison, doch Meister war der Klub im modernen Fußball-Zeitalter noch nie, deshalb ist die nationale Krone deutlich wichtiger als der Europapokal. "Der Premier-League-Titel ist für uns wie eine verbotene Frucht. Wir wollen ihn unbedingt und bekommen ihn nicht", sagt Jamie Webster. Er ist eine Art Hymnen-Schreiber der Liverpool-Fans. Vor dem Champions-League-Finale vor einem Jahr spielte er in Madrid vor 50.000 ekstatischen "Reds". Eine Meisterschaft des Vereins hat er noch nie erlebt. Er kam erst 1994 zur Welt und musste seitdem ertragen, wie die Last der Geschichte Generationen von Spielern lähmte, die das berühmte rote Trikot überstreiften.

Besonders bei Profis mit heimischen Wurzeln wie Steven Gerrard wirkte es, als würden sie die Erwartungen einer ganzen Stadt alleine auf ihren schmalen Schultern tragen. Sein Ausrutscher beim Saison-Endspurt 2014 gegen den FC Chelsea, der Liverpool einmal mehr um den Titel brachte, steht symbolisch dafür, wie der Klub kurz vor dem Ziel immer wieder tragisch scheitert. Und das sehr zum Vergnügen des breiten Publikums. Wie mit dem FC Bayern in Deutschland ist es in England mit den "Reds" folgendermaßen: Entweder man liebt sie, oder man hasst sie. Auch die allgemeine Abneigung hat die 30 Jahre ohne Meisterschaft zur Qual gemacht, und sie ist ein Grund dafür, dass der nahende Titelgewinn eine Erlösung ist.

Mehr als Fußball

Jamie Webster spielt vor Liverpool-Fans in Madrid

2019 in Madrid: vor dem Champions-League-Finale spielt Jamie Webster vor Liverpool-Fans.

Beim FC Liverpool geht es nie nur um Fußball. Es geht um den Stolz einer eigenwilligen Stadt, die sich im Stich gelassen fühlt vom Londoner Machtzentrum, sei es beim wirtschaftlichen Niedergang Liverpools in den 70ern und 80ern oder bei der Aufarbeitung der Hillsborough-Katastrophe. Es geht um den Zusammenhalt der Scousers, wie sich die Menschen am Mersey-Fluss nennen, und um die Selbstvergewisserung, dass die "Reds" tatsächlich ein spezieller Verein sind, getreu dem PR-Slogan des Klubs ("We are Liverpool - This means more").

Bei aller Erleichterung über das Ende der Suche nach dem heiligen Premier-League-Gral wird der Titel überschattet, und zwar durch die besonderen Umstände der Corona-Pandemie. Die Jubelfeier im Anfield-Stadion muss ausfallen, eine Parade wird es nicht geben, anders als nach dem Gewinn der Champions League vor einem Jahr, als 750.000 Menschen auf Liverpools Straßen waren. "Es wird großartig, unseren Kritikern den Mittelfinger zu zeigen und ihnen auf Social Media unseren Titel unter die Nase zu reiben. Aber das ist nichts im Vergleich dazu, wie wir unter normalen Umständen gefeiert hätten", sagt Sänger Webster.

Stadionsprecher Sephton fürchtet, dass die Meisterschaft in der Gesamtbetrachtung an Wert verliert: "In den Geschichtsbüchern wird sich bei der Saison 2020 alles um den Virus drehen, nicht darum, dass Liverpool die mit Abstand beste Mannschaft war", sagt er. Da hilft nur eins, um die verdiente Anerkennung zu bekommen: Der Klub sollte bis zum nächsten Titel keine 30 Jahre warten.

Angst in Anfield - der FC Liverpool bangt um den Titel Sportschau 26.04.2020 07:05 Min. Verfügbar bis 26.04.2021 Das Erste

Stand: 24.06.2020, 23:09

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