Sancho, Nelson und Co. - Flucht aus der Premier League

Englands aufstrebende Youngster Sportschau 13.01.2019 01:14 Min. Verfügbar bis 12.01.2020 Das Erste

Premier League

Sancho, Nelson und Co. - Flucht aus der Premier League

Von Marco Schyns

Englands Junioren-Weltmeister von 2017 drängen in die Premier League. Weil dort oft kein Platz ist, ergreifen sie die Flucht. Auch in die Bundesliga: Callum Hudson-Odoi könnte bald Jadon Sancho folgen.

Es war eine Machtdemonstration, die am 28. Oktober 2017 im indischen Kalkutta stattfand. Nach einem 1:2-Pausenrückstand drehten Englands Jungspunde auf und sicherten sich durch einen 5:2-Erfolg gegen Spanien den U17-Weltmeistertitel.

Der damals 16-jährige Callum Hudson-Odoi gehörte zu den Schlüsselfiguren im Team. Im Finale bereitete er beide Treffer des Doppeltorschützen Phil Foden vor. Sein Klub, der FC Chelsea, zog ihn gleich nach dem Turnier aus der U18 ab und beorderte den Außenstürmer in die U23, sozusagen in die zweite Mannschaft.

Chelsea führt einen verzweifelten Kampf

Callum Hudson-Odoi durfte bei Chelsea zuletzt häufiger ran

Callum Hudson-Odoi durfte bei Chelsea zuletzt häufiger ran.

Heute, gut eineinhalb Jahre später, kämpfen die Londoner darum, ihr Ausnahmetalent zu halten. Keine Chance bleibt ungenutzt, den 18-Jährigen zu bezirzen. "Er hat sehr gut gespielt. Wie ein Spieler, der schon 25 oder 26 Jahre alt ist. Sehr, sehr gut", sagte sein Trainer Maurizio Sarri kürzlich nach einem Spiel gegen Tottenham über seinen Schützling. Zwei Mal in Folge hatte der Italiener Hudson-Odoi in einem Pflichtspiel eingesetzt. Mitten in einer Phase, wo der FC Bayern München heftig um die Dienste von Hudson-Odoi wirbt.

Chelsea führt damit in aller Öffentlichkeit einen verzweifelten Kampf, den schon Ligarivale Manchester City vor eineinhalb Jahren verloren hatte. Damals ging es um Jadon Sancho, ebenfalls U17-Weltmeister von 2017 und zu jener Zeit in Europa noch weitgehend unbekannt. Am letzten Tag der Transferperiode 2017/18 schnappte der BVB zu. Für knapp acht Millionen Euro wechselte Sancho von den "Citizens" in die Bundesliga. Heute wird sein Marktwert auf etwa das Zehnfache geschätzt, Tendenz steigend.

Guardiola: „Was sollen wir machen?“

"Wir haben ihm einen gewaltigen Deal bezüglich der Höhe des Einkommens angeboten", sagte City-Coach Pep Guardiola damals sichtlich wütend: "Er aber entschied, oder sein Berater: Ich werde diesen Vertrag nicht unterschreiben. Was sollen wir machen?" Auf der Insel wurde über rund 30.000 Euro pro Woche spekuliert. Was er zu Anfang in Dortmund verdiente, ist unklar – inzwischen jedenfalls soll sein Gehalt verdreifacht worden sein. Die Rede ist von rund drei Millionen Euro, wohlgemerkt für einen 18-Jährigen.

Stammspieler aus der eigenen Jugend
Saison 2018/19Saison 2017/18Saison 2016/17
FC Liverpool000
Manchester City000
Tottenham Hotspur222
FC Chelsea010
FC Arsenal233
Manchester United333

Zur Tabelle: Alle Profis, die seit mindestens ihrem 16. Lebensjahr im Klub sind und mehr als 70% der Saisonspiele absolviert haben.

Aber Sancho ging es nicht ums Geld, jedenfalls nicht in erster Linie. Obschon Guardiola nach Sanchos Abgang ausdrücklich betonte, dass es sein Plan war, ihn in der ersten Mannschaft zu integrieren, hat der Spieler selbst nicht diesen Eindruck gehabt. City hatte in jenem Sommer bereits über 300 Millionen Euro in neue Spieler investiert. Die eigene Jugend stand und steht hintenan. Das hat kürzlich auch Brahim Diaz erkannt, der Anfang Januar für rund 17 Millionen Euro zu Real Madrid wechselte.

Phil Foden – Englands Jahrhunderttalent

Nun scheint der englische Meister den Ernst der Lage aber erkannt zu haben. Phil Foden, der in England als Jahrhunderttalent gilt, kam zuletzt bei City drei Mal in Folge zum Einsatz. Er stand in dieser Saison in nahezu jedem Premier-League-Spiel im Kader – und bringt es auf immerhin acht Kurzeinsätze.

Auch über einen Wechsel des Mittelfeldspielers, der bis 2024 unter Vertrag steht, war zuletzt spekuliert worden. Guardiolas Antwort: "Keine Chance, das ist unmöglich. Er wird noch viele viele Jahre bei uns bleiben." Einen zweiten Fall Sancho soll es nicht geben.

Joe Gomez (M.) und Trent Alexander-Arnold (r.) sind Stammspieler bei Liverpool

Joe Gomez (M.) und Trent Alexander-Arnold (r.) sind Stammspieler bei Liverpool.

Auch Liverpools Coach Jürgen Klopp profitiert schon von Englands goldener Generation: Joe Gomez (21 Jahre), U17-Europameister von 2014, ist zum Stammspieler in der Innenverteidigung neben Virgil van Dijk gereift. Genauso wie Trent Alexander-Arnold (20) auf der rechten Abwehrseite. Rhian Brewster (18), Top-Torschütze der U17-Weltmeisterschaft 2017, wartet dagegen noch auf seinen ersten Premier-League-Einsatz.

Was wird aus Hudson-Odoi?

Nicht unwahrscheinlich, dass Brewster schon bald einen Weg geht, wie ihn im Sommer Reiss Nelson gegangen ist. Mangelnde Spielpraxis beim FC Arsenal machte den Weg frei für eine Leihe nach Hoffenheim, wo er mit sechs Toren in der Hinrunde glänzte. Aus Sicht der Engländer ist eine Ausleihe die vermeintlich beste Variante. Klubs wie der FC Bayern machen da aber nicht mit.

Der deutsche Rekordmeister will Hudson-Odoi fest verpflichten, anstatt ihn auszubilden und als fertigen Spieler zurück nach England zu schicken. Der Spieler selbst hat sich bei Teamkollege Antonio Rüdiger bereits nach der Bundesliga erkundigt. Der 18-Jährige weiß, dass sie in München einen Nachfolger für Franck Ribéry und Arjen Robben suchen. Dort wird also ein Platz frei – während bei Chelsea im Sommer mit Christian Pulisic ein weiterer Außenstürmer anheuert.

Dieser Deal, den die Londoner Anfang Januar mit dem BVB vereinbarten, offenbart das Problem des englischen Fußballs: Wer viel Geld hat, neigt dazu, es auch auszugeben. Transfers stehen an erster Stelle, der Blick auf die eigene Jugend kommt erst danach. Wenn sich an diesem System nichts ändert, dann profitiert zwar die englische Nationalmannschaft von ihrer goldenen Generation, nicht aber die Premier League.

Englische Stammspieler
Saison 2018/19Saison 2017/18Saison 206/17
FC Liverpool444
Manchester City332
Tottenham Hotspur565
FC Chelsea111
FC Arsenal045
Manchester United446

Stand: 15.01.2019, 05:00

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