EURO 2024 - was für Deutschland und was für die Türkei spricht

Der EM-Pokal beim EM-Finale 2016 in Saint-Denis/Frankreich

Abstimmung im UEFA-Exekutivkomitee

EURO 2024 - was für Deutschland und was für die Türkei spricht

Von Chaled Nahar

Deutschland geht als klarer Favorit in die Abstimmung zur Vergabe der Ausrichtung der Fußball-EM 2024. Sicher fühlt man sich beim DFB aber nicht - und das hat gute Gründe.

Vor der Bekanntgabe am Donnerstag (27.09.2018) spricht vieles für die deutsche Bewerbung, doch chancenlos ist die Türkei keinesfalls. Ein Blick auf wichtige Faktoren:

Das Geld

Die UEFA erzielte bei der EM 2016 in Frankreich fast zwei Milliarden Euro Einnahmen, wovon mehr als 800 Millionen als Gewinn blieben. Gewaltige Summen, die es nach dem Geschmack des europäischen Verbandes 2020 und auch 2024 noch zu steigern gilt. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin bezeichnete die Einnahmemöglichkeiten als "absolut entscheidend".

Und hier setzt die türkische Bewerbung an vielen Stellen an. Die EURO ist für den autokratischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zudem eine Möglichkeit, die Türkei in einem anderen Zusammenhang als mit Menschenrechtsverletzungen oder dem Abbau der Rechtsstaatlichkeit zu präsentieren. Die Türkei bietet zehn Stadien, die sich alle in Staatsbesitz befinden. Im Gegensatz zu Deutschland sind sie mietfrei für die UEFA. Die Stadien sind in Deutschland allerdings durchschnittlich größer, was einen höheren Erlös aus dem Verkauf von Eintrittskarten ermöglicht.

Der Kampf um ein Turnier ist auch der Wettbewerb um größtmögliche Zugeständnisse an den Ausrichter. Die Türkei kann unter Erdogans Führung viel leichter Steuerfreiheit und andere Staatsgarantien gewährleisten, was auch DFB-Präsident Reinhard Grindel öffentlich beklagte. Deutschland muss sich dagegen an Steuergesetze halten. Im Evaluationsbericht der UEFA erhält die deutsche Bewerbung in diesem Punkt das Prädikat "auf recht gutem Niveau". Die Türkei sieht der Bericht "auf hohem Niveau". Die Bundesregierung hat einige Geschenke verweigert, die Türkei scheint hier im Vorteil zu sein. Allerdings spricht angesichts der wirtschaftlichen Krise in der Türkei die Stabilität für Deutschland.

Die Menschenrechte

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan

Sie kommen wohl erst nach dem Geld, stehen aber zumindest formal auf der Agenda. In den Bedingungen für die Ausrichtung steht erstmals: "Die Bewerber haben die Verpflichtung, die Menschenrechte zu respektieren, zu schützen und zu erfüllen." Die UEFA bezieht sich dabei unter anderem auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Wenn diese Worte im Exekutivkomitee mit Leben gefüllt werden sollten, hat die Türkei im Exekutivkomitee ein großes Problem.

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, humanrights.ch und Amnesty International beklagen und dokumentieren häufig die Verletzung von Menschenrechten in der Türkei. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt die Türkei Rang 157 von 180. Im UEFA-Evaluationsbericht heißt es zur Türkei: "Das Fehlen eines Aktionsplans in Sachen Menschenrechte ist problematisch." Deutschland verweist dagegen darauf, dass "das deutsche Grundgesetz unveräußerliche Rechte und Freiheiten garantiert". Klarer kann man in dieser Hinsicht wohl kaum vorne liegen. Allerdings: Die UEFA hat die türkische Bewerbung trotz allem zur Wahl zugelassen, eine große Rolle dürfte diese Frage deshalb nicht spielen. In Aserbaidschan - auf Platz 163 in der Rangliste der Pressefreiheit - finden schließlich auch mehrere Spiele der EURO 2020 statt.

Der Präsident des türkischen Fußballverbands spielt beim Thema Pressefreiheit eine wichtige Rolle: Yildirim Demirören, ein Vertrauter Erdogans, hat mit seinem Unternehmen zuvor unabhängige Medien übernommen und auf Linie gebracht.

Die Stadien

Das Stadion in Dortmund

Das Stadion in Dortmund

In Deutschland ist alles bereit, die Infrastruktur ist seit der WM 2006 hervorragend. Die Kapazitäten und der Standard der Stadien sind hoch - für Fans, Sponsoren und Medien sind alle Voraussetzungen gegeben. Berlin, Köln, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Leipzig, München und Stuttgart bieten allesamt Bedingungen für einen reibungslosen Ablauf - ein klarer Vorteil für Deutschland.

In der Türkei sind dagegen laut UEFA-Evaluationsbericht noch "umfangreiche" Arbeiten geplant. Ein Stadion muss noch gebaut, zwei renoviert werden. "Der Umfang der Arbeiten birgt angesichts des gegebenen Zeitrahmens ein Risiko", heißt es in dem Bericht. Das dürfte ein Nachteil für die Türkei sein. Doch Präsident Erdogans Verbindungen in die Baubranche sind bekannt, er wird wohl jede notwendige Baumaßnahme garantieren, um diesen Rückstand in der Bewerbung klein zu halten.

Die Emotionen

Deutschland wirbt auch mit den erfolgreich ausgetragenen Turnieren 1974, 1988 und 2006, die deutsche Nationalmannschaft ist als vierfacher Weltmeister und dreifacher Europameister ohnehin eine sportliche Weltmacht. Dass die deutsche Korruptionsaffäre um die WM 2006 oder der Streit zwischen DFB-Präsident Reinhard Grindel und dem deutschen Nationalspieler Mesut Özil um Rassismus von Nachteil sind, glaubt dagegen kaum jemand.

Die Türkei setzt auch auf den Faktor "Wir sind dran". Verbandspräsident Demirören sagte: "Das einzig übrig gebliebene Land, das in der Lage ist, so eine Organisation zu stemmen, aber bislang nicht berücksichtigt wurde, ist die Türkei." 2008, 2012 und 2016 hatte sich das Land ohne Erfolg beworben.

Die Integrität

Läuft die Wahl sauber ab? Der DFB hat seine Bewerbung zumindest öffentlich mit Transparency International abgestimmt. UEFA-Präsident Ceferin äußerte sich derweil kritisch über die Tatsache, dass stimmberechtigte Mitglieder des Exekutivkomitees zu einer Gala nach Istanbul eingeladen waren. "Keiner sollte dort erscheinen, wir wollen keinen Schatten über dieser Vergabe", sagte er dem ZDF. Einige waren trotzdem dort.

Das Exekutivkomitee der UEFA ist zwar nicht mit dem abgeschafften, skandalumwitterten Pendant der FIFA zu vergleichen, das oft mit Korruption in Verbindung gebracht wurde. 2010 hatte die FIFA-Exekutive Russland und Katar zu überraschenden Siegern der WM-Vergaben 2018 und 2022 gekürt. Der DFB wird sich trotzdem nicht auf seine Favoritenrolle verlassen und in den Stunden vor der Abstimmung weiter um Zuspruch bei den Wahlmännern bemühen - die Türkei natürlich auch.

Laut niederländischen Medienberichten hat der DFB mit der UEFA wegen des Verhaltens des EM-Wahlmannes Michael van Praag Kontakt aufgenommen. Der Niederländer hatte im vergangenen November den türkischen Verbands-Vizepräsidenten Servet Yardimci und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan getroffen und die türkische Bewerbung gelobt. Van Praag betonte seine Neutralität. Wichtiger Hintergrund ist die Wahl des UEFA-Präsidenten, die Ceferin gegen van Praag gewann - der DFB unterstützte Ceferin.

Dass es knapp werden kann, beweist ein Blick auf die Vergabe zur EM 2016. Damals unterlag die Türkei bei den damals 13 wahlberechtigten Mitgliedern des UEFA-Exekutivkomitees nur mit 6:7 gegen Frankreich, nachdem Italien zuvor ausgeschieden war.

Die Aussicht

Alles andere als ein Zuschlag für Deutschland wäre allerdings eine große Überraschung - dann aber eine mit weitreichenden Folgen, denn auch DFB-Präsident Grindel steht dann wohl in seiner Position zur Debatte.

In der Türkei würde der Ausgang wohl in beide Richtungen politisch ausgeschlachtet werden: Ein Erfolg würde Präsident Erdogan und seiner Art zu herrschen Rückenwind im Glanze des großen Sports geben. Eine Niederlage könnte er dagegen nutzen, die Türkei weiter als Opfer einer Vernachlässigung und Nichtbeachtung durch den Westen zu inszenieren.

Stand: 26.09.2018, 08:00

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