FC Everton: "Zur richtigen Zeit am richtigen Ort"

Dominic Calvert-Lewin (r.) vom FC Everton mit Teamkollege James Rodriguez

Tabellenführer der Premier League

FC Everton: "Zur richtigen Zeit am richtigen Ort"

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Umgekehrte Vorzeichen im Merseyside-Derby in der englischen Premier League: Der FC Everton geht als Tabellenführer in das Duell mit Meister FC Liverpool. Mann der Stunde ist ein Spieler, dem Ähnlichkeiten zu Cristiano Ronaldo und Filippo Inzaghi nachgesagt werden.

Seit zehn Jahren leidet der FC Everton. So lange ist es her, dass der Klub zum bisher letzten Mal den FC Liverpool besiegte. 2:0 endete die Partie am 17. Oktober 2010, die Torschützen damals waren Tim Cahill und der heutige Arsenal-Trainer Mikel Arteta. An diesem Samstag (17.10.2020/Zusammenfassung in der ARD-Sportschau ab 18 Uhr) treffen die Stadtrivalen zur 235. Ausgabe des Merseyside-Derbys aufeinander, und vieles ist anders als sonst.

Einerseits ist da natürlich die Tatsache, dass die Tribünen im urigen Goodison Park beim Besuch des aktuellen Meisters von Trainer Jürgen Klopp wegen der Corona-Pandemie leer bleiben müssen. Andererseits sind da aber auch die veränderten Vorzeichen aus sportlicher Sicht. Nach vier Siegen aus den ersten vier Premier-League-Spielen ist Everton überraschend Tabellenführer, während sich Liverpool vor der Länderspielpause ein epochales 2:7 bei Aston Villa leistete. Viele Fachleute glauben, dass die "Toffees" gute Chancen haben, die zehn Jahre lange Dürre gegen den Nachbarn zu beenden.

Ancelotti leistet Entwicklungsarbeit

Carlo Ancelotti lächelt

Carlo Ancelotti lächelt.

Evertons Erfolg in der Frühphase der Saison lässt sich am besten anhand von drei Personalien erklären. Die erste ist Carlo Ancelotti, der Trainer, der im Dezember seinen Dienst am Mersey-Fluss antrat. Der 61 Jahre alte Italiener ist einer der erfolgreichsten Vertreter seines Fachs, hat dreimal die Champions League gewonnen (zweimal mit dem AC Mailand, einmal mit Real Madrid) und war Meister in Italien, Spanien, England (mit dem FC Chelsea), Frankreich (mit Paris Saint-Germain) und Deutschland (mit dem FC Bayern).

Seine Spezialität ist es, ein Ensemble aus Superstars bei Laune zu halten, doch bei Everton zeigt er, dass er auch Entwicklungsarbeit leisten kann. Außerdem hat er eine enorme Anziehungskraft und macht die "Toffees" auch für Spieler interessant, die bis dahin vermutlich nicht einmal wussten, dass es neben dem FC Liverpool noch einen weiteren Verein in der Stadt gibt.

James und Calvert Lewin blühen auf

Das führt zur zweiten Personalie, nämlich zu James Rodríguez. Der kolumbianische Offensivmann wechselte gerade ablösefrei aus dem Reservistenlager von Real Madrid in den Goodison Park. Als Grund dafür nannte er Ancelotti, unter dem er schon bei den "Königlichen" und beim FC Bayern seine beste Zeit hatte. "Als ich mit ihm gesprochen habe, habe ich sofort ja gesagt. Ich musste nicht darüber nachdenken", berichtete er nach seiner Ankunft. Er ist nicht mehr der Jüngste mit 29 Jahren und konnte in seiner bisherigen Karriere die Erwartungen nicht einlösen, die er bei der WM 2014 weckte, als er Torschützenkönig wurde.

In seinen ersten Spielen für Everton deutete er allerdings an, dass er das Zeug zu einer echten Verstärkung hat. Drei Tore und zwei Vorlagen hat er bislang beigesteuert. Öfter getroffen hat nur Mittelstürmer Dominic Calvert-Lewin - die dritte Personalie. Er steht bei sechs Saisontoren, ist der Mann der Stunde in der Premier League und hat gerade auch seinen Einstand bei der englischen Nationalmannschaft gegeben, ebenfalls mit einem Treffer.

Ein Mix aus Ronaldo und Inzaghi?

Schon in der abgelaufenen Rückrunde war der 23-Jährige stark, doch zur neuen Spielzeit hat er sich noch einmal verbessert. Sein brasilianischer Mitspieler Richarlison vergleicht ihn wegen seiner Sprungkraft und seiner Kopfballstärke mit Cristiano Ronaldo, für Trainer Ancelotti ähnelt er dem einstigen italienischen Nationalstürmer Filippo Inzaghi.

Carlo Ancelotti grüßt Pep Guardiola

Carlo Ancelotti grüßt Pep Guardiola.

Ein Vergleich, den Calvert-Lewin nicht bestreitet: "Ich bin keine Kopie von Inzaghi, aber es gibt Elemente aus seinem Spiel, die ich im Moment zeige, nämlich die Abschlüsse mit der ersten Ballberührung und das Gespür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein."

Die Sehnsucht nach Konstanz

Everton ist einer der erfolgreichsten Vereine Englands und war neun Mal Meister, das bisher letzte Mal 1987. Der ambitionierte Besitzer Farhad Moshiri, einst Anteilseigner beim FC Arsenal, träumt seit Jahren von der Rückkehr der "Toffees" in die Spitzengruppe des englischen Fußballs. Doch trotz horrender Ausgaben für Transfers und Gehälter enttäuschte der Verein zuverlässig und machte damit selbst seine leidensfähigen Fans wahnsinnig.

Der fünfte Platz in der Saison 2013/2014 war der größte Erfolg der vergangenen Dekade. Zuletzt wurde Everton Zwölfter. Trotz des gelungenen Starts in die neue Spielzeit und der Tabellenführung hält niemand den Klub ernsthaft für einen Titelkandidaten. Eine konstante Saison und die Rückkehr in die Europa League wären schon ein Erfolg. Wenn auf dem Weg dahin der erste Sieg im Merseyside-Derby seit zehn Jahren gelingen würde – noch besser.

Stand: 16.10.2020, 06:00

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