Ungarns Pokalfinale als Rückschlag für mögliche Stadionöffnung

Fans beim ungarischen Pokalfinale 2020

Rückkehr der Fans

Ungarns Pokalfinale als Rückschlag für mögliche Stadionöffnung

Von Chaled Nahar

In Ungarn durften beim Pokalfinale 10.000 Fans in ein 65.000 Menschen fassendes Stadion. In Sachen Abstandsregeln ging trotzdem eine Menge schief - das wirft Fragen für die Bundesliga auf, in der sich viele Entscheidungsträger die Fans zurückwünschen.

Es war wie in der Zeit vor der Coronavirus-Pandemie. Hinter den Toren standen Fans, die gemeinsam sangen, trommelten und Fahnen schwenkten. Das Pokalendspiel in Ungarn war das erste größere Spiel in Europa, das wieder mit Zuschauern stattfand. 10.000 Menschen durften rein, 65.000 Plätze hat das Puskas-Stadion in Budapest, wo 2021 auch Spiele der EM 2020 stattfinden sollen. Platz genug für Abstände gab es also - eingehalten wurde die Maßgabe jedoch kaum. Und damit stellt sich die Frage, wie der deutsche Fußball eines Tages mit der Rückkehr der Fans umgehen wird.

Strenge Vorgaben nicht umgesetzt

Fans beim ungarischen Pokalfinale 2020

Fans beim ungarischen Pokalfinale 2020

In Ungarn gelten derzeit im öffentlichen Leben einige Einschränkungen. Es gibt eine Maskenpflicht im Personennahverkehr, in Taxis, Geschäften und Läden sowie auf Märkten, schreibt die deutsche Botschaft in Budapest auf ihrer Internetseite. Personen über 65 Jahren dürfen nur zwischen 9 und 12 Uhr einkaufen, alle anderen in der restlichen Zeit. Und es gibt eine Verpflichtung, einen Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen Personen einzuhalten. Ausgenommen sind Personen, die in einem gemeinsamen Haushalt leben. Und beim Fußball wird es nochmal spezieller.

Schon die ungarische Liga hatte am Wochenende Fans in die Stadien gelassen. Dabei sollte nach behördlichen Vorgaben nur jeder vierte Sitz in einer Reihe belegt sein, jede zweite Reihe sollte leer bleiben. "Die Klubs, die die Spiele organisieren, müssen sicherstellen, dass die Kontaktbeschränkungen gewahrt sind, damit die Bedingungen aus epidemiologischer Sicht kontrollierbar bleiben", hieß es in der Mitteilung der ungarischen Liga. Die Regelungen laut deutscher Botschaft sehen zudem vor: "Besucher, die diese Schutzmaßnahmen verletzen, sind durch den Organisator von der Veranstaltung zu entfernen."

Zuschauer zurück im Stadion - Ungarn legt vor Sportschau 01.06.2020 00:53 Min. Verfügbar bis 01.06.2021 Das Erste

Beim Pokalfinale in Budapest war weder von Regeln noch von Konsequenzen etwas zu sehen. Hinter den Toren sangen und sprangen die Fans in nächster Nähe zueinander. Der distanzierte Stadionbesuch - ist er also überhaupt möglich?

Geht Deutschland den nächsten Schritt?

In Deutschland ging das Konzept des Sonderspielbetriebs ohne Zuschauer der Deutschen Fußball Liga an den ersten Spieltagen auf. Im Ausland gilt die Bundesliga als Vorbild, abgesehen von Frankreich wollen in den kommenden Wochen alle großen Ligen nachziehen und ihre Saisons zu Ende spielen. Geht Deutschland nun auch den Schritt, die Tore für Fans zumindest teilweise zu öffnen?

"Wir sollten erstmal froh sein, überhaupt spielen zu dürfen. Aber natürlich beschäftigen wir uns mit allen Optionen", sagte Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Bayern Münchens Vorstandsmitglied Oliver Kahn sagte bei "Sky": "Ich bin ein absoluter Freund davon, früher oder später wieder über Zuschauer nachzudenken."

Politik: DFL soll ein Konzept erstellen

Abgeordnete aus den Bundestagsfraktionen der SPD und der FDP forderten zuletzt, dass Spiele auch in Deutschland wieder mit Zuschauern möglich sein sollten. Der SPD-Vorsitzende aus Nordrhein-Westfalen, Sebastian Hartmann, sagte dem ARD-Hauptstadtstudio, er fordere eine offene Debatte darüber. Über die Sommerpause solle die DFL mit den Vereinen ein Konzept entwickeln, um die Stadien spätestens zur neuen Saison öffnen zu können, so Hartmann. Dafür spricht, dass sich Fans und Ultragruppen in Deutschland in der Krise vorbildlich verhalten haben - es kam an den Stadien zu keinen Zwischenfällen.

Und nach Informationen der Sportschau gibt es Gedankenspiele und erste Schritte für ein Konzept, um im Fall der Fälle bereit zu sein. Forderungen will man im Profifußball derzeit aber nicht in diese Richtung stellen. Doch der Ablauf des Pokalendspiels in Ungarn stellt die Verantwortlichen der DFL vor das Problem, dass ein für wenige Zuschauer ermöglichter Stadionbesuch offensichtlich entsprechend reglementiert werden müsste, um die Einhaltung von Abständen zu gewährleisten. Und so könnte bei der Suche nach einer Lösung schnell die Frage aufkommen: Ist es das überhaupt wert - oder wartet man lieber, bis alle Fans wieder ohne Einschränkungen in die Stadien dürfen?

Stand: 04.06.2020, 13:21

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