Coronavirus - Calcio in Quarantäne

Turins Daniele Rugani beim Kopfball

Fußball

Coronavirus - Calcio in Quarantäne

Von Tom Mustroph

Zwangspause in der Serie A, der komplette Kader von Juventus Turin in Quarantäne: Das Coronavirus hat den italienischen Fußball schwer getroffen.

Der Ball rollt schon länger nicht mehr in Italiens Stadien. Am Montag (09.03.2020) war mit dem Nachholmatch zwischen Sassuolo und Brescia bereits Schluss. Danach wurden alle Spiele bis zum 3. April abgesagt. Das aktuell letzte Pflichtspiel eines Serie-A-Vertreters fand im Ausland statt. Im leeren Mestalla-Stadion des FC Valencia qualifizierte sich am Dienstag Atalanta Bergamo mit einem spektakulären 4:3-Triumphzug für das Viertelfinale der Champions League. Trotz Abbruch des Flugverkehrs zwischen Spanien und Italien kehrten die Kicker auch glücklich wieder zurück in die Lombardei. Jetzt wünschen sie sich für die nächste Runde den FC Juventus, verkündete das Heimatblatt "Eco di Bergamo".

Juve-Kader in Quarantäne

Und da beginnen schon die Probleme. Denn die "Alte Dame" hat das Coronavirus im Hause. Mit Abwehrmann Daniele Rugani gab es den ersten positiven Fall in der Serie A. Den - Stand jetzt - zweiten Fall meldete Sampdoria Genua mit Stürmer Manolo Gabbiadini. In der dritten Liga hatten sich zuvor schon Spieler von US Pianese und Reggiana angesteckt. Pianese hatte als Gegner die U23 von Juventus. Vorsorglich wurde die U23-Truppe der Turiner umgehend in Quarantäne gesteckt. Ob sich Rugani, zuletzt eher Reservespieler für Coach Maurizio Sarri, dort das Virus holte oder ob er aus anderen Quellen infiziert wurde, ist bislang nicht gesichert. Auf jeden Fall ging der komplette Juve-Kader in Quarantäne. Alle Spieler wurden getestet. Bis zum Ablauf der Quarantäne am 26. März sind weder Training noch Pflichtspiele möglich.

Internationale Spiele in Gefahr

Damit ist das für den 17. März geplante Rückspiel in der Champions League gegen Lyon hinfällig. Juventus beantragte bei der UEFA bereits die Verlegung. Am 17. März, also exakt dem geplanten Spieltag, will sich die UEFA zu einer Beratung über die Zukunft der Wettbewerbe im Schatten des Coronavirus treffen.

Klar ist jetzt schon, dass einige Viertelfinalspiele in der Europa League neu terminiert werden müssen. Eine Idee war zunächst, die italienisch-spanischen Duelle zwischen Inter Mailand und FC Getafe sowie AS Rom und FC Sevilla von Hin- und Rückspiel (12. und 19. März) auf nur ein Entscheidungsmatch am 19. März an neutralem Ort zu reduzieren. Weil aber auch Inter Mailand, jüngster Gegner von Juventus im Abendspiel am Sonntag, 8. März, in vorsorgliche Quarantäne ging, ist eine solche Lösung nicht mehr machbar. Inters Quarantäne endet - wie die von Juventus - frühestens am 26. März. Sevilla-Gegner Rom stellte ebenfalls das Training ein. Der Ligaverband der Serie A empfahl ohnehin eine Woche Trainingspause für alle Teams, die nicht an einem der europäischen Wettbewerbe teilnehmen.

Das Sportliche steht im Hintergrund

Einzige italienische Teams im Trainingsbetrieb sind derzeit die Champions League-Teilnehmer Atalanta und SSC Neapel. Die Neapolitaner bereiten sich - Stand jetzt - auf das Geisterspiel beim FC Barcelona (Achtelfinalrückspiel am 18. März) vor. Wie man Messi und Co. besiegen kann, geriet angesichts des Corona-Falls von Rugani aber in den Hintergrund. "Die Spieler fragten sich, ob angesichts ihres Matches gegen Juventus Ende Januar eine Ansteckungsgefahr besteht", vermeldete die "Gazzetta dello Sport". In der Kabine wurden jetzt Masken verteilt, die Abstände zwischen den Schränken vergrößert und es wird auch nicht mehr gemeinsam geduscht.

CR7 auf der Insel

Komplett abgesetzt aus Italien hat sich Superstar Cristiano Ronaldo. Der Juventus-Profi nutzte zwei freie Tage, um zu seiner erkrankten Mutter zu reisen. Nach dem positiven Corona-Fall im eigenen Team beschloss er, weiter auf Madeira zu bleiben und dort die Entwicklungen abzuwarten.

Serie-A-Spielplan nicht mehr haltbar - vielleicht gar kein Meistertitel

Mit aktuell drei Serie A-Teams in Quarantäne dürfte auch der modifizierte Meisterschaftsplan Makulatur sein. Danach sollte es am 4. und 5. April mit dem 27. Spieltag weitergehen. Ob die Quarantäne-Klubs Juventus, Inter und Sampdoria nach nur einer Woche Training aber wieder in den Wettkampfbetrieb einsteigen können und wollen, ist fraglich. Die Serie A hat nach italienischen Medieninformationen inzwischen die UEFA um eine Verschiebung der Euro 2020 gebeten. Am 17. März sollte sich der Kontinentalverband auch dazu äußern, um zumindest ein Minimum an Planungssicherheit herzustellen.

Der italienische Ligaverband hat sein nächstes Treffen auf Freitag, 13. März terminiert. Angesichts der Reisebeschränkungen wird dies auch kein reales Treffen, sondern eine Videokonferenz sein. Francesco Ghirelli, Präsident des Verbandes der 3. Liga, benannte nach der jüngsten Zusammenkunft der Fußballfunktionäre Anfang dieser Woche folgende Alternativen: "Eine Möglichkeit ist es, keinen Titel zu vergeben. Die zweite, den Titel zu dem Zeitpunkt zu vergeben, an dem die Meisterschaft beendet ist. Eine dritte Möglichkeit wären Playoffs."

Variante eins hätte einen historischen Vorläufer. 1915 wurde wegen des Ausbruchs des 1. Weltkriegs kein Titel vergeben. Bei Variante zwei wäre Juventus Meister, zum neunten Mal hintereinander. An den Playoffs, Variante drei, würden Juve, Lazio Rom, Inter und Atalanta teilnehmen.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Finanziell trifft der Stopp den Fußball empfindlich. Auf acht Millionen Euro pro Spieltag schätzte das Wirtschaftsblatt "Il Sole 24 Ore" die Einnahmeverluste der gesamten Serie A bei einem Komplettausfall oder der Austragung in leeren Stadien ein. Löhne und Gehälter müssen dennoch bezahlt werden. Die Serie A-Klubs können dies aufgrund der Fernsehgelder (etwa fünf Mal so hoch wie die Einnahmen aus dem Stadionbesuch) noch kompensieren. Weil die Regierung den Stopp verhängte, haben die Rechteinhaber nach Recherchen von "Il Sole 24 Ore" keine Aussichten auf Entschädigung wegen nicht erbrachter Leistungen seitens der Klubs.

Härter als die Serie A trifft es die unteren Ligen, die nur wenig vom Fernsehkuchen abbekommen. "Wir haben keine Einnahmen, aber viele laufende Kosten. Wenn uns der Staat nicht hilft, gehen viele Klubs bankrott", klagte der Präsident des Zweitligisten AC Perugia, Massimiliano Santopadre. Der Präsident der 3. Liga, Francesco Ghirelli, bat deshalb schon um Steuernachlässe für diese Klubs.

Was wird aus den Arbeitsverträgen der Profis?

Auswirkungen könnte ein kompletter Stopp des Spielbetriebs auch auf die Arbeitsverträge der Profis haben. Darauf wies der Spielerberater und Buchautor Jean-Christophe Cataliotti gegenüber dem Branchendienst Calciomercato.com hin. "Im Falle höherer Gewalt könnten Vereine wie Spieler die Verträge auflösen. Jetzt liegt es an der FIFA zu entscheiden, ob ein solcher Fall vorliegt", sagte Cataliotti. Das Virus könnte sich also noch zum Hebel für das ganz große Geschacher um Verträge und Einkommen entwickeln. Die Gesundheitsbehörden bestimmen aktuell zwar die Spielpläne im Sport. FIFA und UEFA müssen aber handeln, um die Stabilität der gesamten Branche zu sichern.

Stand: 12.03.2020, 19:32

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