Venezuela bei der Copa - Tore für den Frieden

Jubel beim Team aus Venezuela

Viertelfinale gegen Argentinien

Venezuela bei der Copa - Tore für den Frieden

Von Frank van der Velden

Venezuelas Fußballer gelten als die schlechtesten in ganz Südamerika, sorgen bei der Copa America gerade aber für Furore. Das ist vor allem wegen der Lage im Land höchst bemerkenswert.

Die Kicker aus dem Andenstaat halten zwei unrühmliche Rekorde. Zum einen sind sie das einzige Team aus Südamerika, das noch nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat, zum anderen liegen sie in der Statistik der Copa America auf dem letzten Platz. Rang vier im Jahr 2011 war der bislang größte Erfolg.

Doch bei der diesjährigen Ausgabe der Südamerika-Meisterschaft sorgen die "Vinotintos" für Furore. Das Team von Trainer Rafael Dudamel steht überraschend im Viertelfinale - und das auch noch ungeschlagen. Gegen Peru und den Gastgeber Brasilien erkämpfte sich Venezuela jeweils ein 0:0, gegen Bolivien gab es einen 3:1-Sieg.

Seit drei Partien ungeschlagen

Im Viertelfinale geht es nun am Donnerstag (27.06.2019, Ortszeit) gegen Argentinien. Die "Albiceleste" ist haushoher Favorit, hat jedoch keine allzu guten Erinnerungen an den Gegner. Erst im März setzte es bei einem Testspiel in Madrid eine 1:3-Pleite. Und das beim Comeback von Superstar Lionel Messi, der sich nach der enttäuschenden Weltmeisterschaft in Russland eine Pause im Nationaltrikot genommen hatte. Die beiden Duelle zuvor endeten jeweils Remis. Klartext: Venezuela ist gegen Argentinien seit drei Partien ungeschlagen.

Solide Abwehr

Bei der Copa ließ vor allem das 0:0 gegen Brasilien im Maracana aufhorchen. Der Favorit scheiterte immer wieder an der soliden venezolanischen Abwehr. Die kassierte in drei Spielen bisher nur einen Gegentreffer. Kurios: Trainer Dudamel schickte dabei drei verschiedene Abwehrformationen auf den Platz. Ebenfalls kurios: Venezuela profitiert wie kein zweites Team vom neu eingeführten Videobeweis. Gegen Peru wurden zwei Gegentreffer aberkannt, gegen Brasilien waren es sogar drei. "Ein Hoch dem Video-Schiedsrichter, willkommen Videobeweis", jubelte Trainer Dudamel.

Ex-Hamburger Rincon Kapitän

Venezuela - das ist so ein wenig ein Team der Namenlosen. Die Spieler sind über die ganze Welt verteilt, sie verdienen ihr Geld in Kolumbien, Zypern, Portugal, Katar, Spanien, Chile, den USA, Norwegen, Italien, Brasilien, England und daheim in Venezuela. Der bekannteste Akteur im Kader ist aus deutscher Sicht Kapitän Tomas Rincon, der mal beim Hamburger SV in der Bundesliga gespielt hat und zurzeit beim FC Turin unter Vertrag steht. Auf dem Trainerposten setzt der Verband auf Kontinuität, was ja recht unüblich ist für südamerikanische Verhältnisse.  Dudamel leitet die Geschicke des Teams schon seit 2016.

Erfolg in Zeiten der Krise

Der Erfolg des Teams ist vor allem wegen der schwierigen Situation in der Heimat bemerkenswert. Dort liefern sich Staatschef Nicolas Maduro und Oppositionsführer Juan Guaido einen erbitterten Machtkampf. Wirtschaftlich liegt das Land am Boden. Es fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten und Strom, mehr als drei Millionen Venezolaner haben ihre Heimat bereits verlassen.

Die Krise bekommt auch der Fußball zu spüren. Die Zuschauerränge bleiben leer, die Spielergehälter reichen kaum zum Überleben, die Stadien verfallen. Fußball ist im Baseballland Venezuela ohnehin eine Randsportart. "Die Lage im Land ist für unsere Spieler ein Impuls, denn wir wollen den Fans eine Freude bereiten", sagte Dudamel zuletzt: "Wir wollen, dass im Land Ruhe und Frieden herrscht. Wenn die Auswahl spielt, ist das ein schöner Moment, um die Venezolaner dazu einzuladen, sich zu einen."

"Eine der Besten der Geschichte"

Trotz der Probleme hat sich das Nationalteam in der FIFA-Weltrangliste zuletzt kontinuierlich gesteigert. Derzeit steht Venezuela immerhin auf dem 32. Platz. Die U-20-Nationalmannschaft wurde 2017 Vizeweltmeister, auch in Sachen Nachwuchs scheint es also zu stimmen. "Es klingt paradox, aber die aktuelle venezolanische Auswahl ist eine der Besten der Geschichte, trotz der schlimmen Krise, die das Land gerade erlebt", hieß es kürzlich in der spanischen Sportzeitschrift "Marca". 

Das alles hat das Selbstbewusstsein in die Höhe schnellen lassen. "Wir haben uns den Respekt aller verdient", sagt Stürmer Josef Martinez: "Jetzt schreiten wir weiter voran." So rechnet sich das Team auch gegen Argentinien etwas aus. Und vielleicht wird es ja dann auch irgendwann seine beiden unrühmlichen Rekorde los.

mit dpa | Stand: 27.06.2019, 11:40

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