Auch Vereinsikone Lampard hat bei Chelsea nur begrenzt Zeit 

Timo Werner, Frank Lampard und Kai Havertz (l.-r.) vom FC Chelsea

"Blues" mit Werner und Havertz in der Krise

Auch Vereinsikone Lampard hat bei Chelsea nur begrenzt Zeit 

Von Hendrik Buchheister (Manchester) 

Über neue Spieler für 250 Millionen Euro würde sich jeder Trainer freuen. Doch für Frank Lampard beim FC Chelsea wird die Transfer-Offensive zum Problem. Er kommt mit dem neuen Luxus nicht zurecht - das wird vor allem an zwei Deutschen offensichtlich.

Wie für normale Arbeitnehmer auch, brachte der Sonntag (10.01.2021) ein bisschen Entspannung für Frank Lampard. Er konnte seinem FC Chelsea dabei zusehen, wie dieser die Pflichtaufgabe im FA-Cup gegen den Viertligisten FC Morecambe mit der erwarteten Souveränität bewältigte.

Dass die beiden Deutschen Timo Werner und Kai Havertz bei dem 4:0-Erfolg an der heimischen Stamford Bridge zu den Torschützen gehörten, dürfte Lampard zusätzlich gefreut haben. Der Trainer wirkte nach Schlusspfiff gelöst wie lange nicht und präsentierte den Zuschauern der übertragenden BBC beim Weg in die Kabine ein breites Lächeln.

Ablenkung vom tristen Alltag

Die Partie bot für den 42 Jahre alten Ex-Profi Ablenkung vom tristen Alltag. Von den jüngsten acht Premier-League-Spielen gewann Chelsea nur zwei, zuletzt gab es vier Niederlagen in sechs Partien, Tabellenplatz neun ist das ernüchternde Ergebnis.

Beim 1:3 gegen das wiedererstarkte Manchester City eine Woche vor dem Pokalerfolg über Morecambe operierten die "Blues" so hilflos, dass man denken konnte, hier sei eine Low-Budget-Truppe am Werk. Dabei hat der Klub aus dem Südwesten Londons im Sommer mehr Geld ausgegeben als jeder andere Verein im europäischen Fußball, nämlich fast 250 Millionen Euro, unter anderem für Werner von RB Leipzig und Havertz von Bayer Leverkusen.

Dauernde Trainerdiskussion

Chelseas Trainer Frank Lampard (l.) mit Timo Werner (r.)

Chelseas Trainer Frank Lampard (l.) mit Timo Werner (r.)

Mit einer solchen Einkaufsoffensive steigen naturgemäß die Erwartungen. Vom FC Chelsea wird verlangt, dass er in dieser Saison Druck macht auf Titelverteidiger FC Liverpool, doch da dieses Unterfangen zumindest aktuell als gescheitert gelten muss (der Rückstand auf Jürgen Klopps Mannschaft an der Tabellenspitze beträgt schon sieben Punkte), ist zuletzt die Jobsicherheit von Lampard in seiner erst zweiten Saison als Trainer an der Stamford Bridge zum Debattenthema geworden. Englische Medien nennen unter anderem den bei Paris Saint-Germain freigestellten Thomas Tuchel und Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann als mögliche Nachfolger.

Nährboden solcher Gedankenspiele ist die hinreichend bewiesene Ungeduld von Eigentümer Roman Abramowitsch. Der russische Öl-Milliardär hat schon deutlich profiliertere Übungsleiter als Lampard vor die Tür gesetzt. Beispiele sind José Mourinho, Carlo Ancelotti oder Antonio Conte. Der seriöse "Guardian" rechnete gerade vor, dass kein Coach unter Abramowitsch eine so miese Bilanz wie Lampard (in dieser Saison holte Chelsea nur etwas mehr als die Hälfte der möglichen Premier-League-Punkte) überstanden hat.

Deutsches Duo enttäuscht

Die umfassenden Investitionen im Sommer erklären den gestiegenen Druck auf Lampard, und sie erklären auch seine Probleme. In seiner ersten Spielzeit konnte er sich wegen einer Transfersperre durch die FIFA als ein Trainer beweisen, der aus überschaubaren Möglichkeiten das Beste macht, unter anderem durch die Integration junger Spieler wie Mason Mount oder Tammy Abraham. In seiner zweiten Saison hat er plötzlich unbegrenzten Luxus zur Verfügung und weiß nicht, wie er damit umgehen soll.

Das wird vor allem an den Personalien Werner und Havertz deutlich. Während sich andere Zugänge wie Torwart Édouard Mendy, Innenverteidiger-Routinier Thiago Silva, der englische Außenverteidiger Ben Chilwell oder Flügelstürmer Hakim Ziyech bisher insgesamt als Verstärkung erwiesen haben, enttäuscht das deutsche Duo.

Flaute bei Werner, erst ein Tor von Havertz

Werner wartet nach gutem Start mit vier Toren mittlerweile seit neun Premier-League-Spielen auf einen Treffer und wurde nach seiner Auswechselung zur Pause bei der 1:3-Niederlage beim Stadtrivalen FC Arsenal am zweiten Weihnachtstag, dem in England heiligen Boxing Day, von Lampard öffentlich kritisiert. Havertz traf in der Liga erst einmal für den neuen Arbeitgeber, Mitte Oktober gegen den FC Southampton, und kam zuletzt nur zu Kurzeinsätzen als Joker.

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Dass junge Profis - Werner ist 24, Havertz 21 - nach einem Wechsel in die Premier League Eingewöhnungszeit brauchen, ist nachvollziehbar, das betont auch Lampard immer wieder. Sorgen macht allerdings, dass der Trainer noch rätselt, wie er die beiden Deutschen am besten einsetzt. Werner kam bisher meistens über die linke Seite zum Einsatz, dabei kann er seine Stärken am besten ausspielen, wenn er durch die Mitte kommt. Havertz spielte in der Chelsea-Offensive schon fast jede Position, überzeugte aber auf keiner davon. "Ich erkenne noch nicht die genaue Idee, die Frank Lampard für ihn hat", tadelte gerade Leverkusens Trainer Peter Bosz im Interview mit dem Portal "The Athletic".

Status bringt Zeit

Der eine oder andere Beobachter auf der Insel fände einen deutschen Trainer wie Tuchel oder Nagelsmann auch deshalb naheliegend für Chelsea, weil zwei deutsche Profis - Werner und Havertz - der Schlüssel zum Erfolg sein könnten. Erstmal scheint der Verein allerdings an Lampard festhalten zu wollen, trotz der zuletzt tristen Ergebnisse und Gerüchten über schlechte Laune in einigen Ecken der traditionell mächtigen Chelsea-Kabine.

Lampards Status als Vereinsikone aus seiner Zeit als Profi der "Blues" und die Tatsache, dass er noch ein Neuling ist in der Trainer-Branche, bringen ihm Zeit. Allerdings ist auch diese begrenzt. Die anstehenden Prüfungen beim FC Fulham am Freitag (15.01.2021), gegen Leicester City am Dienstag darauf, Tottenham Hotspur Anfang Februar und im Achtelfinale der Champions League gegen Atlético Madrid (Hinspiel am 23. Februar) dürften wegweisend sein für Lampards Zukunft.

Stand: 11.01.2021, 08:00

Premier League

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3.Leicester City1938
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20.Sheffield United195
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