Bolsonaros Re-Start-Pläne spalten Brasilien

Jair Bolsonaro (r.) mit einem Kind im Flamengo-Trikot auf dem Arm

Fußball in Brasilien

Bolsonaros Re-Start-Pläne spalten Brasilien

Von Hans-Günter Klemm (Rio de Janeiro)

Brasiliens Präsident Bolsonaro plant den Re-Start und entfacht damit einen heftigen Streit in dem fußballverrückten Land. Mit über 20.000 Toten ist Brasilien eins der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder der Welt.

In den ungewissen Zeiten des Corona-Virus, das auch in Brasilien vorläufig den Fußball ins Wartezimmer verbannt hat, werden die Töne schärfer. "Hoffentlich müssen sie nicht auf dem Friedhof trainieren", schickte Carlos Augusto Montenegro eine Botschaft voller Sarkasmus an die Kollegen, die im Land des Rekordweltmeisters aus der Einheitsfront ausgebrochen sind, mit der die populäre Branche bei der Bewältigung der Pandemie eine eindeutige Gegenposition zur nonchalanten Politik des Staatspräsidenten bezogen hat. Der 66-jährige Ökonom, früher Präsident, nun im Management des Traditionsklubs Botafogo tätig, reagierte so drastisch auf die lokale Konkurrenz in Rio de Janeiro, die ganz im Sinne des umstrittenen Regierungschefs Jair Bolsonaro eine baldige Wiederaufnahme des Spielbetriebs forciert.

Hochkarätige Abgesandte waren daher zuletzt eigens nach Brasilia gereist. Vor dem Regierungssitz Planalto ließ sich der Rechtspopulist Bolsonaro mit den Gästen aus der Fußballgemeinde fotografieren. Dabei trug er das ihm offerierte Trikot des Meisters, das aktuelle Modell in "Rubro-Negro", den Farben von Flamengo.

Präsident Bolsonaro kämpft ums politische Überleben

Rodolfo Landim (63), der Präsident des Lieblingsklubs der meisten Brasilianer, und Alexandre Campello (59), der Kollege des ebenso legendären Vereins Vasco da Gama, strahlten dabei um die Wette. Für Bolsonaro, dem von der Mehrzahl der Beobachter im Kampf gegen die Covid-Krankheit ein krasses Versagen vorgehalten wird, und der nach Rücktritten von streitbaren Ministern ums politische Überleben kämpft, konnte mit diesem medialen Teilerfolg nur kurzzeitig von seinen Problemen ablenken. Das größte Land in Lateinamerika registriert mit Angst und Unbehagen die immer noch nicht flacher werdende Kurve: 310.000 Fälle, 20.000 Tote.

Während in der Hauptstadt der symbolische Akt ablief, schritten die Flamengista zuhause zur Tat. Entgegen der behördlichen Anordnung starteten sie im Trainingszentrum in Vargem Grande mit verschärftem Training - unter Maßgabe aller Sicherheitsvorschriften und einem Gesundheitskonzept, wie der Klub flugs mitteilte. "Ein schlechtes Vorbild", zürnte dennoch Ana Beatriz, die Gesundheitssekräterin der Stadt, über diesen illegalen Akt und kündigte Sanktionen an.

Flamengos Umgebung vom Virus stark betroffen

Kopfschütteln rief Flamengos Alleingang hervor, zumal bei dieser heiklen Ausgangslage. Denn auf der Anlage "Ninho do Urubu", übersetzt "Geiernest", hat sich das gefährliche Virus eingenistet. Ein Corona-Test bei Mitarbeitern, Spielern und Familienangehörigen hatte unlängst 32 positive Resultate gebracht, darunter auch einige Personen des kickenden Personals, aktuell soll es in der Mannschaft noch zwei Infektionen geben. Jorginho (68), der berühmte Masseur, 40 Jahren in Diensten des Klubs und bei der Nationalelf beim WM-Titel 2002 dabei, ist ein Corona-Opfer. Und Jorge Jesus, der angehimmelte Erfolgstrainer, der kurz vor einer Verlängerung seines Vertrags steht, hatte sich im März angesteckt, und zum Glück nur einen leichten Verkauf zu überstehen.

Warnsignale, die beim Nationalheiligtum Flamengo nicht ernst genommen werden. Der Hintergrund für das Plädoyer, möglichst rasch den Ball wieder rollen zu lassen, ähnelt den Bedingungen in der Bundesliga: Wie der gesamten Wirtschaft droht auch der Balltreterzunft im größten Land Südamerikas der finanzielle Kollaps. Die Staatsmeisterschaften, mit denen das Kalenderjahr beginnt, bevor "Brasileiro", der nationale Titelkampf, eröffnet wird, sind unterbrochen. Das Szenario: fehlende Einnahmen, reduzierte Erlöse von den Sponsoren sowie ausbleibende TV-Gelder.

Deutliche Kritik von '94er Weltmeister Rai

Die Liliput-Klubs aus dem Norden nagen am Hungertuch, doch selbst ein Goliath wie Flamengo, der die Copa Libertadores, vergleichbar der Champions League, gewonnen und bei seiner mit vier Trophäen gekrönten Titeljagd im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte einen Rekordumsatz von gut 940 Millionen Reais (etwa 160 Millionen Euro) erwirtschaftet hat, gerät in Nöte.

Rai (r.) Direktor beim FC Sao Paulo neben Dani Alves

Sao Paulos Direktor Rai (r. neben Dani Alves) übt Kritik am aktuellen Vorgehen.

Anders als der Zico-Verein handeln die Rivalen aus der ersten Liga, die ihre Empörung über das Ausscheren des Primus nicht verheimlichen. An der "Grenze der Verantwortungslosigkeit" stuft Rai (55), Weltmeister von 1994, der nun als Direktor beim FC Sao Paulo agiert, das Verhalten der Administration ein - was einem herben Rüffel für die Kollegen gleichkommt. "Der Fokus muss auf der Bekämpfung der Pandemie liegen." Noch deutlicher formuliert es Alexandre Kalil (61), früher Präsident von Atletico Mineiro und nun Bürgermeister in Belo Horizonte, der gar die intellektuellen Fähigkeiten der Fußball-Befürworter in Zweifel zieht: "Jetzt an Fußball zu denken zeugt von mentaler Debilität."

Eine Position, die mehrheitsfähig ist. Auch alle fünf Erstligisten aus Sao Paulo zählen zur Gruppe der Kritiker eines übereilten Re-Starts und demonstrieren jene Einigkeit, die in Rio vermisst wird. Im Carioca-Verband hat sich Fluminense zu Botafogo gesellt und nimmt eine Verweigerungshaltung ein. Wobei Botafogo sich mehr und mehr als Vorreiter der Contra-Gruppierung profiliert.

Trainer Paulo Autuori (63), eine Legende, in seinen 45 Berufsjahren in sechs Ländern auf drei Kontinenten engagiert, appelliert eindringlich an die Moral der Fußballschaffenden. Es sei albern, momentan über Fußballspielen überhaupt nachzudenken, sagte die Ikone, "angesichts so vieler Todesfälle und Leiden." Die Botafogo-Verantwortlichen bleiben standhaft, sind strikt gegen eine rasche Rückkehr auf den Rasen. Botafogo will streiken, im Extremfall sogar auf Punkte verzichten. Boss Carlos Augusto Montenegro: "Jeder Punkt, den wir verlieren, wird ein gerettetes Leben sein."

Im Fußball-Volk der Nation, die das "jogo bonito", das schöne Spiel so verherrlicht, kommt diese unumstößliche Verzichtserklärung weitgehend gut an. Als Reaktion auf den Besuch des Präsidenten beim ersten Mann im Staate schrieben Fans eine Botschaft an die Wand des Flamengo-Komplexes im Vorort Gavea. Die Parole, gemünzt auf Landims Solo: "Wir sind Demokratie". Dazu ein Wunsch in Richtung des Mitspielers aus Brasilia: "Fora Bozo!" In Deutsch: "Bolsonaro weg!"

Stand: 22.05.2020, 18:10

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