Liverpools Sieg – Wachablösung im englischen Fußball?

Liverpools Jürgen Klopp gestikuliert am Spielfeldrand

Premier League

Liverpools Sieg – Wachablösung im englischen Fußball?

Von Hendrik Buchheister

Der FC Liverpool hat Manchester City zuletzt immer wieder geärgert – allerdings nur punktuell. Das könnte in dieser Saison anders sein. Der 3:1-Erfolg für die "Reds" fühlt sich an wie eine Wachablösung. Pep Guardiola gelingt es nicht mehr, wichtige Spieler zu ersetzen.

Es war eine Szene, die sich umgehend in den sozialen Netzwerken verbreitete und dort große Erheiterung auslöste. Pep Guardiola marschierte nach der 1:3-Niederlage im Spitzenspiel der Premier League beim Tabellenführer FC Liverpool zu Schiedsrichter Michael Oliver und schüttelte ihm energisch die Hand. “Thank you! Thank you so much!”, sagte der Trainer von Manchester City.

Hinterher behauptete er, diesen Dank ernst gemeint zu haben, doch es war offensichtlich, dass er sich betrogen fühlte. In zwei Fällen hätte es Elfmeter für den Meister der vergangenen beiden Spielzeiten geben können, nachdem Liverpools Rechtsverteidiger Trent Alexander-Arnold den Ball an die Hand bekommen hatte, beide Male erkannten Schiedsrichter Oliver und der VAR kein strafbares Vergehen. Es war nachvollziehbar, dass Guardiola aufgebracht war. (Ausschnitte vom Topspiel in England sind gleich zu Beginn der Sendung "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" zu sehen.)

 

Schuld liegt bei ManCity selbst

Der Grund für Manchester Citys Niederlage, für den Rückstand von neun Punkten auf den Spitzenreiter und den Sturz auf den vierten Platz hinter Liverpool, Leicester und Chelsea liegt allerdings beim Titelverteidiger selbst. Anders als in den Meistersaisons, als Guardiolas Ensemble Ausfälle von wichtigen Spielern wie Benjamin Mendy oder Kevin De Bruyne ohne Probleme wegsteckte, gelingt es der Mannschaft in dieser Spielzeit nicht, personelle Verluste zu verkraften. Die Verletzung von Abwehrchef Aymeric Laporte hat die Statik durcheinandergebracht.

Der defensive Mittelfeldspieler Fernandinho verteidigt an seiner Stelle, dafür muss der deutsche Nationalspieler Ilkay Gündogan die Absicherung im Mittelfeld geben. Gegen Liverpool fiel auch noch Torwart Ederson aus und musste durch Claudio Bravo ersetzt werden. Die Folgen dieses Personal-Puzzles waren verheerend. 

Guardiola: "Liverpool ist die beste Mannschaft der Welt"

Manchester Citys Defensive war gegen die blitzartigen Angriffe von Jürgen Klopps Champions-League-Sieger dramatisch überfordert. Vor dem 1:0 in der sechsten Minute ließ sich John Stones von Sadio Mané abschütteln, Gündogan klärte den Ball in die Mitte, genau vor die Füße von Fabinho, der aus 20 Metern traf. Beim 2:0 in der 13. Minute zerlegte Liverpool den Gegner mit zwei Flankenwechseln der Außenverteidiger Alexander-Arnold und Andrew Robertson, Mohamed Salah stahl sich im Rücken von Fernandinho davon und köpfte ein.

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Vor dem 3:0 in der 51. Minute ließ Gündogan Liverpools Kapitän Jordan Henderson gewähren, Torwart Bravo zögerte erst bei dessen Flanke und klatschte dann Manés Kopfball ins eigene Tor. Die notdürftig geflickte Verteidigung des Meisters wurde gegen die “beste Mannschaft der Welt” (Trainer Guardiola) überrumpelt. Wieder einmal. 

Guardiola: "Jürgen und ich sollten Flasche Wein bekommen" Sportschau 11.11.2019 00:39 Min. Verfügbar bis 11.11.2020 Das Erste

Liverpool jetzt klarer Titelfavorit

Schon in der Vergangenheit ist es Liverpool immer wieder gelungen, Manchester City zu ärgern – allerdings immer nur punktuell, in einzelnen Spielen oder in der Champions League, wo Guardiolas Mannschaft im Frühjahr 2018 im Viertelfinale am einstigen Rekordmeister scheiterte. Dieses 3:1 allerdings fühlt sich an, als könnte es eine größere Wirkung haben. Es fühlt sich an wie ein seismischer Moment, wie eine Wachablösung an der Spitze des englischen Fußballs nach zwei Spielzeiten himmelblauer Herrlichkeit.

Klopps Auswahl ist nach diesem Sieg klarer Favorit auf die erste Meisterschaft seit 30 Jahren. “Meiner Meinung nach ist es entschieden, es sei denn, es passiert etwas Dramatisches in Sachen Verletzungen”, sagte José Mourinho, der seit dieser Saison als Fachmann bei "Sky Sports" beschäftigt ist. 

Vorsaison als Warnung für Klopp und Co.

Klopp gab sich zurückhaltender, als er über die Lage an der Tabellenspitze referierte. Neun Punkte Vorsprung auf Manchester City? “Das ist verrückt. Aber es ist nicht wichtig. Wir wollen im Mai Erster sein, nicht Anfang November”, sagte der Trainer. Schon in seiner Zeit bei Borussia Dortmund hat er sich auf dem Weg zu zwei Meisterschaften bescheiden gegeben. Er hat öffentlich stets an seinem Mantra festgehalten, von Spiel zu Spiel zu denken und nicht auf die Tabelle zu schauen. So verfährt er auch in Liverpool.

Klopp: "Wer will schon im November Erster sein?" Sportschau 11.11.2019 00:50 Min. Verfügbar bis 11.11.2020 Das Erste

Als Warnung dient ihm die vergangene Saison. Da verspielte seine Mannschaft zwischen Januar und März ein Sieben-Punkte-Polster und lief am Ende eines atemberaubenden Titelrennens als Vizemeister ein. Bis Mai ist noch viel Zeit, das birgt Unwägbarkeiten. Sollten sich Schlüsselspieler wie Virgil Van Dijk, Fabinho oder Mitglieder der Offensiv-Reihe Mané, Salah und Roberto Firmino verletzen, könnte Liverpool das nur schwer auffangen. Der Terminplan im Dezember mit Premier League, Champions League, Ligapokal und Klub-WM ist diesmal besonders anspruchsvoll. Und eine Mannschaft mit Manchester Citys Qualität sollte man nie abschreiben. Klopp liegt richtig damit, die Euphorie zu bremsen. Aber auch ihm dürfte die Wirkung dieses 3:1-Erfolgs klar sein.

Stand: 11.11.2019, 07:30

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