Englischer Amateurfußball: Aufstand der Basis

Ein Zweikampf im Spiel zwischen den englischen Amateurvereinen aus Harlow (gelb) und dem Londoner Vorort Enfield (blau)

Nach vorzeitigem Ende der Saison

Englischer Amateurfußball: Aufstand der Basis

Von Benedikt Brinsa

Das Coronavirus hat auch den englischen Fußball im Griff. Die FA hat die Saison im Amateurfußball für beendet erklärt. Dagegen wehren sich aber viele Klubs.

Das ganz große Lied vom Fußball wurde in South Shields bisher nicht gesungen. Der Küstenort mit 80.000 Einwohnern im Nordosten Englands ist vor allem dank der Textilfirma "Barbour" bekannt, die hier seit 1894 ihre weltberühmten Wachsjacken herstellt und auch Hoflieferant des britischen Königshauses ist. Einen Fußballverein gibt es aber natürlich auch. Der South Shields FC spielt in der siebthöchsten Spielklasse, der sogenannten Northern Premier League, und ist in dieser Saison einsame Spitze.

Nach 33 von 42 Spieltagen beträgt der Vorsprung auf den Zweitplatzierten zwölf Punkte. Die Aufstiegsträume waren groß, scheinen aber nun geplatzt. Während in den oberen Ligen der Spielbetrieb lediglich gestoppt ist, hat die FA, der englische Fußballverband, nach Absprache mit dem für die Wettbewerbe unterhalb der 4. Liga zuständigen National League System (NLS) vor einer Woche bekannt gegeben, dass der Spielbetrieb ab der siebten Liga abwärts komplett eingestellt wird. Auf- und Absteiger gibt es nicht. Bei den Frauen werden von der 3. bis zur 7. Liga alle Saisons beendet und ebenfalls die Ergebnisse annulliert.

Kampagne gegen die Entscheidung

"Wir sind natürlich mit der Entscheidung nicht glücklich", erzählt Geoff Thompson der Sportschau. Der 58-Jährige, ein Mann mit weißem Haar, ist seit fünf Jahren Vorsitzender des kleines Klubs und nun Initiator einer Kampagne, die sich gegen die Entscheidung der FA wehrt. Es wurde ein offener Brief an den Verband verfasst, den zu Beginn etwas mehr als 60 englische Amateurvereine unterzeichnet haben. Die Zahl wächst allerdings gewaltig. "Am Dienstagabend waren es rund 140 Klubs", erzählt Thompson.

Geoff Thompson: "Die FA muss eine gewisse Führungsstärke zeigen" Sportschau 02.04.2020 00:40 Min. Verfügbar bis 02.04.2021 Das Erste

Ziel ist es, dass die Entscheidung nochmal überdacht wird. Dass die Vereine vom Ende der Saison nicht von der FA direkt, sondern aus den sozialen Medien erfahren haben, ist für Thompson ein ärgerlicher Randaspekt, es geht ihm in erster Linie um Gerechtigkeit. "Wir wissen alle, wie schwierig die Situation für den Verband und für uns alle ist, aber die Entscheidung hätte nicht jetzt getroffen werden müssen. Wir hätten warten sollen." Außerdem hofft er auf eine ligenübergreifende Lösung. "Man kann nicht eine Regel für die Premier League und andere Regeln für alle anderen Ligen machen. Das System des englischen Fußballs ist darauf ausgelegt, dass alle gleich sind. Stellen sie sich mal vor, wie groß der Aufschrei wäre, wenn die Premier League für beendet erklärt würde. Es wäre einfach komplett falsch. Und wenn es auf Premier-League-Ebene falsch ist, dann ist es auch auf unserem Level falsch."

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Die FA tagt kommende Woche

Den Brief, in dem der große Groll der vielen Vereine klar wird, hat die FA zur Kenntnis genommen. In der nächsten Woche wird über das weitere Vorgehen diskutiert. "Wir hoffen, dass sich der gesunde Menschenverstand und die Fairness durchsetzen", erklärt Thompson. "Wir wollen keinen Ärger machen, wir wollen nur etwas Engagement und eine Diskussion. Die Entscheidung, die Saison zu annullieren, ist die von allen am wenigsten bevorzugte Option."

Thompson hofft auf „gerechte Lösung“

Obwohl die Hoffnung bei Thompson auf eine Wendung wegen der vielen positiven Reaktionen groß ist, steht bis auf Weiteres die Annullierung. "Wir sollten versuchen, die Saison zu Ende zu spielen", plädiert Thompson, der aber auch noch ein anderes Szenario für realistisch hält. "75 bis 80 Prozent der Spiele sind absolviert. Man könnte die Punktzahl  ermitteln, die ein Team durchschnittlich pro Spiel geholt hat, und so eine Abschlusstabelle erstellen. Das wäre eine gerechte Lösung." Und eine, die die Aufstiegsträume vom kleinen Klub aus dem Nordosten Englands wieder aufblühen ließe.

Stand: 02.04.2020, 09:21

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