Wie Ajax auseinanderbricht: Ten Hag unter Beobachtung

Ajax Trainer Erik ten Hag

Tabellenführung wackelt

Wie Ajax auseinanderbricht: Ten Hag unter Beobachtung

Von Francois Duchateau

Der Glanz, mit dem Ajax Amsterdam im vergangenen Jahr Europa verzauberte, ist abhanden gekommen. Die Mannschaft von Erik ten Hag droht auseinanderzubrechen. Das sorgt für Spannung in der niederländischen Eredivisie.

Vor fast genau einem Jahr begeisterte Ajax Amsterdam ganz Europa mit seinem mutigen Angriffsfußball und wies Real Madrid im Bernabeu im Achtelfinale der Champions League mit 4:1 in die Schranken. Doch von der hochtalentierten Mannschaft, die kurz darauf gegen Tottenham den sensationellen Einzug ins Europapokal-Endspiel nur um wenige Sekunden verpasste, ist nicht mehr viel übrig.

Der niederländische Rekordmeister blickt auf eine üble Woche zurück: Erst das Aus in der Europa League gegen Getafe, dann die Niederlage am Sonntag (01.03.2020) in der Liga gegen Verfolger Alkmaar (0:2) und am Mittwochabend schließlich das Halbfinal-Aus im Pokal gegen den FC Utrecht (0:2). Seit im Dezember der Einzug in die diesjährige K.o.-Runde der Champions League knapp verfehlt wurde, ist die Luft raus bei den Amsterdamern, die zuletzt erschreckende Vorstellungen ablieferten. Nur Tabellenschlusslicht RKC Waalwijk (7) verlor in den jüngsten zehn Eredivisie-Spielen häufiger als Ajax (5).

Der Aderlass dürfte nun erfolgen

Die Hauptstädter mussten im Sommer die Abgänge der Stammspieler Frenkie de Jong (FC Barcelona), Mathijs de Ligt (Juventus Turin) und Routinier Lasse Schöne (Genua) verkraften. Auch der Abschied von Co-Trainer Alfred Schreuder in Richtung Hoffenheim wog schwer. Er war der Mann für die genialen Matchpläne an der Seite von Cheftrainer Erik ten Hag. Dennoch spielte Ajax bis zum Winter eine ordentliche Saison.

Ajax Amsterdam auf Abwegen Sportschau 05.03.2020 00:59 Min. Verfügbar bis 05.03.2021 Das Erste

Der eigentlich ohnehin befürchtete ganz große Aderlass blieb zwar bisher aus, doch dürfte dafür nun erfolgen. Bereits bekannt ist, dass Hakim Ziyech für 40 Millionen Euro zum FC Chelsea wechseln wird. Weitere Stars wie Donny van de Beek, Torwart André Onana, Nicolas Tagliafico und David Neres denken dem Vernehmen nach über einen Transfer nach.

Dass viele Akteure derzeit sehr mit sich beschäftigt sind, spiegelt sich auf dem Rasen wider: Die Abläufe und Abstände stimmen nicht mehr, die mannschaftliche Geschlossenheit fehlt. Auch Verletzungspech brachte Ajax zuletzt aus dem Tritt. Viele Neuzugänge zünden noch nicht so Recht.

Ten Hag unter Beobachtung

"Wir verlieren den Ball an unmöglichen Stellen", analysierte Ten Hag nach der Pokalpleite gegen Utrecht: "Die Stabilität ist verloren gegangen, auch stecken keine Automatismen mehr in der Mannschaft. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die Energie im Team bleibt und wir schnell wieder besser Fußball spielen."

Die Krise der vergangenen Wochen hat auch den Trainer in den Fokus gerückt. Wegen des Double-Gewinns und der sensationellen Europacup-Saison 2018/19 genießt der 50-Jährige hohen Kredit in der Vereinsführung und mag offiziell nicht zur Disposition stehen, doch in der Vergangenheit wurden Ajax-Trainer schon wegen weitaus weniger Niederlagen entlassen.

Teamspirit und taktische Antworten

Ten Hag, der lange als möglicher Bayern-Trainer der Zukunft gehandelt und zuletzt auch mit Borussia Dortmund in Verbindung gebracht wurde, muss nun schleunigst den Teamspirit wieder herstellen und auch taktische Antworten auf die ratlosen Auftritte der vergangenen Woche liefern. Die erneute Qualifikation zur Champions League wird mindestens erwartet. Doch eigentlich ist in Amsterdam die Meisterschaft der unbedingte Anspruch.

Dusan Tadic ärgert sich

Dusan Tadic ärgert sich

Seit dem Wochenende ist das Meisterrennen in den Niederlanden jedenfalls wieder völlig offen. Eine kleine Sensation, denn noch im Winter schien es so, als sei Ajax der Liga enteilt - finanziell und sportlich.

Starke Konkurrenz

Zwar führen die Amsterdamer mit 53 Punkten weiterhin die Tabelle der Eredivisie an, doch das einst so komfortable Punktepolster ist geschmolzen. Das von Arne Slot trainierte Talent-Ensemble Alkmaar liegt nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz auf Rang zwei, spielt derzeit aber wie ein Titelfavorit auf. AZ ist das Team der Stunde.

Hoffnungen auf den Titel darf sich aber auch Feyenoord machen: Seitdem der 72 Jahre alte Ex-Nationaltrainer Dick Advocaat Ende Oktober übernahm, läuft es wieder beim Traditionsverein. Die Rotterdamer sind die beste Rückrunden-Mannschaft und 2020 noch ohne Niederlage. Am 22. März haben sie beim "Klassieker" zudem die Möglichkeit, im direkten Duell gegen den Erzrivalen aus der Hauptstadt den Abstand zu verkürzen, der noch sechs Punkte beträgt - bis dahin aber weiter schrumpfen könnte. Denn noch ist eine Trendwende bei Ajax nicht in Sicht.

Stand: 06.03.2020, 10:00

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