Ibrahimovic hebt Milan aus den Trümmern

Zlatan Ibrahimovic (M.), Hakan Calhanoglu (l.) und Ante Rebic

AC Mailand führt in Italien die Tabelle an

Ibrahimovic hebt Milan aus den Trümmern

Von Olaf Jansen

Sie waren zur grauen Maus verkommen. Doch mit der Rückkehr von Zlatan Ibrahimovic wurde beim AC Mailand alles anders. Jetzt führen die "Rossoneri" in Italien die Tabelle an.

Am Montagabend (26.10.2020) brauchte Zlatan Ibrahimovic noch nicht einmal zwei Minuten, um wieder einmal zu beweisen, wer der derzeit Größte in Mailand ist: Im Ligaspiel gegen AS Rom gelang dem Schweden nach 1:48 Minuten die 1:0-Führung, als er eine gefühlvolle Flanke des jungen Portugiesen Rafael Leao zum 1:0 über die Linie drückte.

Zwar reichte dem AC Mailand "Ibras" Blitztor nicht zum Sieg, gegen die starken Römer stand es am Ende nach nervenaufreibenden 90 Minuten und einem weiteren Ibrahimovic-Treffer zum zwischenzeitlichen 3:2 nur 3:3. Hauptverantwortlich für den Punktverlust dürfte allerdings die kurzfristige Corona-Sperre von Milans Keeper Gianluigi Donnarumma gewesen sein. Denn dessen Ersatzmann Ciprian Tatarusanu - immerhin rumänischer Nationaltorwart - patzte bei gleich zwei Gegentreffern schwer.

Ungeschlagen seit 22 Spielen

Dennoch blieben die "Rossoneri" nach fünf Spieltagen und nunmehr 13 Zählern an der Spitze der Serie A. Und bauten ihre Serie von ungeschlagenen Partien aus. Milan ist nun wettbewerbsübergreifend seit 22 Partien ungeschlagen.

Sie träumen wieder von großen Zeiten beim 18-maligen italienischen Champion. So wie in den 1990er und 2000er Jahren, als sie nicht nur national Titel an Titel reihen konnten, sondern als weltweit dominierender Fußballverein verehrt wurden. Arrigo Sacchi und Fabio Capello hießen damals die Trainer. Spieler wie Franco Baresi und Paolo Maldini, später dann Andrea Pirlo, George Weah und Roberto Baggio führten den Verein zu jeder Menge Titel und Triumphen.

Besitzerwechsel bringt viel Unruhe

Nachdem aber die großen Spieler abgedankt hatten, fiel Milan in ein sportliches Leistungsloch, verpasste nach dem bislang letzten italienischen Meistertitel 2010/11 über Jahre den Anschluss an die Spitze. Die Krise gipfelte gewissermaßen 2017 im Ausstieg des langjährigen Besitzers Silvio Berlusconi, als der Verein endgültig seine Identität zu verlieren drohte. 

Es übernahm ein chinesisches Firmenkonsortium um Hauptinvestor Li Yonghong, doch die Sache blieb nicht lange stabil. Die Chinesen investierten kräftig in neue Spieler, der schnelle sportliche Erfolg blieb allerdings aus. Und somit auch die Zahlungsbereitschaft der Holding, die nur ein Jahr später wieder von der italienischen Fußballbühne verschwand. 2018 übernahm der US-Investor Elliott Management Corporation die Zügel. 

Trainer Pioli sollte für Rangnick weichen

Nachdem Li Yonghong verabschiedet war, bestellte man Paolo Scaroni zum Präsidenten. Der Ex-Präsident des italienischen Energiekonzerns ENI war nach einem Umweltdelikt zwar gerade erst um eine Haftstrafe herumgekommen, zeigte sich aber fest entschlossen, das einstmals große Milan einer Radikalkur zu unterziehen. Trainer Gennaro Gattuso musste gehen, Nachfolger Marco Giampaolo blieb auch nur von Sommer bis Oktober 2019 im Amt. Und es übernahm der erfahrene Stefano Pioli. 

Mit jungen, italienischen Talenten wollte man mittelfristig zurück in die Spitze. Bevor allerdings die Youngster zum Zug kommen konnten, durfte erst einmal ein Altstar reüssieren: Aus Los Angeles holte Milan im Januar 2020 Zlatan Ibrahimovic zurück. Gleichzeitig knüpfte man Kontakte zu Ralf Rangnick, der dann ab Sommer 2020 in einer Doppelfunktion als Trainer und Sportdirektor der neue starke Mann im Klub werden sollte. So der Plan.

Ibrahimovic reißt das Team mit

Diese Idee wurde allerdings durch die sportliche Entwicklung komplett über den Haufen geworfen. Unter dem harmoniebedachten Pioli raufte sich das junge Team unter Anleitung von "Opa" Ibrahimovic zusammen. Als der Schwede zurückkehrte, waren die Zweifel ja noch gross gewesen. Ist er tatsächlich gut genug für ein letztes Hurra, nach zwei Jahren in der eher mittelmässigen Major League Soccer? Die Erkenntnis war bald: Ja, er ist es.

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Und es ist natürlich nicht nur die dominante Spielweise, die dem Team neues Selbstbewusstsein eingehaucht hat. Es sind auch die selbstherrlichen Sprüche und öffentlichen Auftritte vom selbsternannten "Gott von Mailand", in dessen Windschatten die Mitspieler plötzlich größer werden. Hakan Calhanoglu zum Beispiel hat sich zu einem der besten Spieler in der Liga entwickelt, Leao ist mit seinem Tempo auf der linken Außenbahn eigentlich gar nicht mehr zu stoppen. Und Ibrahimovic schießt Tore am Fließband. Weil er wegen einer Corona-Infektion zwischenzeitlich pausieren musste, konnte der Schwede bislang nur bei drei Ligapartien der gerade angelaufenen Saison mitwirken. In denen gelangen ihm aber bereits sechs Tore.

In "Ibras" Schatten: Talente entwickeln sich prächtig

Piolis Team hat insgesamt nach der Coronapause eine imposante Serie hingelegt. Als sich die neue Stärke im Sommer zu einem Trend abzeichnete, war auch der von Alt-Mailändern wie Manager Paolo Maldini sowieso schon abgelehnte Rangnick kein Thema mehr. Piolis Vertrag wurde ebenso verlängert wie der des mittlerweile 39-jährigen Ibrahimovic. 

Und auch ohne Rangnick scheint Milan den Weg mit der Entwicklung junger, hoffnungsvoller Talente gehen zu können. Die jüngsten Transfers deuten jedenfalls darauf hin. Im Sommer gab der Klub einige Altgediente wie beispielsweise Lucas Biglia oder Giacomo Bonaventura ab, im Gegenzug verstärkten verheißungsvolle Youngster wie der umworbene Jens Petter Hauge aus Norwegen (20, 3,5 Millionen, Bodo/Glimt), Alexis Saelemaekers (21, Anderlecht, feste Verpflichtung nach Leihe), Brahim Diaz (21, Leihe, Real Madrid), Daniel Maldini (18, eigene Jugend) oder Lorenzo Colombo (18, eigene Jugend) die Mannschaft.

Mit dem Altmeister in die Champions League

Als größter Coup für die Mailänder dürfte jedoch die Verpflichtung Sandro Tonalis gelten. Der 20-Jährige, der mit nahezu sämtlichen Fußball-Schwergewichten Europas in Verbindung gebracht wurde, angeblich Avancen des FC Barcelona und Manchester Uniteds abblockte, kam zunächst auf Leihbasis von Brescia Calcio. In der kommenden Saison soll eine feste Verpflichtung folgen, Milan besitzt eine Kaufoption. Er könnte dann Ibrahimovic beerben. Oder noch ein Jahr mit dem Altmeister zusammen spielen. Dann vermutlich wieder in der Champions League.

Zlatan Ibrahimovic - Italiens "Fußball-Opa" und sein nächster Frühling

Sportschau 18.10.2020 02:40 Min. Verfügbar bis 18.10.2021 ARD Von ARD-Reporter Jörg Seisselberg


Stand: 27.10.2020, 09:00

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