Zusatz-Wechsel bei Gehirnerschütterungen kommen - in zwei Varianten

Schalkes Nassim Boujellab mit bandagiertem Kopf im Spiel gegen den FC Augsburg

Fußballregeln 2021/22

Zusatz-Wechsel bei Gehirnerschütterungen kommen - in zwei Varianten

Von Chaled Nahar

Die Fußballregelhüter haben beschlossen, beim Verdacht auf Gehirnerschütterungen ab Januar in einer Testphase zusätzliche Auswechslungen zu ermöglichen. Die Regel kommt in zwei verschiedenen Varianten - die Ligen dürfen wählen.

Gehirnerschütterungen im Fußball bedeuten Lebensgefahr, wenn eine Spielerin oder ein Spieler damit weiterspielt und einen zweiten schweren Schlag gegen den Kopf riskiert. Die Medizin warnt vor dem "Second Impact Syndrome", das im schlimmsten Fall tödliche Folgen haben kann.

Der Vorstand des International Football Association Board (IFAB) beschloss am Mittwoch (16.12.2020) eine Testphase, die im Januar beginnen wird - dann ist bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung eine zusätzliche Auswechslung möglich.

Wie genau eine echte Regel nach der Testphase aussehen kann, soll nun erprobt werden - mit zwei Varianten.

Zusatz-Wechsel mit und ohne Ausgleich für das andere Team

Die beiden Regelungen:

  • Variante 1: Liegt der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung vor, ist pro Mannschaft ein zusätzlicher Wechsel möglich, der nicht auf das ursprüngliche Wechselkontingent angerechnet wird.
  • Variante 2: Unter den genannten Umständen sind pro Mannschaft zwei zusätzliche Auswechslungen möglich. Jedes Mal bekommt dann das gegnerische Team ebenfalls einen weiteren Wechsel. Das soll mögliche sportliche Nachteile ausgleichen und einen Missbrauch der Regel unattraktiver machen.

Welche Variante besser ist und ob die Furcht vor einem Missbrauch gerechtfertigt ist, soll in der Testphase ergründet werden. Der Grundgedanke ist dabei klar: "Im Zweifel muss der Spieler vom Platz", sagte der technische Direktor des IFAB, David Elleray, nach der Sitzung.

Neben den gesundheitlichen Gefahren gibt es bei Gehirnerschütterungen das Problem, dass die Diagnose im laufenden Spiel oft nicht schnell genug zuverlässig gestellt werden kann. Viele Syptome stellen sich zudem erst nach mehreren Stunden ein. "Deshalb kam ein temporärer Wechsel nicht in Frage", sagte Elleray. Die internationale Spielergewerkschaft FIFpro hatte sich Ende 2019 für diese Idee ausgesprochen.

England will die Wechsel schnell einführen, DFB und DFL noch zurückhaltend

Wettbewerbe und Ligen können nun an dem Test teilnehmen und sich eine der beiden Varianten aussuchen. Der englische Verband kündigte an, dass im FA-Cup der Männer und Frauen sowie in den beiden ersten Frauen-Ligen der Zusatzwechsel erprobt werden soll. Laut Medienberichten gibt es auch in der Premier League eine Mehrheit, sich dem Test anzuschließen - ein Treffen der Klubs steht Donnerstag an.

DFB und DFL bleiben noch zurückhaltend. Dort will man zunächst die genaue Formulierung der Regel abwarten. Nach der IFAB-Sitzung hieß es von der DFL, dass man die Möglichkeit begrüße. Die DFL "wird sich mit den genauen Vorgaben sowie einer möglichen Umsetzung in Bundesliga und 2. Bundesliga befassen".

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Die Teams müssen entscheiden, ob sie wechseln - nicht die Unparteiischen

Die Entscheidung darüber, ob gewechselt werden muss oder nicht, sollen die Schiedsrichter*innen mangels medizinischer Kenntnisse nicht treffen müssen. Eine neutrale medizinische Person, die viele in der Diskussion für nötig halten, kann das allgemeine Regelwerk jedoch auch nicht vorschreiben, denn es muss in der Champions League genauso anwendbar sein wie in der Kreisliga D, sowohl bei den Männer-, als auch bei den Frauen- und Jugendmannschaften. "Wir brauchen einen Ansatz, der in jeder Liga funktioniert", schrieb eine Expertengruppe des IFAB im Oktober.

Die Einführung des zusätzlichen Wechsels soll vor allem Druck aus der Entscheidung nehmen. "Der Spieler muss nicht daran denken, dass er das Wechselkontingent belasten würde,", sagte Elleray. Die Entscheidung, einen zusätzlichen Wechsel beim Schiedsrichter anzufordern, liege nun beim jeweiligen Team des Spielers oder Spielerin.

Fünf Wechsel: Ausnahmeregel verlängert

Die aktuelle Möglichkeit, dass Teams fünf Mal pro Spiel auswechseln können, ist eine zeitlich begrenzte Ausnahmeregel - und diese wurde um ein Jahr bis 2022 verlängert. Jonathan Ford, Geschäftsführer des walisischen Verbandes und aktueller Vorsitzender des IFAB, wies daraufhin, dass dies weiter als eine "temporäre Lösung im Zuge der Coronavirus-Pandemie" betrachtet wird.

Offenbar gefällt die Regel einigen Wettbewerben und Verbänden so gut, dass sie sie gerne dauerhaft einführen würden. Bundestrainer Joachim Löw beklagte sich lautstark, als die UEFA zunächst zur alten Regelung mit drei Wechseln zurückkehrte. Mittlerweile hat die UEFA nachgegeben und ermöglicht wieder fünf Wechsel.

Entscheidungen zum Handspiel erst im März

Wie so oft war das Handspiel Thema bei den Regelhütern. Unter Regel 12 "Direkter Freistoß" ist das Handspiel geregelt. Und die folgenden Dinge sollen sich dort ändern:

  • Abgespreizte Arme und über Schulterhöhe gehaltene Arme sollen bei einem Ballkontakt nicht mehr automatisch ein strafbares Handspiel sein.
  • Schiedsrichter*innen sollen künftig bewerten, ob die Haltung der Arme "Teil einer natürlichen Bewegung des Spielers oder der Spielerin" ist. Gemeint sind damit vor allem das Ausholen beim Springen oder Bewegungen, um das Gleichgewicht zu halten.
  • Eine Definition von dem, was "unnatürliche Bewegungen" sind, soll niedergeschrieben werden und Anhaltspunkte für die Unparteiischen liefern.
  • Die Handspiel-Regel soll insgesamt einfacher gefasst werden. Vor allem im Amateurbereich regte sich Kritik, nach der die Formulierung zu kompliziert und unverständlich sei.

Entscheidungen hierzu wird es aber erst bei der Generalversammlung Anfang März 2021 geben. Die UEFA hatte eine Rückkehr zum Regeltext gefordert, der vor den Änderungen 2019 galt. Eine komplette Rückabwicklung der 2019 gefassten Reform des Handspiels gilt aber als ausgeschlossen.

Das IFAB - FIFA und Briten entscheiden unter sich

Die Regeln des Fußballs legt nicht die FIFA, sondern traditionell das 1886 gegründete IFAB fest. Die FIFA hat dort aber ein großes Mitspracherecht. Vier der acht stimmberechtigten Mitglieder kommen von der FIFA, die anderen vier Stimmen halten die vier britischen Verbände aus England, Schottland, Wales und Nordirland.

Um eine Regeländerung durchzusetzen, ist bei der Generalversammlung eine Dreiviertelmehrheit notwendig. Die FIFA kann also nichts ohne die Briten durchsetzen, umgekehrt geht das ebenfalls nicht. Zumeist wird aber ohnehin im Vorfeld Einigkeit erzielt.

Stand: 16.12.2020, 18:38

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