Die "T-Frage" - in Deutschland historisch verankert

Marc-Andre ter Stegen, Manuel Neuer, Hans Tilkowski, Wolfgang Fahrian (v.l.)

Diskussion um Neuer und ter Stegen

Die "T-Frage" - in Deutschland historisch verankert

Von Robin Tillenburg

Soll Manuel Neuer oder Marc-André ter Stegen das DFB-Tor hüten? Die aktuelle Diskussion ist für den deutschen Fußball nichts Neues. Denn: Die Frage nach der deutschen Nummer eins hat durchaus Tradition.

"Deutschland, die Torhüternation." "Hätten wir überall die Auswahl, die wir auf der Torhüterposition haben..." - Sätze und Aussagen wie diese sind vor großen Turnieren der Nationalmannschaft Alltag an Stammtischen, in TV-Gesprächsrunden und Expertentalks. Und tatsächlich stand die DFB-Elf im Vergleich mit den anderen sogenannten "großen" Fußballnationen über die Jahrzehnte hinweg zwischen den Pfosten qualitativ konstant gut da.

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Emotionen von außen

Und dennoch - oder gerade deswegen - ist die Torhüterfrage in Deutschland schon fast immer so alltäglich wie beispielsweise neuerdings die Diskussion um Traditionsvereine oder den Videoschiedsrichter. Der Konkurrenzkampf zwischen ter Stegen und Neuer, der - je nachdem wen man fragt - keiner sein sollte, weil Neuer/ter Stegen es mehr verdient hätte/der Bessere ist, ist das aktuellste Kapitel.

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Die Aussagen von Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß, der sich gewünscht hat, dass ter Stegen wegen seiner vermeintlich unfairen, de facto aber lediglich sachlich enttäuschten Aussagen, vom DFB "in die Ecke gestellt" hätte werden sollen, bilden den Tief- und wahrscheinlich leider nicht den Schlusspunkt dieses Kammerspiels. Tatsächlich hat der DFB es aber mit dem Ausrufen eines Konkurrenzkampfes und der gleichzeitigen Nichtaufstellung von ter Stegen in den beiden Qualifikationsspielen gegen die Niederlande und Nordirland auch selbst ein bisschen zu verschulden, dass die Emotionen und Meinungen jetzt hochkochen.

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Hausgemachtes Problem für den DFB

Dabei hätten Joachim Löw und Co. es - rein sportlich gesehen - doch so einfach gehabt. Einen Konkurrenzkampf zwischen zwei der weltbesten Keeper auszurufen ist völlig legitim, wenn man dann beiden auch die Chance gibt. Gleichzeitig wäre es völlig legitim gewesen, Neuer aufgrund der Erfahrung und der über Jahre gezeigten Leistungen vorzuziehen. Es wäre auch völlig legitim gewesen, ter Stegen als neue Nummer eins zu benennen - beim FC Barcelona zeigt er herausragende Leistungen, ist jünger als Neuer und in den vergangenen Jahren auch etwas weniger verletzungsanfällig.

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Alle Entscheidungen wären sportlich und auch menschlich vertretbar gewesen - jetzt müssen DFB, Neuer und ter Stegen eine viel zu stark gewürzte Suppe auslöffeln. Dabei hatten ter Stegen und Neuer selbst gar nicht so hochemotionale Aussagen getroffen, den Konkurrenten nicht beleidigt, oder ihm die sportliche Klasse abgesprochen.

Historische Duelle

Auch in der Vergangenheit waren die Duelle um den Platz im deutschen Tor nicht immer frei von Emotionen - aus unterschiedlichen Gründen. Eine Chronik:

1962 ging im Zuge der Weltmeisterschaft eigentlich jeder von Hans Tilkowski aus - der Keeper von Westfalia Herne war im "besten Alter", hatte in den vergangenen Jahren hervorragende Leistungen gezeigt. Dem ebenfalls nominierten Wolfgang Fahrian wurde zwar eine glorreiche Zukunft vorhergesagt, die sollte aber erst Jahre nach dem Turnier beginnen. Dachte man. Bundestrainer Sepp Herberger setzte zum Auftaktspiel gegen Italien überraschend Fahrian ein. Tilkowski soll so wütend gewesen sein, dass er prompt nach seinem Reisepass verlangte und Chile wieder verlassen wollte. Das geschah genauso wenig wie sein angekündigter sofortiger Rücktritt aus der Nationalelf, doch die Stimmung im Team schien vergiftet.

Schumacher gegen Stein - Immel gegen Illgner

Bei der Weltmeisterschaft 1986 sahen sowohl Toni Schumacher als auch Uli Stein sich als etatmäßigen Stammkeeper. Bundestrainer Franz Beckenbauer sah das anders, zeigte sich irritiert und sprach davon, dass der Hamburger Stein genau gewusst habe, dass er als zweiter Torhüter in den Kader berufen wurde. Stein soll ihn daraufhin einen "Suppenkasper" genannt haben. Es reichte, trotz der Unruhe, für den Einzug ins Finale, obwohl Schumacher und Stein freimütig zugaben, sich nicht wirklich leiden zu können.

Beckenbauer und die Keeper - es sollte auch gut zwei Jahre später nicht leichter für den "Kaiser" werden: Eike Immel, bei der EM 1988 Stammkeeper, zerstritt sich mit Beckenbauer, weil der Bodo Illgner in der WM-Qualifikation für das Turnier 1990 den Vorzug gegeben hatte, und trat zurück. Ein Comeback von Stein scheiterte am Veto von DFB-Präsident Hermann Neuberger - und als dann endlich Ruhe war und Illgner letztlich unumstritten ins Turnier ging, gab es dann prompt den WM-Titel.

Kahn und Lehmann - nur Gewinner

Eine klare Position seitens des DFB, ähnlich wie gerade im Fall ter Stegen/Neuer, wurde auch vor der Weltmeisterschaft 2006 lange vermisst. Oliver Kahn und Jens Lehmann hatten wechselseitig die Nase vorn im Konkurrenzkampf um den Stammtorwart-Posten, und als es kurz vor dem Turnier aussah, als würde es Kahn, wurde es Lehmann. Kahn zeigte sich danach als fairer Sportsmann und konnte seinen zeitlebens ausgelebten, verbissenen Siegeswillen so kanalisieren, dass er den nicht unbedingt geliebten Konkurrenten als Backup unterstützte. Das sorgte neben den guten Leistungen Lehmanns dafür, dass dieses Torwartduell das einzige in der Geschichte der DFB-Elf öffentlich ausgetragene und kontroverse Duell seiner Art war, aus dem nur Gewinner hervorgingen.

Zwischen René Adler und Manuel Neuer gab es einen nicht ganz so emotionalen aber doch viel diskutierten Zweikampf, den Adler letztendlich kurz vor der WM 2010 aufgrund einer Verletzung unverschuldet "verlor" und wegen seiner anhaltenden Leidensgeschichte auch nie wieder wirklich aufnehmen konnte.

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Jetzt eben Neuer und ter Stegen - und Hoeneß. Und der DFB. Dass aus der aktuellen Episode ein echter Sieger hervorgeht, wird momentan mit jedem Tag unwahrscheinlicher. Dabei zeigt die Vergangenheit: Eine klar definierte Nummer Eins kann in großen Turnieren durchaus helfen. Toni Turek 1954, Sepp Maier 1974, Ilgner 1990 und 2014 auch Neuer gingen ohne Störgeräusche als Stammtorhüter in die WM-Turniere. Das Ergebnis ist bekannt.

Stand: 19.09.2019, 17:36

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