Immer Ärger ums Handspiel

Schiedsrichter-Experte Feuerherdt über das Handspiel Sportschau 16.01.2019 35:29 Min. Verfügbar bis 16.01.2020 Das Erste

Regeln im Fußball

Immer Ärger ums Handspiel

Von Chaled Nahar und Benedikt Brinsa

Im Fußball ist kaum etwas so kompliziert zu beurteilen wie das Handspiel. Die neue Auslegung sorgt für Ärger, die Regelhüter planen eine Änderung - aber reicht das für mehr Klarheit?

Zum Thema Handspiel verliert das offizielle Regelwerk des Fußballs nicht viele Worte.

Der Gesetzestext in Regel 12 ("Fouls und unsportliches Betragen") lautet so:

Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt. Folgendes ist zu berücksichtigen:

  • die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand),
  • die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball),
  • die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen).

Hinzu kommen die Ausnahmen für den Torhüter.

Die "Absicht" - ein Problem für den Schiedsrichter

Schalkes Spieler diskutieren mit Schiedsrichter Robert Kampka.

Schalkes Spieler diskutieren mit Schiedsrichter Robert Kampka.

Strafbar ist das Handspiel also laut Regel nur, wenn Absicht vorliegt. "Die Kunst für Schiedsrichter liegt darin, genau das einzuschätzen", sagt Alex Feuerherdt vom Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben". Die sprachlichen Konstrukte wie "angelegter Arm", "Vergrößerung der Körperfläche", "Schutzhand" oder "unnatürliche Armbewegung" sind keine Teile des Regelwerks - geben dem Schiedsrichter aber zumindest Anhaltspunkte. Denn da er den Spielern nicht in den Kopf schauen kann, muss er sich entscheiden: War das Absicht oder nicht?

Das zu bestimmen, ist schwierig. "Oft spricht genauso viel für ein Handspiel wie dagegen. Kaum ein Handspiel ist nicht diskutabel und häufig ist es in beide Richtungen auslegbar", sagt Feuerherdt. Nicht selten führten zwei sehr ähnliche Situationen zu zwei unterschiedlichen Entscheidungen.

Die Schwelle zum Pfiff ist gesunken

Seit Beginn der WM in Russland ist die Schwelle zum Pfiff beim Handspiel deutlich gesunken. Der Elfmeter für Frankreich im WM-Finale gegen Kroatien nach Ivan Perisics Handspiel war beispielsweise genauso umstritten wie der gegen Fortuna Düsseldorf beim Spiel in Mönchengladbach, als Kaan Ayhan eher angeschossen wurde. "Wir legen Handspiele heutzutage eher als strafbar aus, als das vielleicht noch vor fünf Jahren der Fall gewesen ist", sagt Jochen Drees, Projektleiter Video-Assistent im DFB.

Wenn der Arm vom Körper gestreckt ist, wird auf Handspiel entschieden - sagte die FIFA nicht-öffentlich den Teams vor dem Turnier. Seitdem wird diese Maßgabe in ähnlicher Art auch in der Bundesliga umgesetzt. Das Ergebnis: 14 Handelfmeter in der Hinrunde sind ein Höchstwert in der Geschichte. In den jüngeren Saisons war die Zahl nur im Ausnahmefall zweistellig. Viele Trainer beklagten sich darüber, beispielsweise Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel: "Das ist den Spielern gegenüber nicht zu verantworten - die wissen wirklich nicht, was sie machen sollen."

Die Schwierigkeiten für den Video-Assistenten

Das Problem: Auch mit der bei der WM praktizierten Auslegung bleibt das Handspiel höchst interpretierbar. Und das sorgt in Zeiten des Video-Assistenten für weitere Schwierigkeiten. Denn bei einem Handelfmeter muss das Schiedsrichterteam neuerdings zwei Entscheidungen verkaufen: War es ein Handspiel oder nicht? War der (Nicht-)Eingriff des Video-Assistenten korrekt oder nicht?

Das vielleicht beste Beispiel in der Hinrunde lieferte die Partie Hoffenheim gegen Schalke. Schalke bekam einen Handelfmeter zugesprochen, der nach einem Hinweis des Video-Assistenten zurückgenommen wurde. Auf der anderen Seite gab es einen Handelfmeter für Hoffenheim, der mindestens genauso umstritten war, vom Video-Assistenten aber nicht beanstandet wurde. Die aufgeregten Schalker fühlten sich doppelt verschaukelt - ein Ergebnis der verdoppelten Grauzonen-Entscheidung aus Handspiel und Videobeweis.

Mögliche Regeländerung im März

Kann man die Regel vereinfachen? Oder zumindest für etwas mehr Klarheit sorgen? Am 2. März findet in Aberdeen die Generalversammlung des IFAB statt. Das "International Football Association Board" berät und beschließt die offiziellen Fußballregeln und will nun für mehr Klarheit beim Handspiel sorgen. "Es gibt zwei Überlegungen", sagt Lukas Brud, Geschäftsführer des IFAB, im Gespräch mit sportschau.de. Und das sind sie:

Welche Regeländerungen beschlossen werden könnten Sportschau 16.01.2019 09:09 Min. Verfügbar bis 16.01.2020 Das Erste

1. Die "unnatürliche Armbewegung" könnte Teil des Regelwerks werden. Eine Armhaltung über Schulterhöhe würde grundsätzlich bei einem Kontakt mit Hand oder Arm ein strafbares Handspiel nach sich ziehen. Das soll eine klare Grenze ziehen, die es für Fans und Spieler nachvollziehbarer macht, wann ein Handspiel vorliegt. Auch dem Video-Assistenten wäre geholfen, der mit einer klareren Kategorie seinen (Nicht-)Eingriff rechtfertigen könnte. "Dann wäre klar, dass der Arm über Schulterhöhe nichts verloren hat, da braucht man ihn auch nicht, um hochzuspringen", sagt Brud.

2. Unabsichtliches Handspiel könnte (teilweise) strafbar werden. Und zwar ausschließlich dann, wenn aus einem solchen Handspiel ein vielversprechender Angriff oder sogar ein Tor entsteht - die Regel beträfe also ausschließlich die Offensive. Es wäre das erste Mal, dass bei einer Regel zwischen Offensive und Defensive unterschieden wird. Ein aktuelles Beispiel ist das Tor von Mönchengladbachs Christoph Kramer am letzten Hinrundenspieltag bei Borussia Dortmund. Ein solcher Treffer würden bei Annahme der Regeländerung nicht mehr zählen. Wer unabsichtlich mit der Hand ein Tor verhindert, käme also unbestraft davon. Ziel ist es auch hier, dem Schiedsrichter und dem Video-Assistenten mit deutlicheren Vorgaben die Auslegung einfacher zu gestalten.

Christoph Kramer im Spiel gegen den BVB

Christoph Kramer im Spiel gegen den BVB

Acht stimmberechtigte Mitglieder hat das IFAB. Am 2. März müssten sechs von ihnen für einen der Vorschläge stimmen, um diese im Regelwerk festzuschreiben. Schiedsrichter-Experte Feuerherdt sagt, dass die vorgeschlagenen Regeländerungen die Sache für die Schiedsrichter etwas einfacher machen könnten. "Der ganz große Wurf ist das aber nicht", sagt er. Zudem befindet er: "Vom Geist der Regel, dass Absicht vorliegen muss, würden wir uns verabschieden."

IFAB-Geschäftsführer widerspricht Medienberichten

Ausdrücklich kein Gegenstand der Diskussion des IFAB ist die in zahlreichen Medien berichtete Erwägung, den Terminus "Absicht" komplett zu streichen. "Das stand niemals zu Debatte. Absicht ist die erste Voraussetzung für ein Handspiel", sagt IFAB-Geschäftsführer Brud.

Auch eine bestimmte Armhaltung - zu lesen war von sogenannten "4-Uhr- und 8-Uhr-Haltungen" - wird nicht als grundsätzlich regelwidrig festgelegt. "Diese Diskussion hat nicht stattgefunden", stellt Brud klar. Eine generelle Strafbarkeit jeder Ballberührung mit Hand oder Arm komme ebenfalls nicht in Frage - das könnte zu einer Art "Völkerball" führen, bei der Spieler versuchen, ihre Gegner am Arm zu treffen.

Experte Feuerherdt schlägt einen anderen Weg vor

Feuerherdt von "Collinas Erben" schlägt eine Reform des Handspiels vor. "Es wäre ein massiver Eingriff ins Regelwerk", sagt Feuerherdt. "Wenn man es aber klarer und einfacher haben will, mit weniger Grau, muss man vom sehr dehn- und auslegbaren Prinzip der Absicht abrücken." Seine Idee könne Streitfragen seltener machen. Bei jedem Handspiel gibt es seinem Vorschlag zufolge grundsätzlich einen indirekten Freistoß dort, wo das Handspiel stattfand - egal, ob absichtlich oder nicht und wo es stattfand. Dafür würden aber drei Ausnahmen gelten:

  • Ausnahme 1: Handspiel zur Verhinderung einer offensichtlichen Torchance (egal, ob innerhalb oder außerhalb des Strafraums). Dann gibt es Strafstoß zur Wiederherstellung der Torchance plus Platzverweis.
  • Ausnahme 2: Handspiel zur Verhinderung eines klaren Tores, beispielsweise auf der Torlinie. Dann gibt es ein "technisches Tor" wie beim Eishockey.
  • Ausnahme 3: Der Abwehrspieler wird klar erkennbar absichtlich vom Angreifer angeschossen. Dann wird weitergespielt.

"Ein Graubereich existiert dann immer noch, aber er ist deutlich kleiner", sagt Feuerherdt. "Die Entscheidung für die Schiedsrichter wäre einfacher. Die drei Ausnahmen sind klar definiert und gut abzugrenzen." Eigentlich plädiere er weiter für das Prinzip der Absicht. "Dann muss man aber mit subjektiven Auslegungen leben."

Was sich Experte Feuerherdt für die Handspielregel wünscht Sportschau 16.01.2019 03:13 Min. Verfügbar bis 16.01.2020 Das Erste

Aus dem Ärmelkanal soll der Rhein werden

Der Graubereich bleibt also in der bestehenden Regel der Knackpunkt. Sowohl in der möglichen Regeländerung des IFAB als auch in Feuerherdts Reformvorschlag. Zu lösen ist das Problem kaum. David Elleray, der Technische Direktor des IFAB, beschrieb den Graubereich beim Handspiel vor der Generalversammlung als Ärmelkanal. "Nun versuchen wir, einen Rhein draus zu machen."

Stand: 17.01.2019, 17:53

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