Dicke Kohle im Hobbyfußball - bremst Corona den Bezahl-Wahnsinn?

Geld im Amateurfußball

Geldzahlungen an Amateurfußballer

Dicke Kohle im Hobbyfußball - bremst Corona den Bezahl-Wahnsinn?

Von Olaf Jansen

Dicke Nettogehälter im Briefumschlag, Siegprämien und Fahrtgelder dazu: Im Amateurfußball fließt jede Menge Geld. Doch die Coronakrise hat tiefe Schneisen in die Wirtschaftskraft geschlagen. Hat der Bezahl-Wahnsinn an Hobbykicker bald ein Ende?

Heiner S. (Name geändert) kennt sich gut aus in der Szene. Der 56-jährige Fußball-Trainer aus Köln arbeitet seit vielen Jahren als Coach im Amateurbereich und kennt die erstaunlichen finanziellen Vorstellungen von Hobbyfußballern: "Ich weiß, dass es in der Kreisliga Spieler gibt, die bis zu 450 Euro Festgeld pro Monat fordern. Dazu kommen Siegprämien, die bis zu 80 Euro pro Spiel betragen." Der Trainer will seinen Namen nicht preisgeben - er fürchtet Repressalien: "Das ist eine Grauzone. Darüber spricht man offiziell nicht", sagt er.

600 Euro und mehr pro Monat

Kreisliga - das bedeutet übersetzt: 8. Liga. Viel tiefer geht’s nicht. Und dort soll es Spieler geben, die 600 Euro und mehr pro Monat für ihr Hobby einstreichen? "Ja", sagt Heiner S., "das ist sozusagen die Spitze des Eisbergs." Aber er weiß auch, dass zumindest im Kölner Raum die Szene durchaus heterogen ist. Da sind zahlungskräftige Vereine mit einem potenten Mäzen, die solche Preise stemmen können.

Auf der anderen Seite gibt es viele Klubs, die gar nichts an ihre Spieler zahlen: "Drei Klassen höher, in der Verbandsliga, ist ein Spitzenverein, der zahlt überhaupt kein Festgeld an die Spieler. Die bekommen nur 80 Euro Siegprämie pro Spiel."

"Lauter kleine Mateschitze"

Mäzene im Amateurfußball - für den Berliner Gerd Thomas sind das sozusagen "lauter kleine Mateschitze". Meist sind es erfolgreiche lokale Unternehmer, die - ähnlich dem Red-Bull-Boss - ihrem Fußballverein per großzügiger Spende und teuren Spielern aus ehemals höheren Ligen zu sportlichem Erfolg verhelfen wollen. "Dass Spieler in der Berliner Landesliga mit vierstelligem Nettogehalt nach Hause gehen, ist nicht selten", sagt Thomas, Vorsitzender beim Berliner Landesligisten FC Internationale. "Oft werden bei Spielerwechseln auf dieser Ebene noch Handgelder bezahlt, damit Transfers zustande kommen." Sogar Berater würden im Amateurfußball bereits eine Rolle spielen: "Will man in Berlin oberhalb der Landesliga einen Spieler verpflichten, geht das kaum noch ohne einen Berater am Tisch."

"Lauter kleine Mateschitze" - Interview mit Berliner Amateurfußball-Funktionär Gerd Thomas

Sportschau 17.06.2020 01:53 Min. Verfügbar bis 17.06.2021 ARD

"Elf Freunde - das war einmal"

In Großstädten wie Berlin und Hamburg sind derlei Auswüchse weit verbreitet. Doch auch auf dem Land ist die Fußballwelt "nicht mehr in Ordnung", wie Mathias Wilmerdinger vom bayerischen Amateurverein ASV Degernbach berichtet. "Elf Freunde sollt ihr sein - das war einmal. Heute sitzt nach einem Spiel allenfalls ein Viertel der Mannschaft noch einen Moment im Klubheim zusammen. Aber auch nur nach einem Sieg."

Mit 150 Euro auf verlorenem Posten

Auch in Bayern kann man als Amateurfußballer ganz gut dazuverdienen. Auch beim ostbayerischen ASV Degernbach, der in der Bezirksliga - 7. Liga - unterwegs ist. Bei Wilmerdingers Verein werden Aufwandsentschädigungen von bis zu 150 Euro im Monat gezahlt. Damit steht der ASV gegenüber seiner finanzkräftigeren Nachbarschaft in Sachen Spielerakquise allerdings meist auf verlorenem Posten.

"Die Spieler nutzen den Mangel an Nachwuchs, mit dem der bayerische Fußball zu kämpfen hat, gnadenlos aus. Da werden selbst in der achtklassigen Kreisliga für einen guten Kicker 200 bis 400 Euro im Monat aufgerufen", berichtet Wilmerdinger.

Langfristig funktionieren gekaufte Aufstiege nicht

Das Dilemma, das allerdings jeder kennt: Meist ist das Glück rasch aufstrebender Klubs, die von einem Mäzen finanziert werden, nur von kurzer Dauer. "Wir erleben das immer wieder: Da kommen plötzlich Vereine, die sich diverse Aufstiege in den unterklassigen Ligen erkaufen, nach ein paar Jahren aber plötzlich wieder weg sind. Und schon geht es mit den Verein wieder rapide bergab. Er steigt genauso schnell wieder ab, wie er vorher geklettert ist", berichtet der Kölner Coach Heiner S..

Coronakrise als Chance für Amateurklubs

Oft bleibt es bei den künstlich gepushten Vereinen nicht nur beim sportlichen Abstieg. Oft verschwinden diese Klubs nach dem Verlust ihres Mäzens ganz von der Bildfläche, müssen aufgelöst werden. Es entsteht ein immenser Schaden. Denn die kleinen Amateurvereine sollen ja gerade als sogenannter Kitt der Gesellschaft funktionieren. Geselligkeit und sozialer Zusammenhalt sollten im Vordergrund stehen - nicht der sportliche Erfolg auf Biegen und Brechen.

Mehr Geld, weniger Geselligkeit

Aber genau diese gesellschaftliche Funktion leidet immens unter Zahlungen an die Spieler. Wie eine Befragung des Münchener Soziologen Tim Frohwein unter 200 Amateurfußballern zeigt, schätzen bezahlte Spieler die geselligen Aspekte des Vereinslebens deutlich geringer als ihre unbezahlten Kollegen. Sie bleiben nach dem Training weniger im Vereinsheim sitzen, verlassen ihren Klub nach durchschnittlich 2,8 Jahren wieder. Unbezahlte Kicker wechseln den Verein erst nach durchschnittlich 5,6 Jahren.

Idee: Gütesiegel für geldfreie Amateurvereine

Für Frohwein bietet die Coronakrise durchaus Chancen für den Amateurfußball. Er hat so etwas wie eine bundesweite Community von Vereinen gegen Spielerbezahlung im Auge. "Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt für einen freiwilligen Zusammenschluss von Vereinen, die offiziell sagen: Ich bezahle die Spieler meiner ersten Mannschaft nicht. Es wäre so eine Art freiwillige Selbstverpflichtung, die von einer unabhängigen Instanz mit einer Art Gütesiegel ausgezeichnet werden könnte. So könnte eine neue Community auf Ebene unterster Amateurklubs entstehen", hofft Frohwein.

Für Berlins Gerd Thomas ist dies allerdings kaum mehr als Wunschdenken: "Nein, so etwas halte ich für unrealistisch. Wir reden hier zumeist von Schwarzgeldern, die an die Spieler bezahlt werden. Die Vereine werden also einen Teufel tun und sich outen."

Stand: 09.07.2020, 08:30

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