Regeln und Videobeweis - der konfuse Fußball-Sommer

Schiedsrichter Alberto Undiano Mallenco im Finale der Nations League zwischen Portugal und den Niederlanden

Turniere im Juni und Juli

Regeln und Videobeweis - der konfuse Fußball-Sommer

Von Chaled Nahar

Zahlreiche große Fußballturniere finden im Sommer statt. Nicht alle Wettbewerbe haben den Video-Assistenten, nur einige nutzen in der Gruppenphase den Direkten Vergleich - und nach unterschiedlichen Regeln wird auch noch gespielt. Der Blick auf einen konfusen Fußballsommer.

Beim Vorrundenspiel der Frauen-WM zwischen Spanien und Südafrika spielte sich eine gewöhnungsbedürftige Szene ab: Spanien hatte einen Freistoß, die Mitspielerinnen der Freistoßschützin hielten sich jedoch einen Meter vor der Mauer auf. Grund dafür ist eine neue Regel, die die Regelhüter vom International Football Association Board (IFAB) im Frühjahr beschlossen haben. Die Freistoßmauer hat künftig Ruhe von Gegenspielerinnen und Gegenspielern. Bei der U21-EM, die neun Tage nach der Frauen-WM startet, wird man solche Szenen aber noch nicht sehen.

U21-EM und Nations League mit alten Regeln

Die Spieler dürfen dort nämlich weiter in der Mauer stehen, schieben und Lücken reißen. Der Grund: Die UEFA verlegte die Einführung der neuen Regeln auf den 25. Juni, was das IFAB in einer Übergangsphase erlaubt. Man wolle "Störungen vermeiden, die aufgrund der begrenzten Vorbereitungszeit und der daraus resultierenden mangelnden Kenntnis der zahlreichen Änderungen der Spielregeln" zustande kommen könnten, hieß es in einer Mitteilung.

Frauen-WM - Mauerstellen nach neuen Regeln Sportschau 08.06.2019 00:57 Min. Verfügbar bis 11.06.2020 Das Erste

Was gut gemeint klingt, stößt auf Unverständnis. "Als Spieler oder als Trainer kann ich es nicht verstehen, wenn zuerst die Meldung rausgegeben wird, es wird nach den neuen Regeln gespielt", sagte der deutsche U21-Trainer Stefan Kuntz. "Wir wollten uns dementsprechend vorbereiten. Die Begründung, es gäbe zu viel Durcheinander - ich weiß ja nicht." Denn das Durcheinander ist jetzt erst da.

Entscheidung der UEFA wirkt schräg

Zuschauer und Mannschaften sehen bei der Frauen-WM die neuen Regeln und werden sich bei einem später beginnenden Turnier wieder mit den alten beschäftigen müssen - die Entscheidung der UEFA wirkt schräg. Auch für die Schiedsrichter dürfte es schwer sein, stets die richtige Fassung Regel im Kopf abzurufen.

Was beim ebenfalls mit alten Regeln gespielten Finalturnier der Nations League als Abschluss des Wettbewerbs noch logisch wirkte, verwirrt bei der U21-EM. Denn auch bei den Turnieren der Copa America, dem Afrika-Cup sowie dem Gold-Cup gelten die neuen Regeln. Man wird im Fernsehen also am selben Tag Spiele mit unterschiedlichen Regeln sehen.

Regeln im Sommer 2019
WettbewerbTerminNeue RegelnVARDir. Vergleich
Nations Leaguebeendetneinja-
Frauen-WMläuftjajanein
Gold-Cupab 15.6.janeinnein
Copa Americaab 15.6.jajanein
U21-EMab 16.6.neinjaja
Afrika-Cupab 21.6.jaab VFnein

Video-Assistent - mal mit, mal ohne

Der Fußball-Sommer hält aber noch mehr Konfusion bereit. Der Video-Assistent (VAR) ist in Europa in fast allen wichtigen Wettbewerben ein fester Bestandteil des Spiels geworden. So wurde er beim Finalturnier der Nations League eingesetzt und wird auch bei der U21-EM zur Verfügung stehen. Und die Frauen mussten lange kämpfen, bis sie ihn bei der WM bekamen.

Südamerikas Schiedsrichter-Chef Wilson Seneme frohlockt vor der Copa America in Brasilien: "Der Video-Assistent hebt die Copa auf die höchste Ebene internationaler Wettbewerbe." Das technische Hilfsmittel kommt dort in allen Spielen zum Einsatz. Bei der CONCACAF, die in den USA, Jamaika und Costa Rica den Gold-Cup austrägt, klagt dagegen Fußballchef Manolo Zubiria: "Wir wollen den Video-Assistenten einführen. Aber es gibt nicht nur den technologischen Aspekt, sondern auch den menschlichen." Der Verband habe nicht genug Schiedsrichter, die mit der Technik erfahren sind, heißt es bedauernd. 

Und in Afrika, wo ein nicht funktionierender Video-Assistent in der dortigen Champions League in den Abbruch des Final-Rückspiels mündete, hat man sich ein ganz anderes Prozedere überlegt: Der Video-Assistent ist bei dem Turnier in Ägypten zwar dabei - aber erst ab dem Viertelfinale.

Gruppenphasen: Direkter Vergleich oder Tordifferenz?

Und es geht weiter: Denn außerdem stiftet immer wieder Verwirrung, was in den Gruppenphasen der Turniere bei Punktgleichheit von zwei oder mehr Teams passiert. Grundsätzlich nutzt die UEFA den Direkten Vergleich vorrangig zur Tordifferenz, die FIFA macht es bei ihren Turnieren umgekehrt. Bei der U21-EM (UEFA) gilt also zunächst der Direkte Vergleich, erst dann die Tordifferenz - bei der Frauen-WM (FIFA) läuft es andersherum.

Bei den drei Kontinentalturnieren geht es tendenziell Richtung FIFA: Beim Gold-Cup und bei der Copa America zählt jeweils die Tordifferenz vor dem Direkten Vergleich. Der Afrika-Cup nutzt dagegen ausschließlich die Tordifferenz, der Direkte Vergleich kommt nicht mal nachrangig zur Anwendung.

Das große Kunststück: Den Durchblick behalten

Für Fans, Spieler und Schiedsrichter hält der Sommer damit eine große Aufgabe bereit: Den Durchblick zu behalten. Und wenn die Sommerpause vorüber ist, gelten zumindest die neuen Regeln überall.

Stand: 12.06.2019, 09:47

Darstellung: