Neue Fußballregeln: Rabattsystem bei Karten, mehr Klarheit beim Handspiel

Schiedsrichter Tobias Stieler zeigt dem Gladbacher Plea die Gelb-Rote Karte

Saison 2020/21

Neue Fußballregeln: Rabattsystem bei Karten, mehr Klarheit beim Handspiel

Von Chaled Nahar

Mit Beginn der Fußball-Saison 2020/21 gelten einige Regeländerungen. So können sich Strafen verringern, wenn schnell ausgeführte Freistöße zu Chancen führen. Teile des Arms bleiben beim Handspiel neuerdings straffrei, und wer im Spiel Gelb sieht, kann das im Elfmeterschießen nochmal tun, ohne vom Platz gestellt zu werden.

Die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) beschlossen das neue Regelwerk bei ihrer Generalversammlung Ende Februar in Belfast - nun tritt es auch im deutschen Profifußball in Kraft. Die wichtigsten Änderungen im Überblick:

"Rabattsystem" bei Gelben und Roten Karten durch schnelle Freistöße

Bisher musste der Schiedsrichter nach einem Vergehen bei Bedarf erst eine Gelbe oder Rote Karte zeigen, bevor er das Spiel fortsetzen lassen konnte. "Seit 2019 ist ein schneller Freistoß ausdrücklich möglich, wenn sich daraus eine klare Torchance ergibt - auch wenn der Schiedsrichter eine Karte zeigen will", sagt Lutz Wagner, Lehrwart und Regelexperte des DFB, zur Sportschau. Neu ist: Die eigentlich angedachte Strafe "rabattiert", wenn es sich um ein taktisches Vergehen wie beispielsweise eine Notbremse handelt. "Aus Rot wird Gelb und aus Gelb wird nichts", sagt Wagner.

Die Verringerung der Strafe ergibt sich aus der Tatsache, dass der schnell ausgeführte Freistoß zu einer klaren Torchance führt. "Eine mögliche Strafe wird natürlich nachträglich bei der folgenden Spielunterbrechung ausgesprochen", sagt Wagner. Dieses "Rabattsystem" gilt auch bei einer Entscheidung auf Vorteil. Will ein Spieler eine klare Torchance verhindern, und die Torchance bleibt bei einer Vorteilsentscheidung erhalten, wird seine Bestrafung auf Gelb reduziert. Wichtig ist, dass ein taktisches Vergehen vorliegt. "Erfordert die Schwere eines Fouls beispielsweise eine Rote Karte, so bleibt diese auch bestehen."

Gelbe Karten verfallen vor dem Elfmeterschießen

Kommt es in einem K.o.-Spiel zu einem Elfmeterschießen, fallen sämtliche Ermahnungen und Gelbe Karten weg. "Man trennt praktisch das Spiel und das Elfmeterschießen voneinander", sagt Wagner. "Ausnahme: Wer vom Platz gestellt worden ist, bleibt natürlich draußen."

Bei einem Elfmeterschießen stehen die Torhüter im Mittelpunkt. Seit 2019 müssen sie nur noch mit einem Fuß auf der Linie sein, die konsequentere Auslegung der Regel und die Verwarnungen sorgten vor allem bei der Frauen-WM 2019 für Diskussionen. "Jetzt haben die Schlussleute einen Schuss frei", sagt Wagner. "Erst beim zweiten Vergehen wird eine Gelbe Karte fällig - und im Elfmeterschießen geht es von vorne los. Damit soll verhindert werden, dass Torhüter zu schnell wegen eigentlich kleiner Vergehen vom Platz fliegen."

Die Folgen solcher Vergehen der Torhüter beim Strafstoß wurden zudem klarer festgelegt. Es gibt drei Möglichkeiten: Geht der Ball ins Tor, zählt der Treffer. Geht der Ball vorbei oder prallt er vom Gebälk zurück, wird der Strafstoß nur wiederholt, wenn der Torwart den Schützen eindeutig irritiert hat. Wehrt der Torwart den Ball ab, wird der Strafstoß wiederholt. "Außerdem wird allein der Schütze bestraft, wenn sowohl er als auch der Torwart eine Regelwidrigkeit begehen. Denn das Vergehen des Torhüters wird meistens vom Vergehen des Schützen ausgelöst", sagt Wagner.

Teile des Arms für das Handspiel nun irrelevant

Das IFAB hat festgelegt, dass am oberen Teil des Oberarms vom Schultereckgelenk bis auf Höhe der Achsel kein strafbares Handspiel mehr vorliegt. Das verschaffe zwar etwas mehr Klarheit, sagt Wagner, "doch es bleibt natürlich ein Graubereich". Eine Begründung der Regelhüter für die Festlegung war, dass man mit diesem Teil des Arms keine Möglichkeit habe, die Körperfläche zu vergrößern.

Das IFAB definiert "Schulter" und "Arm" bei Handspielen Sportschau 01.03.2020 00:19 Min. Verfügbar bis 01.03.2021 Das Erste

Ein Handspiel des Verteidigers kann eine Abseitsstellung aufheben

Eine Abseitsstellung liegt bekanntlich nicht vor, wenn der Ball von einem Spieler der gegnerischen Mannschaft kommt. Das IFAB nahm eine Klarstellung vor: Wenn ein Verteidiger ein absichtliches Handspiel begeht, und so der Ball zu einem Angreifer gespielt wird, der sich eigentlich im Abseits befindet, ist dies kein Abseits mehr. Eine Ausnahme bleibt der reine Abpraller von der Hand. "Der Ball muss gespielt werden und hierbei ist nun egal, ob regulär oder irregulär", sagt Wagner.

Handspiel darf kein Tor sein - mehr Klarheit bei der Vorarbeit

DFB-Schiedsrichterlehrwart Lutz Wagner

DFB-Schiedsrichterlehrwart Lutz Wagner

Seit 2019 spielt Absicht beim Handspiel keine Rolle mehr, wenn dadurch ein Tor erzielt oder vorbereitet wird - es ist immer Handspiel. Das IFAB fasst die Regel nun genauer und schreibt, dass für ein Vergehen die Berührung mit Hand oder Arm unmittelbar vorher passiert sein muss. "Wenn lange Pässe, andere Anspielstationen oder ein Dribbling dazwischen liegen, muss das Handspiel auf seine Strafbarkeit hin bewertet werden - es ist dann nicht mehr automatisch Handspiel."

Torhüter: Bei zweiter Ballberührung sind Gelb oder Rot möglich

Abstöße dürfen seit 2019 kurz ausgeführt werden, der Ball muss den Strafraum nicht mehr verlassen. Bei Missgeschicken kann es dazu kommen, dass Torhüter den Ball unerlaubt ein zweites Mal berühren. "Nun wurde festgelegt, dass der Torhüter eine Gelbe oder Rote Karte sehen muss, wenn er mit dieser unerlaubten zweiten Ballberührung einen aussichtsreichen Angriff oder sogar eine klare Torchance unterbindet", erklärt Wagner.

Bei einem unerlaubten Zuspiel, dem "Rückpass", gibt es wie bei der zweiten Ballberührung einen indirekten Freistoß, aber keine Gelbe Karte, da diese Regeländerung nur für Spielfortsetzungen gilt.

Video-Assistent darf seine Meinung sagen

Der Video-Assistent wird nun stärker in den Entscheidungsprozess eingebunden. "Kommt es zu Entscheidungen, die einer Bewertung der Bilder am Monitor erfordern, darf der Video-Assistent dem Schiedsrichter seine persönliche Meinung mitteilen", sagt Wagner. Bislang durfte er ihm nur den Gang zum Bildschirm empfehlen. "Das letzte Wort bei dieser Entscheidung - und auch allen anderen - hat aber immer der Hauptschiedsrichter auf dem Platz", sagt Wagner.

Stand: 18.09.2020, 15:48

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