Profifußball: Gehälter runter - nur wie?

Protestplakat von Fans des 1. FC Nürnberg

Heikle Deabtte

Profifußball: Gehälter runter - nur wie?

Von Frank Hellmann

Wirtschaftliche Stabilität ist ein entscheidender Punkt bei den verabschiedeten Maßnahmen für eine bessere Zukunft des Profifußballs. Doch dafür müssten die Klubs an der Gehaltsschraube drehen. Anpassungen an die Realität fallen offenbar schwer.

Wer es als Spieler in die Fußball-Bundesliga schafft, der verdient ausgesprochen gut. Weitaus mehr als fast jeder andere Zweig der Unterhaltungsbranche. Alljährlich listet der Wirtschaftsreport der Deutschen Fußball-Liga (DFL) im Detail auf, wohin die Milliarden fließen. 1.431.633.000 Euro, also rund 1,4 Milliarden, verschlang in der Saison 2018/2019 der Posten Personal Spielbetrieb, unter dem Spieler und Trainer geführt sind. Grob gerechnet kann sich also jeder Bundesligaprofi über ein durchschnittliches Jahressalär von weit mehr als zwei Millionen Euro freuen. Eine Menge Geld.

Die Personalkosten für die Angestellten in Handel und Verwaltung hinzugerechnet machen die Personalkosten 43 Prozent des Gesamtaufwands aus - der mit Abstand größte Anteil. Wenn jetzt durch die Corona-Krise aber heftige Einschnitte erfolgen - DFL-Chef Christian Seifert spricht bis Sommer 2022 von Umsatzeinbußen in Höhe von zwei Milliarden Euro - müsste eigentlich kräftig an der Gehaltsschraube gedreht werden. Und zwar erstmals in die andere Richtung.

Wirtschaftliche Stabilität soll wichtig werden

Das aber fällt der auf Wachstum angelegten Branche ausgesprochen schwer, obwohl in den am Mittwoch (03.02.2021) vorgestellten Maßnahmen des Ergebnisberichts der "Taskforce Zukunft Profifußball" die wirtschaftliche Stabilität einen wichtigen Eckpfeiler bildet. Unter Punkt 6 heißt es: "Die Balance zwischen Einnahmen und Ausgabenseite soll sichergestellt werden." Und weiter: "Neben strengen Anforderungen an Liquidität, Profitabilität und Eigenkapitalbildungen sollen unter anderem auch Regularien für Personal- und Transferausgaben, aber auch Kadergrößen und Leihgeschäfts diskutiert werden."

Bei keiner anderen der angekündigten 17 Maßnahmen, die 37 Experten und Expertinnen aus verschiedensten Fachbereichen ausgetüftelt haben, ist der Zeithorizont so eng. Denn finanziell steckt ein Großteil der Klubs schon wieder in der Klemme. Weil es nicht gelingt, die Gehälter den Realitäten so zeitnah sich den rasant veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Darüber ist am Montag erst in einer DFL-Präsidiumssitzung und dann innerhalb der DFL-Kommission Finanzen gesprochen worden, wie Geschäftsführer Seifert verriet. Dort würden auch wirtschaftliche Fragen zum Lizenzierungsverfahren geklärt, wobei erhebliche Lockerungen schon erlassen worden sind.

Gehaltsobergrenzen für Fußball-Bundesliga-Profis?

WDR 5 Profit - aktuell 29.01.2021 03:35 Min. Verfügbar bis 29.01.2022 WDR 5


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Von den Klubs wird Haltung verlangt

Die hohen Garantiegagen für die Spieler ziehen manche Klubs nach unten wie eine Bleiweste einen verzweifelt strampelnden Schwimmer. Schon kurz vor Weihnachten schrieb Seifert den Vereinen ins Stammbuch, "mehr an der Spielergehälterfront" zu machen, denn: "Die Zahlen auf der Umsatzseite sprechen eine so klare Sprache." Die Gehälter runterzufahren, wäre auch im Sinne der Fanorganisationen, die mehrheitlich vom Manifest enttäuscht sind – und dabei auch fehlenden Reformeifer bei der wirtschaftlichen Stabilität anführen.

Steffen Schneekloth, Präsidiumsmitglied vom Zweitligisten Holstein Kiel, merkte bereits vor der Jahreswende an, man müsse gar nicht so erbittert über die Verteilung der Medienerlöse streiten, wenn nicht ein Umdenken auf der Ausgabenseite einsetze: "Das müssen wir starker in den Fokus nehmen. Da ist Haltung gefragt von den Klubs." Sie sollten, so die Meinung des norddeutschen Machers, die Spielergehälter und Beraterhonorare reduzieren. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Arbeitsverträge mit den Profis sind zeitlich befristet - ohne die Einwilligung der Spieler und ihrer Berater können keine Änderungen ad hoc erfolgen.

DFL ist keine Aufsichtsbehörde

Auf die Frage der Sportschau, ob es im Sommer nicht von der DFL eine gemeinsame Initiative geben könnte, um mittels Änderungskündigungen die Spielerverträge anzupassen, antwortete Seifert ausführlich. Der 2022 aus dem Amt scheidende DFL-Geschäftsführer sieht seine Institution aber nicht als Initiator: "Ich weiß nicht, wie es ankommen würde, wenn ich mit meinen Kollegen Änderungskündigungen für 1.100 Profifußballer beschließen würde. Das muss sich schon in einem Rechtsrahmen bewegen. Ich kann versichern: Das Thema hat jeder Klub für sich auf dem Schirm."

Die DFL sei "nicht die oberste Aufsichtsbehörde", sondern nur der Zusammenschluss der 36 Profiklubs und könne nicht von oben nach unten durchregieren: "Ich kann nicht den Klubs sagen, ihr müsst jetzt die und die Spieler kündigen. Das geht nicht. Das wäre ungehörig." Viele Vereine hätten es im vergangenen Jahrzehnt  mit dem wirtschaftlichen Boom geschafft, sagte Seifert, solch ein Fundament aufzubauen, dass sie auch diese Krise bewältigen können. Das gilt nicht für alle.

Werder Bremen, nannte der Bundesliga-CEO als Beispiel, hätte jedoch gar nicht so viel Eigenkapital aufbauen können, um zwei Jahre lang einen Spielbetrieb ohne Zuschauer und den Einbrüchen beim Sponsoring aufzufangen. Seifert: "Ich möchte nur ein bisschen die Klubs in Schutz nehmen. Der eine oder andere hat das am Anfang vielleicht unterschätzt, vielleicht auch das Nachsteuern der Personalkosten, weil er den Verlauf der Saison positiver eingeschätzt hat. Inzwischen tut das keiner mehr!"

Bundesliga - kommt eine Gehaltsobergrenze? sport inside 27.01.2021 11:37 Min. Verfügbar bis 27.01.2022 WDR

Selbst Borussia Dortmund leidet wirtschaftlich immens

Was aber machen die Vereine? Der FC Bayern, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, aber auch die TSG Hoffenheim, Hertha BSC und SC Freiburg haben trotz der Pandemielage ihren Profis keine Abstrich abgerungen. Ansonsten ist oft vom Gehaltsverzicht die Rede, der aber selten konkret beziffert wird. Und so haben selbst Schwergewichte wie Borussia Dortmund ein immenses Problem, denn die Westfalen schlossen das Geschäftsjahr 2019/2020 mit einem Verlust von fast 44 Millionen Euro ab, jetzt kommen wohl bis zu 75 Millionen dazu. Eintracht Frankfurt, neuerdings unter den 20 umsatzstärksten Klubs in Europa geführt, steuerte auf einen Umsatz von 300 Millionen zu, dann kam das Virus - ein in vier Jahren aufgebautes Eigenkapital von 60 Millionen sei einfach weg gewesen, sagt Sportvorstand Fredi Bobic.

Als Mitglied der besagten Taskforce und Mitglied der DFL-Kommission Fußball hat Frankfurts Baumeister die Wintertransferperiode genutzt, um fast fünf Millionen Euro Euro an Gehältern zu sparen. Der Verkauf von Großverdiener Bas Dost (FC Brügge), die Leihen von Danny da Costa und Dominik Kohr (FSV Mainz 05), dazu das Karriereende von David Abraham ermöglichten diese Einsparungen. Der von Real Madrid geliehene Rückkehrer Luka Jovic kostet weniger als 1,5 Millionen. Bobic sprach wegen der Reduktion der Personalkosten von einem "überragenden Corona-Januar". Dazu verzichten die Spieler auf zehn bis 20 Prozent vom Gehalt.

Gehaltsverzichte sind umstritten

Doch wie heikel die Thematik ist, zeigt das Beispiel beim Nachbarn FSV Mainz 05, wo Missverständnisse in der Kommunikation über einbehaltene Gehälter am Saisonbeginn sogar zu einem Aufsehen erregenden Spielerstreik und einer tiefen Vertrauenskrise führte, die letztlich auch Sportvorstand Rouven Schröder den Job kostete. Über das Thema wird bei den Rheinhessen öffentlich nur noch ungern gesprochen.

Im Zuge der Debatte kommt auch wieder eine Gehaltsobergrenze ins Spiel, die aber nur im internationalen Kontext Sinn macht, findet Liga-Chef-Seifert. "Es ist ein dickes Brett, aber es lohnt sich trotzdem, darüber nachzudenken", sagt der 51-Jährighe: "Ich denke, der Weg wäre ganz im Sinne des europäischen Fußballs. Und selbst mit  Salary Cap, glaube ich, würde man immer noch recht gut verdienen." Ganz sicher sogar. Daher gerät auch Seifert ins Grübeln.

"Die Frage ist, warum es der boomenden Branche nicht gelungen ist, ausgerechnet an der größten Ausgabeposition eine Lösung zu finden, die mit europäischem Recht vereinbar wäre", so Seifert. Es gebe "einige Juristen, die sagen, es sei umsetzbar. Andere sagen, es sei nicht umsetzbar". Doch fest steht: Den gigantischen Gehaltsblock im deutschen Profifußball abzuschmelzen, ist alternativlos.

Stand: 04.02.2021, 12:02

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