Kommentar - Verantwortungsloses Wehklagen im Profifußball

Das leere Westfalenstadion in Dortmund

Coronavirus-Pandemie

Kommentar - Verantwortungsloses Wehklagen im Profifußball

Von Chaled Nahar

Der Fanausschluss im Profifußball ist zurück - und einige Klubs lassen ein Bewusstsein für die Lage vermissen. "Fakten zählen nicht", behauptet Borussia Dortmund, "von uns geht keine Gefahr aus", heißt es vom 1. FC Heidenheim. Es ist eine verantwortungslose Kommunikation in der Coronavirus-Pandemie.

Der Profifußball darf seine Spiele im November nur ohne Zuschauerinnen und Zuschauer austragen. An seine Fans schrieb Borussia Dortmund aus diesem Anlass einen "offenen Brief". Darin heißt es: "Der Profifußball ist nachweislich kein Treiber der Pandemie. Und ehrlich gesagt sieht das auch niemand anders. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen." Das sind - ehrlich gesagt - problematische Zeilen. Denn genau das, was Borussia Dortmund "nachweislich" als "Fakten" verkauft, ist nicht mehr nachzuweisen.

75 Prozent der Infektionen sind nicht mehr zuzuordnen

Das Robert Koch-Institut vermeldete in seinem Lagebericht vom Dienstag, dass 75 Prozent der Infektionen nicht mehr einem Ausbruch zugeordnet werden können. "Das heißt, man kann nicht mehr sagen, dass ein bestimmter Bereich zur Infektion überhaupt nicht beiträgt", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Verkündung der neuen Maßnahmen. 

Wie Borussia Dortmund behauptet aber Holger Sanwald, Vorstandschef beim Zweitligisten 1. FC Heidenheim, genau das. "Da geht's uns wie der Kultur, anderen Sportarten, dem ganzen Amateur- und Freizeitsport, natürlich auch der Gastronomie - alle haben super Hygienekonzepte aufgestellt. Und jetzt heißt es: auf Null runterfahren. Obwohl keine Gefahr ausgeht", sagte Sanwald. Keine Gefahr?

Holger Sanwald: "Traut die Politik uns gar nichts mehr zu?" Sportschau 29.10.2020 01:30 Min. Verfügbar bis 29.10.2021 Das Erste

Fußball ist nachrangig

Nun, wenn von kaum einem gesellschaftlichen Bereich eine Gefahr ausgeht, verwundert es, dass das Robert Koch-Institut seit Tagen Höchststände bei den Neuinfektionen vermeldet. Und die Zahlen sind in den vergangenen Tagen derart hoch gewesen, dass eine Kontaktverfolgung zur Durchbrechung von Infektionsketten für viele Gesundheitsämter nicht mehr möglich war. Doch genau das ist ein wichtiges Instrument bei der Eindämmung der Pandemie. Um die Kontaktverfolgung wieder zu gewährleisten, wurden die Maßnahmen ergriffen. 

Die entscheidende Frage derzeit lautet nicht, ob Menschen ein Fußballspiel besuchen dürfen. Sie lautet, ob Menschen erkranken, möglicherweise gefährlich erkranken und ob es angesichts der steigenden Zahlen auch in den kommenden Wochen noch die strukturellen und personellen Kapazitäten in den Krankenhäusern geben wird, diese Menschen zu behandeln. Die Kommunikation der beiden Klubs wirkt daher verantwortungslos.

Die Tonlage sollte eine andere werden

Denn bei manchen Fans könnten solche Sätze Zweifel an den Maßnahmen insgesamt säen. Der Profifußball kann sich derzeit auf seinen Fortbestand durch den Geisterspielbetrieb verlassen. Damit hat er es besser als viele andere Branchen, Dortmund und Heidenheim könnten sich eine andere Form der Ansprache leisten. Das Wehklagen ist unangebracht.

Es gebe "keinen Zweifel, dass die Eindämmung des Coronavirus Vorrang vor allem hat", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert im März, als es noch um die Frage ging, ob überhaupt wieder gespielt werden kann. Diese Tonlage sollte auch in Dortmund und Heidenheim wieder Einzug halten.

Stand: 30.10.2020, 12:53

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