Englischer Frauenfußball auf der Überholspur

Dzsenifer Marozsan und Alexandra Popp im Zweikampf mit Karen Carney bei der letzten Begegnung in Wembley im Jahr 2014

Ausverkauftes Wembleystadion

Englischer Frauenfußball auf der Überholspur

Von Frank Hellmann

Für das Frauen-Länderspiel England gegen Deutschland sind am 9. November im Wembleystadion alle 90.000 Karten verkauft. Hinter der sagenhaften Zahl steckt eine bemerkenswerte Entwicklung auf der Insel.

Was soll Heike Ullrich eigentlich anderes sagen, als "Gratulation und Anerkennung" auszusprechen?  Die Direktorin für Vereine, Verbände und Ligen im Deutschen Fußball-Bund (DFB) hat lange genug den Frauen- und Mädchenfußball verantwortet, als dass die Entwicklungen in England an ihr vorübergegangen wären. Und daher empfindet die 50-Jährige auch erst einmal größten Respekt, dass die Football Association (FA) für das Frauen-Länderspiel England gegen Deutschland am 9. November (18.30 Uhr MESZ) vermeldete: "Wembleystadion ist ausverkauft."

Großbuchstaben und Ausrufezeichen fehlten bei der via Twitter verschickten Erfolgsmeldung für die "Three Lionesses" nicht, wobei die Botschaft mit der Bitte unterlegt war: Jetzt liege es an den 90.000 Karteninhabern, aus dem Prestigeduell ein historisches Ereignis zu machen: die bisherige Bestmarke von 45.619 Zuschauern aus einem Duell gegen denselben Gegner vor fünf Jahren mal fast zu verdoppeln.

Gesellschaftspolitischer Anker

"Man spürt, dass das Thema Frauen- und Mädchenfußball dort auch gesellschaftspolitisch angekommen ist und gerade in diesem Bereich eine große Rolle spielt", sagt Ullrich gegenüber sportschau.de. "Das wünsche ich mir auch für Deutschland:  Diese selbstverständliche Begeisterung für den Fußball als Ganzes, die Anerkennung und Wertschätzung, bei der kein Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball gemacht, sondern beides als attraktives und anspruchsvolles Angebot gesehen wird. Gerade bei der gesellschaftspolitischen Verankerung des Frauenfußballs sehe ich bei uns noch Potenzial, das machen die Engländer vorbildlich."

Nationalspielerin Pauline Bremer: "Ein tolles Spiel in vollem Stadion - es gibt nichts Besseres" Sportschau 17.10.2019 07:59 Min. Verfügbar bis 17.10.2020 Das Erste

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ist ebenfalls voller Vorfreude: "Das ist grandios, dass wir solch ein tolles Spiel zum Ende der Saison haben. Gegen Deutschland ist immer ein Klassiker, egal in welcher Sportart und in welchem Bereich."  Für ihre in der Entwicklung begriffene Nationalmannschaft ist das England-Spiel in diesem Rahmen nach einem Jahr mit Höhen und Tiefen ein wichtiger Wegweiser für die Zukunft: Wie widerstandsfähig sind junge Spielerinnen wie die erst 17-jährige Lena Oberdorf oder die 18-jährige Klara Bühl?

Weltrekord wird knapp verfehlt

Der Rose Bowl in Pasadena beim WM-Finale der Frauen 1999

Würde das Publikum in Wembley ein bisschen zusammenrücken, könnten auch die 90.185 Besucher aus dem Finale der Frauen-WM 1999 zwischen USA und China in der Rose Bowl von Pasadena übertrumpft werden. Aber Sue Campbell, der FA-Direktorin Frauenfußball, reicht "ein großartiger Beleg für die Unterstützung, aber auch die Entwicklung der englischen Mannschaft." Ein Freundschaftsspiel der Frauen in der Ruhmeshalle übt mehr Anziehungskraft aus als ein EM-Qualifikationsspiel der  Männer, die gegen Montenegro am 14. November nicht vor vollen Rängen antreten.  

Die vorläufige Krönung einer Entwicklung, bei der sich Verband, Vereine, Sponsoren und Medien gegenseitig als Treiber befruchten. Vieles erinnert mit Englands Ausrichtung der Frauen-EM 2021 an den Hype, der in Deutschland vor der Heim-WM 2011 herrschte. Um das Interesse zu befeuern, haben die Karten für Jugendliche unter 16 Jahren nur ein Pfund (1,16 Euro) gekostet, ansonsten waren die Tickets zwischen sieben und 20 Pfund (etwa acht bis 23 Euro) zu haben.

Zuspruch stagniert

Die ähnliche Preisspanne gilt bei Frauen-Länderspielen in Deutschland. Doch der Zuspruch stagniert seit Jahren: Zu den EM-Qualifikationspartien gegen Montenegro (10:0) und die Ukraine (8:0) kamen 6.275 Anhänger ins Kasseler Auestadion bzw. 5.504 auf den Aachener Tivoli. Der VfL Wolfsburg verkündete am Mittwoch in der Women‘s Champions League gegen Twente Enschede 1.543 Besucher. Die Frauen-Bundesliga hat den Schnitt nach den ersten sechs Spieltagen von 800 auf knapp mehr als 1.000 gesteigert, aber auch hier hat die Women’s Super League (WSL) viel, viel mehr zu bieten.

Zur Saisoneröffnung mit dem Derby zwischen Manchester City und United strömten 31.213 Besucher in die normalerweise den Stars von Pep Guardiola vorbehaltene Heimstätte, die Chelsea Ladies trugen an der Stamford Bridge ihr erstes Heimspiel vor 24.546 Interessierten aus,  zum zweiten kamen 4.149. Und Aufsteiger West Ham lockte mit stark verbilligten Preisen für Vereinsmitglieder gegen Tottenham 24.790 Neugierige ins London Stadium. Auch am Fernseher kommen Frauen nicht zu kurz, nachdem sich 11,7 Milionen Briten diesen Sommer das WM-Halbfinale USA gegen England ansahen:  Im Free-TV laufen 30 WSL-Spiele bei BBC und BT Sport, alle Partien werden über einen FA-Player und eine App live gestreamt. Ullrich sieht auf diesem Sektor auch die Frauen-Bundesliga mit einem "guten Gesamtpaket" aufgestellt. Aber: "Gerade was den Zuschauerzuspruch angeht, können wir mit der Entwicklung nicht zufrieden sein."

Dietrich erkennt keinen Bedeutungsverlust

Siegfried Dietrich, Vorsitzender des neuen DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen, sieht im ausverkauften Wembleystadion "eine Signalwirkung für ganz Europa", will  im Gespräch mit sportschau.de indes keinen Bedeutungsverlust der Frauen-Bundesliga erkennen. "Der internationale Wettbewerb ist extrem attraktiv geworden, und das stimmt mich sehr optimistisch." Für ihn gilt es, "zusammen mit den Vereinen alle erdenklichen Kräfte zu bündeln, um die aus meiner Sicht nach wie vor stärkste Frauenfußball-Liga Europas mit neuer Strahlkraft und Wettbewerbsfähigkeit sportlich und medial, aber auch gesellschaftlich zu positionieren und das vorhandene Potenzial - zum Beispiel auch im Fan- und Zuschauerbereich - voll auszuschöpfen."

Frauen-Bundesliga-Sprecher Dietrich: "Herausragendes Signal für den Frauenfußball"

Sportschau 17.10.2019 03:17 Min. Verfügbar bis 17.10.2020 ARD

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Der umtriebige Macher erinnert an frühere Highlights wie das Endspiel in der weiblichen Königsklasse zwischen dem 1. FFC Frankfurt und dem Seriensieger Olympique Lyon 2012, als mehr als 50.000 Menschen in das altehrwürdige Münchner Olympiastadion strömten. Insgesamt sechsmal stand der Rekordmeister aus Frankfurt in einem Europapokalfinale. Im nächsten Jahr will der FFC unter dem Dach von Eintracht Frankfurt an alte Erfolge anknüpfen. Gerne würde der neue DFB-Präsident Fritz Keller in Deutschland nach diesem Vorbild verstärkt alle Männer-Lizenzvereine in die Pflicht nehmen. Für eine Auflage in den Lizenzierungsunterlagen hat der DFB indes keinerlei Handhabe, und noch weigern sich Klubs wie Borussia Dortmund oder FC Schalke 04 hartnäckig, Angebote im weiblichen Bereich zu machen.

Interessant: Auf einem am Donnerstag (17.10.2019) auf dfb.de veröffentlichten Interview schlug Dietrich als führende Kraft des 13-köpfigen Ausschusses vor, als ersten Schritt Anreize zu schaffen: "So könnten im Zuge der Lizenzierung wie auch im Nachwuchsbereich Summen aus der TV-Vermarktung für ein gezieltes Engagement im Frauenfußball ausgelobt werden." Man könne zwar niemanden zwingen, "den Frauenfußball im Portfolio aufzunehmen", aber allmählich müssten doch die Vereinsbosse selbst einsehen, "dass durch die auf der Hand liegenden Mehrwerte ein Sog aus logischer Überzeugung entstehen kann, Männer- und Frauenfußball unter einem Dach präsentieren zu wollen." Weiteres Argument: Nur zusehen, wie andere auf der Überholspur vorbeirauschen, kann der Anspruch eines zweifachen Frauen-Weltmeisters, achtfachen Europameisters und aktuellen Olympiasiegers nicht sein, der sich  im Gegensatz zu England nicht mal mehr fürs Olympische Fußballturnier 2020 qualifiziert hat.

Stand: 17.10.2019, 13:48

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