DFB-Frauen: Noch einiges an Arbeit

Klara Bühl, Martina Voss-Tecklenburg und Sophia Kleinherne (v.l.)

Mini-Turnier im Frauenfußball

DFB-Frauen: Noch einiges an Arbeit

Von Frank Hellmann

Zum Auftakt des Länderspieljahres gelingt den deutschen Fußballerinnen ein 2:0 gegen Belgien. Doch beim ersten Spiel des Miniturniers "Three Nations. One Goal" zum Zwecke der gemeinsamen WM-Bewerbung 2027 stimmt zwar die Einstellung, nicht aber die Abstimmung. Für das Duell gegen Vizeweltmeister Niederlande am Mittwoch in Venlo braucht es eine Steigerung.

Jedwede überbordende Gefühlsregung ersparten sich die meisten deutschen Fußballerinnen am Sonntagabend (21.02.2021). Lediglich Lena Lattwein klatschte nach dem 2:0 (1:0) gegen Belgien zum Länderspielauftakt des deutschen Frauen-Nationalteams am Aachener Tivoli erfreut in die Hände. Die Innenverteidigerin von der TSG Hoffenheim schien am ehesten mit dem Arbeitssieg zufrieden zu sein. Für ausgelassene Jubelschreie taugte der mühsame Auftritt beim Mini-Turnier unter dem Slogan "Three Nations. One Goal" mit den Nachbarn Belgien und Niederlande zum Zwecke der gemeinsamen WM-Bewerbung 2027 mitnichten.

Engagement und Bereitschaft hätten gestimmt, sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hinterher, um dann aber gleich zu den Mängeln zu kommen: "Im letzten Drittel haben wir nicht immer die richtige Entscheidung getroffen. Bei der Präzision, beim letzten Pass – daran müssen wir arbeiten. Im Tennis würde man sagen: Wir haben zu viele 'unforced errors' gemacht".

Gelungener Jahresauftakt der DFB-Frauen gegen Belgien - die Tore Sportschau 22.02.2021 00:47 Min. Verfügbar bis 21.02.2022 Das Erste

Vorne fehlte die Durchschlagskraft

Damit hatte die 53-Jährige den Auftritt auf dem frisch verlegten Rasen am Aachener Tivoli vor den verwaisten gelben und schwarzen Schalensitzen gut zusammengefasst. So gut ihr Team mit dem frühen Führungstor der starken Svenja Huth nach schöner Vorarbeit von Klara Bühl mit dem 1:0 begonnen (2. Minute) und so sehenswert Lea Schüller nach Huth-Flanke zum 2:0 getroffen hatte (55.), so viele Längen gab es zwischendrin. Chancen nach gelungenen Kombinationen oder Ballstafetten hatten Seltenheitswert.

Frauenfußball - Zwölfter Erfolg in Serie für DFB-Auswahl

Sportschau 22.02.2021 01:20 Min. Verfügbar bis 22.02.2022 ARD Von Marc Eschweiler


"Dass wir es besser können, haben wir schon bewiesen. Daran müssen wir arbeiten", befand die Bundestrainerin, wohl wissend, dass mangelnde Präzision im Passspiel nicht zum ersten Mal auftrat. Gegenüber der Sportschau vertiefte Voss-Tecklenburg die Analyse: "Es ist eine Kombination aus verschiedenen Ursachen. Da geht es bei der einen um Beidfüßigkeit, bei der anderen um Timing." Zudem hätten einige Spielerinnen noch gar kein Pflichtspiel bestritten, teilweise nur in der Halle trainiert: "Da gilt es dann, ganz bei sich zu bleiben." Lieber die einfache statt die schwierige Lösung zu wählen. Doch grundsätzliche Sorgen seien nicht angebracht, dafür ist auch die EM-Qualifikation zu glatt gelaufen.

Auch die Spielerinnen sind selbstkritisch

"Hinten haben wir wenig zugelassen, aber nach vorne hätten wir mehr Durchschlagskraft zeigen können oder müssen", gab Rechtsverteidigerin Kathrin Hendrich zu. "Das war nicht unbedingt unser bestes Spiel." Klar ist: Um dieses Dreier-Turnier zu gewinnen, braucht es zum Abschluss gegen die Niederlande in Venlo (Mittwoch 18.30 Uhr) einen Sieg. Der aktuelle Europameister und Vizeweltmeister hatte nämlich gegen die Belgierinnen vergangenen Donnerstag (18.02.2021) gleich mit 6:1 gewonnen.

Auf deutscher Seite hätten vielen von den vergangenen Sommer zum FC Bayern gewechselten Stürmerinnen Bühl und Schüller womöglich mehr erwartet, die aber immerhin an beiden Toren beteiligt waren. Doch auch die dekorierte Spielmacherin Dzsenifer Marozsan (Olympique Lyon) oder Sara Däbritz (Paris St. Germain) hatten Mühe, dem deutschen Spiel wirklich Struktur zu geben. Die spielfreudige Lina Magull (FC Bayern) fehlte verletzt. Deutschlands Beste, Außenstürmerin Huth (VfL Wolfsburg), sprach dennoch von einem guten, weil souveränen Länderspielauftakt: "Darauf lässt sich aufbauen."

DFB-Präsident lobt gemeinsame WM-Bewerbung

Durchaus zufrieden hoch oben unter dem Stadiondach war auch Robert Moonen. Der 75-Jährige ist als Stadionsprecher bei Heimspielen von Alemannia Aachen seit fast einem halben Jahrhundert die "Stimme des Tivoli", aber noch nie hat er nach eigenem Bekunden ein Frauenspiel hier gesehen. "Spieltaktisch ist das vollkommen in Ordnung", sagte Moonen gegenüber der Sportschau und fügte mit einem Schmunzeln noch an: "Zumindest viel besser als das Gewürge, das ich in der vierten und fünften Liga oft sehe."

Doch ob DFB-Präsident Fritz Keller auf den Ehrenplätzen ein Block unter ihm wirklich zufrieden war? Der Verbandsboss teilte im Anschluss mit, wie wichtig ihm als "überzeugten Europäer" eine gemeinsame WM-Bewerbung 2027 "mit unseren belgischen und niederländischen Freunden" wäre, die dem Frauenfußball hierzulande wieder einen dringend nötigen Impuls verleihen soll. Gerade der kommende Gegner Niederlande hat aus der Ausrichtung der Frauen-EM 2017 im eigenen Land enorm viel Honig gezogen, die Begeisterung für die Auftritte der "Oranje Leeuwinnen" erreichte ungeahnte Dimensionen. Und erfolgreicher als die DFB-Auswahl waren die niederländischen Fußballerinnen bei EM und WM zuletzt auch.

Niederlande-Spiel wird am Mittwoch zum Härtetest

 "Nach dem Spiel gegen die Niederlande sind wir sind ein Stück weit schlauer", sagte Voss-Tecklenburg, die natürlich weiß, dass im ersten von geplanten elf Länderspielen nicht alles rund laufen kann. Ihr sei gewiss "nicht angst und bange", das gewünschte Level nicht zu erreichen – und es würde ja fast langweilig sein, wenn es keine Arbeitsaufträge mehr gäbe.

Letztlich will die DFB-Trainerin bis Ende des Jahres die Erkenntnis herausfiltern, "wer auf internationalem Niveau unter Druck Leistung bringt". Daran war ihr Team bekanntlich beim WM-Viertelfinalaus 2019 gegen Schweden (1:2) gescheitert, womit der Olympiasieger auch die Zulassung für die Olympischen Spiele in Tokio verpasste. Deswegen gibt es auch in diesem Jahr kein größeres Turnier, erst mit der EM 2022 in England gerät das deutsche Frauen-Team wieder in den öffentlichen Fokus.

Nicole Anyomi und Sjoeke Nüsken geben ihr Debüt

Grundsätzlich geht es der mittlerweile bis 2023 – und damit bis zur Frauen-WM 2023 in Australien und Neuseeland - an den Verband gebundenen Bundestrainerin um die Weiterentwicklung, den Kader noch breiter aufzustellen. Durch den pandemiegerechten Verzicht auf diejenigen Spielerinnen, die aus England, Frankreich und Spanien nur über Flugreisen hätten anreisen können, standen Lena Lattwein (20 Jahre/ 6 Länderspiele) oder die beim FC Bayern gereifte Sydney Lohmann (20/10) in der Anfangsformation, gaben später sogar Nicole Anyomi (21) von der SGS Essen und Sjoeke Nüsken (20) von Eintracht Frankfurt ihren Einstand beim achtfachen Europameister und zweifachen Weltmeister.

Beide Debütantinnen hätten "große Potenziale", befand die DFB-Trainerin, "sie müssen sich in vieles reindenken, da müssen wir geduldig sein". Doch hat Voss-Tecklenburg – speziell im Quervergleich mit Joachim Löw – eine viel größere Auswahl jüngerer Akteurinnen zur Verfügung, die sie in den nächsten Jahren auf Topniveau bringen kann. Dafür aber braucht es Vergleichsmöglichkeiten, weil das Gefälle im Frauenfußball immer noch viel größer als bei den Männern ist. Deshalb misst die stellvertretende Kapitänin Huth dem Mini-Turnier in der Grenzregion gerade große Bedeutung bei. "Wir wollen und müssen uns gegen die großen Nationen messen." Die Niederlande sind am Mittwoch ein solcher Gegner.

Stand: 22.02.2021, 10:18

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