DFB-Frauen stehen gleich unter Druck

Martina Voss-Tecklenburg

Frauen-Nationalmannschaft

DFB-Frauen stehen gleich unter Druck

Von Frank Hellmann

Nach fast genau einem halben Jahr Zwangspause steht die deutsche Frauen-Nationalmannschaft gleich unter Zugzwang. Die DFB-Frauen treffen gegen Irland in Essen (Samstag, 14 Uhr) auf den härtesten Widersacher in der EM-Qualifikation. Eine Bestandsaufnahme zum Restart.

Keine andere Spielstätte der Frauen-Bundesliga besucht Martina Voss-Tecklenburg so gerne und häufig wie das Stadion in Essen an der Hafenstraße. Zum einen hat es die Bundestrainerin aus ihrem Wohnort in Straelen am Niederrhein nicht ganz so weit wie nach Wolfsburg, Frankfurt oder München, zum anderen schätzt die 52-Jährige das familiäre Ambiente bei Heimspielen der SGS Essen.

Die 1:3-Niederlage des Ausbildungsvereins aus Essen-Schönebeck am vergangenen Sonntag (12.09.2020) gegen Eintracht Frankfurt erlebte Voss-Tecklenburg vor Ort, was den praktischen Vorteil hatte, gleich zum Treffpunkt der deutschen Frauen-Nationalmannschaft weiterfahren zu können: Seit Montag sind die DFB-Frauen in einem Vier-Sterne-Hotel an der Messe Essen zusammen. "Endlich", sagte die zum FC Chelsea gewechselte Nationalspielerin Melanie Leupolz zur ersten Zusammenkunft nach einem halben Jahr Unterbrechung.

Zuschauer erlaubt die UEFA nicht

"Umso schöner, dass man sich mal wiedersieht", beschied Kapitänin Alexandra Popp, als sie mit Maske ins Teamhotel spazierte, wo der inzwischen schon obligatorische Corona-Test anstand. Die DFB-Frauen tauchen vor ihrem ersten Auftritt nach dem Halbfinale des Algarve Cups gegen Norwegen (4:0) am 7. März - das Finale gegen Italien wurde wegen der Corona-Krise nicht mehr ausgetragen – in eine Art Blase mit minimierten Kontakten zur Außenwelt unter.

Für das EM-Qualifikationsspiel gegen Irland sind gemäß den Vorgaben der Europäischen Fußball-Union UEFA keinerlei Zuschauer zugelassen. Was die Aufgabe gegen einen kampfstarken Gegner, der sich bisher in der Qualifikation achtbar geschlagen hat und bei einem Spiel mehr nach Punkten (13) sogar besser als Deutschland (12) steht, nicht einfacher macht. Voss-Tecklenburg warnt vor dem Gegner: "Eine physisch und mental starke Mannschaft, die alles in die Waagschale werfen wird."

"Die gleichen Herausforderungen wie bei den Männern"

Spielmacherin Dzsenifer Marozsan vom Champions-League-Sieger Olympique Lyon erinnert sich noch sehr gut an einen umkämpften 3:2-Erfolg aus dem April 2014 in der WM-Qualifikation. "Ein robuster Gegner, der uns das Leben schwer gemacht hat", erzählt die 28-Jährige, "dann hat Melanie Leupolz in letzter Minute einen hohen Ball geschlagen, der ins Tor flog." Die Irinnen werden von Vera Pauw betreut, früher Nationalspielerin und Nationaltrainerin der Niederlande, die unbedingt beim in den Sommer 2022 verlegten Endturnier in England dabei sein will.

Voss-Tecklenburg fordert hingegen von ihrem Team den nächsten Sieg ein, um nach einer bislang makellosen Qualifikation mit vier Siegen und 31:0 Toren fast schon letzte Zweifel zu zerstreuen. Sie hat für "zehn intensive Tage" das Motto ausgegeben, an "Spielfreude, Spielfokus und Spielqualität" zu arbeiten. Generell gelte: "Wir standen und stehen vor den gleichen Herausforderungen, wie sie zuletzt aus dem Männerfußball zu hören waren." Einige haben gar nicht gespielt, manche hatten noch keine richtige Vorbereitung, andere wie Marozsan sind hochbelastet.

Voss-Tecklenburg vermisst den Trainingsplatz

Die Bundestrainerin ist froh, "dass wir unsere Spielerinnen wieder zusammenhaben und mit ihnen arbeiten können." Sie persönlich war zwar in zahlreichen DFB-Projekten, Analysen, Videokonferenzen, Konzeptentwicklungen und Gesprächen mehr als ausreichend beschäftigt, aber ihre ursprüngliche Aufgabe kam definitiv zu kurz. "Weißt du noch, wie Training geht?" fragte sich Voss-Tecklenburg immer dann, wenn sie irgendwo an einem Sportplatz vorbeifuhr. Richtig neidisch sei sie dann auf andere Trainer gewesen.

Keine Klagen über zu viele Länderspiele

Linda Dallmann und Kristin Demann (FC Bayern) mussten allerdings verletzungsbedingt passen. Dafür rückten mit Sandra Starke (SC Freiburg) und Paulina Krumbiegel (TSG Hoffenheim) zwei Spielerinnen nach, die vor allem mit Blick auf das darauffolgende EM-Qualifikationsspiel in Montenegro (22.09.2020/16 Uhr live im Ersten) wichtig werden. Das im Champions-League-Finale mit dem VfL Wolfsburg geforderte Trio Alexandra Popp, Svenja Huth und Kathrin Hendrich wird ebenso nicht in den kleinen Balkanstaat fliegen wie die bei Paris St. Germain gerade erst von einer Kreuzbandverletzung genesene Sara Däbritz.

Die Belastungsteuerung sei auch im Frauenfußball ein immer wichtigeres Thema, findet die Bundestrainerin, "auch wir haben einen vollen Terminkalender". Der reduzierte Kader ist auch dem Umstand geschuldet, dass Montenegro als Risikogebiet gilt, es braucht besondere Vorkehrungen vor Ort, um den Hygieneschutz zu gewährleisten. Im Gegensatz zu Joachim Löw kommen von ihrer Seite aber keine Klagen über zu viele Länderspiele, die vor allem dem langfristigen Entwicklungsprozess mit Blick auf die EM 2022 in England und die WM 2023 in Australien und Neuseeland dienen.

Noch mehr Aufschluss über die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Fußballerinnen als die EM-Qualifikation dürfte am 27. Oktober das Kräftemessen gegen die aufstrebende Frauenfußball-Nation England geben. Für den nach Wiesbaden vergebenen Test besteht auch leise Hoffnung, dass Leupolz, Popp und Co. wieder mal vor Publikum antreten dürfen, obwohl die Kulisse aus dem Hinspiel der deutsch-englischen Freundschaftsspielvereinbarung nicht annähernd erreicht wird: In Wembley waren am 9. November vergangenen Jahres 77.768 Zuschauern vor Ort.

Stand: 16.09.2020, 07:51

Darstellung: