Missbrauchsvorwurf gegen haitianischen Fußballchef

Yves Jean-Bart, Präsident der Haitian Football Federation

Yves Jean-Bart unter Druck

Missbrauchsvorwurf gegen haitianischen Fußballchef

Von Robert Kempe

Der Fußball sieht sich mit schwerwiegenden Fällen von sexuellem Missbrauch konfrontiert. Diese werfen massive Fragen auf, ob die Schutzmechanismen des Weltverbandes FIFA wirken. Die Vorwürfe sind gravierend.

Die Anschuldigungen veröffentlichte die britische Zeitung "Guardian" Ende April und berichtete seitdem in weiteren Artikeln. Mittlerweile ermitteln Behörden in Haiti, und auch die Ethik-Kommission der FIFA wurde tätig. Die FIFA-Ethiker haben Yves Jean-Bart, auch "Dadou" genannt, inzwischen vorläufig für 90 Tage vom Präsidentenamt suspendiert. Jean-Bart bestreitet gegenüber der Sportschau alle Vorwürfe. Über den Pressesprecher des haitianischen Verbandes lässt er mitteilen, dass es sich um "eine Schmutzkampagne gegen ihn handele".

Der Missbrauch soll sich im "Centre Technique National" abgespielt haben, einem Trainingskomplex des haitianischen Verbandes in Croix-des-Bouquets in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Einrichtung wurde mit Geldern aus dem FIFA-Entwicklungshilfeprogramm "Goal" finanziert und 2002 eröffnet. Seitdem dient es immer wieder als Beispiel für das Engagement des Weltverbandes in ärmeren Regionen der Welt.

Besuch von FIFA-Präsident Infantino

2017 besuchte FIFA-Präsident Gianni Infantino die Insel in der Karibik und überreichte Yves Jean-Bart einen Scheck über 500.000 Dollar, um den Wiederaufbau, des durch Hurrikan "Matthew" zerstörten Komplexes voranzutreiben. Die Ethik-Kommission der FIFA ermittelt.

Ein Sprecher des Weltverbandes erklärte gegenüber der Sportschau: "Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hat die Ethik-Kommission sofort Kontakt zu lokalen Organisationen aufgenommen und Ermittlungen mit Unterstützung von örtlichen Experten für die Untersuchung von Fällen von Kinder- und Menschenrechtsverletzungen eingeleitet."

Währenddessen berichten Spielerinnen davon, dass sie und ihre Familien bedroht worden seien, damit sie ihre Anschuldigungen fallen lassen. Über Jahre, so zitiert der "Guardian" mehrere Spielerinnen, die anonym bleiben wollen, wären sie im "Centre Technique National" unter Druck gesetzt worden, sexuelle Beziehungen mit Präsident Jean-Bart einzugehen. Er habe angedroht, sie sonst aus dem nationalen Fußballprogramm auszuschließen.

Eine 17 Jahre alte Spielerin hätte abtreiben müssen, andere wären schwanger geworden und hätten gar Kinder geboren. Seit 2000 ist Jean-Bart Präsident des haitianischen Verbandes. Im Februar wurde er in seine sechste Amtszeit gewählt. Der Pressesprecher des Verbandes teilte der Sportschau mit: "Die Anschuldigungen seien alle falsch. Sie kommen von anonymen Quellen ohne den Fetzen eines Beweises. Seine Position als Fußball-Präsident soll damit untergraben werden."

Afghanischer Verbandspräsident vor einem Jahr gesperrt

Doch die Anschuldigungen sind auch ein Schlag für die FIFA und ihren Präsidenten Infantino, der öffentlich immer wieder verkündet, den Frauenfußball weiter zu fördern. Minky Worden von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch stellt klar, dass daraus auch Verantwortung erwachse: "FIFA-Präsident Gianni Infantino hat Frauen und Mädchen ermutigt, dem Fußball beizutreten. Und die FIFA hat die Fürsorgepflicht, alle Spieler vor der Gefahr sexueller Übergriffe durch Offizielle zu schützen."

Erst vor einem Jahr wurde der Präsident des afghanischen Fußballverbandes, Keramuudin Karim, lebenslang gesperrt. Die Ethik-Kommission sah es als erwiesen an, dass Karim mehrere Nationalspielerinnen sexuell missbrauchte. Als Reaktion darauf stellte die FIFA ihr Kinderschutz-Programm "FIFA-Guardians" vor. Bei der Präsentation erklärte die FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura: "Die FIFA hat die Pflicht und Verantwortung, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die Fußball spielen, dies in einer sicheren, positiven und angenehmen Umgebung tun können."

Telefonat mit einem FIFA-Mitarbeiter

Im Umgang mit den Anschuldigungen über sexuellen Missbrauch in Haiti reagierte die FIFA jedoch zunächst nicht gerade verantwortungsbewusst. Kurz nachdem der Weltverband erstmals mit den Vorgängen im Trainingskomplex durch den "Guardian" konfrontiert wurde, kam es zu einem Telefonat zwischen dem haitianischen Verband und einem FIFA-Mitarbeiter. Wie die britische Zeitung berichtet erwähnte der Mitarbeiter im Gespräch gegenüber dem Verband einen möglichen Fall sexuellen Missbrauchs im Trainingskomplex Croix-des-Bouquets.

Das Gespräch sei ein Routine-Anruf zu den Auswirkungen der Covid-19 Pandemie im Fußball gewesen, teilte die FIFA mit. Zu dem Zeitpunkt waren die Einzelheiten und die Dimension der Vorwürfe noch nicht öffentlich bekannt. Trotz der unzureichenden Informationen entschied sich die FIFA lediglich, den haitianischen Verband "an das Instrumentarium zur Sicherung der Mitgliedsverbände, FIFA-Guardians" zu erinnern und bot ihm "Unterstützung bei der Überprüfung der Schutzmaßnahmen" an.

Stand: 04.06.2020, 07:00

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