Horst Hrubesch auf Abschiedstour

Horst Hrubesch

Frauen-Nationalmannschaft

Horst Hrubesch auf Abschiedstour

Noch zwei Länderspiele, dann ist Schluss: Mit dem Freundschaftsspiel der DFB-Frauen gegen Italien (Samstag 16 Uhr/live ARD) läutet Horst Hrubesch seinen Abschied ein. Der Interimstrainer und Sportdirektor geht mit nachdenklichen Worten - über den Männerfußball.

Aus dem Abschiedsgeschenk macht Horst Hrubesch ein Geheimnis. Partout will der Bundestrainer nicht verraten, was ihm "seine Mädels", wie der leutselige Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Spielerinnen der Frauen-Nationalmannschaft fast ausnahmslos nennt, schon überreicht haben. "Sie haben sich was Gutes einfallen lassen", sagt er. Es muss ein ziemlich persönliches Präsent sein, das den Geschmack des Mannes trifft.

Seit dem Frühjahr arbeitet Hrubesch mit den deutschen Fußballerinnen zusammen, aber weil die künftige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg überraschend noch mit der Schweiz die WM-Play-offs gegen Europameister Niederlande bestreitet, zieht sich die Mission bis in die letzten beiden Länderspiele des Jahres. Erst nach den Freundschaftsspielen gegen Italien in Osnabrück (Samstag 16 Uhr/ live ARD) und dann gegen Spanien in Erfurt (Dienstag, 16 Uhr) ist für Hrubesch wirklich Schluss.

Erinnerungen an seine Anfänge

Der 67-Jährige negiert nicht, dass ihm das Amt bei den DFB-Frauen noch einmal den Horizont erweitert hat. "Die Art und Weise, wie diese Mädels den Fußball angehen, erinnert mich an meine Anfangszeit. Da ist Ehrlichkeit drin, da brauche ich nichts anschieben. Da ist noch ein Miteinander zu spüren", erklärte Hrubesch am Donnerstag (09.11.2018) bei einem Gespräch in der Klosterpforte in Marienfeld.

Die Idylle und die Abgeschiedenheit der ostwestfälischen Wohlfühloase passen. Zuletzt beim Testspiel gegen Österreich (3:1) habe er schon viel von dem Fußball gesehen, "den ich mir vorgestellt habe." Mit viel Geschwindigkeit, Direktkombinationen: "Da ist immer noch Luft nach oben." Viele Akteure würden noch gar nicht wissen, wie gut sie sein könnten, "es sind noch 25 Prozent Rest."

Er ist Fan des Frauenfußballs geworden

Wenn ihn die ehemalige Nationalspielerin Voss-Tecklenburg beerbt, will er nicht von einem bestellten Feld sprechen, das er übergibt, aber: "Auf dem Rahmen lässt sich aufbauen." Britta Carlson, seine Co-Trainerin, hält den direkten Kontakt, da die ehemalige Assistenztrainerin des VfL Wolfsburg genau wie seine rechte Hand Thomas Nörenberg bei den Frauen verbleibt. Und eines kann er ihnen versprechen: Bei der WM 2019 in Frankreich (7. Juni bis 7. Juli) wird er vorbeischauen und sich die Auftritte anschauen. Das hätte der ehemalige Bundesliga-Torjäger, EM-Held im Finale 1980, wohl vor zehn, 15 Jahren selbst nicht gedacht, dass er zum Fan des Frauenfußballs wird.

Hrubesch hatte kein Problem damit, dass er zuletzt nicht mehr in der Glitzerwelt unterwegs war. Die frei von jeglichen Eitelkeiten auftretende Figur findet es nahezu grotesk, wohin sich die männliche Branche entwickelt. Die Enthüllungen rund um die ARD-Doku "Football Leaks: Von Gier, Lügen und geheimen Deals" habe den Glaubwürdigkeitsverlust des Spitzenfußballs nur verstärkt. Hrubesch stellt unverblümt fest: "Ich bin mit diesen Summen schon lange nicht mehr einverstanden. Wenn ich die Zahlen lese, dann wird mir angst und bange." Er möchte sich gar nicht ausmalen, wie der Profifußball in zehn Jahren aussieht. Sein Metier, das klingt deutlich durch, ist das nicht mehr.

"Dann mache ich es lieber selbst"

2016 beim Olympischen Fußballturnier der Männer wäre ihm beinahe noch ein Husarenstreich gelungen, als im berühmten Maracanã von Rio de Janeiro seine Verlegenheitsauswahl beinahe dem Gastgeber Brasilien mit Superstar Neymar ein Bein gestellt hatte. Doch das Finale ging im Elfmeterschießen unglücklich verloren, ausgerechnet der sichere Schütze Nils Petersen scheiterte. Der Trainer hat die Silbermedaille gerne genommen, und dann hat er gemeinsam mit den Frauen gefeiert, die einen Tag zuvor zum Abschied der Bundestrainerin Silvia Neid Gold gewonnen hatten.

Schon im Vorlauf waren sich Männer und Frauen für die DFB-Mission näher gekommen, es gab gemeinsame Pressetermine, einige arrangierte Begegnungen und dann auch immer wieder Austausch auf Trainerebene. Als Sportdirektor wurde Hrubesch dann schneller wieder mit den Frauen konfrontiert als ihm lieb war, denn als unter der Neid-Nachfolgerin Steffi Jones nicht nur die EM 2017 in den Sand gesetzt wurde, sondern auch die WM-Qualifikation in Gefahr geriet, musste im Frühjahr gehandelt werden. Und mal wieder sprang die Allzweckwaffe ein. "Bevor da jemand anders eine komische Idee hat, mache ich es lieber selbst", sagte Hrubesch.

Im neuen Jahr nach Neuseeland

Er drehte zunächst an den einfachsten Stellschrauben: übertrug mehr Eigenverantwortung, sprach klare Vorgaben aus, überforderte die Mannschaft nicht - und verbesserte wieder das Binnenklima. Unter ihm ziehen wieder alle an einem Strang. Letztlich gelang die WM-Qualifikation mit fünf Siegen am Stück - darunter das souveräne 2:0 gegen Island - problemlos. "Die Übergangslösung war der richtige Weg, um den Mädels wieder Selbstbewusstsein zu geben", sagt Hrubesch im Rückblick. Ihm selbst habe die Mission, die von einem gewissen Erfolgsdruck geprägt war, "einen Riesenspaß" gemacht.

Der Routinier gesteht sich sogar ein: "Wenn ich 60 wäre, hätte ich selbst weitergemacht."  Aber die Zeit sei jetzt einfach reif für andere Dinge. Eine Neuseeland-Reise mit seiner Frau ist lange gebucht. Sechs Wochen geht es im Februar auf die Insel, dann weiter nach Malaysia, Singapur, Hawaii und Las Vegas. Er will für die Zukunft die Möglichkeit haben, sich einfach mal ins Auto zu setzen und mit Frau und Hund die Vogelfluglinie nach Schweden, Norwegen über Dänemark zurück nach Hause zu nehmen. So viel Freiheit im Ruhestand muss sein.

hel, dpa | Stand: 09.11.2018, 12:13

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