Frauenfußball - Warnsignale vor dem Pokalfinale

Der DFB-Pokal der Frauen

DFB-Pokalfinale der Frauen

Frauenfußball - Warnsignale vor dem Pokalfinale

Von Frank Hellmann

Zum zehnten Male spielen die Frauen in Köln mit der Begegnung zwischen dem Titelverteidiger VfL Wolfsburg und Außenseiter SC Freiburg (Mittwoch 17.15 Uhr/Live im Ersten) ihr eigenes Pokalfinale aus. Der deutsche Frauenfußball kämpft jetzt auch gegen den eigenen Bedeutungsverlust.

Birgit Bauer will gar nicht meckern. Die Managerin des SC Freiburg findet 14.000 im Vorverkauf veräußerte Tickets für das DFB-Pokalfinale zwischen dem Titelverteidiger und Seriensieger VfL Wolfsburg und dem Außenseiter aus dem Breisgau (Mittwoch 17.15 Uhr/live im Ersten) "gar nicht so schlecht". Für sie ist es wichtig, "dass wir eine eigenständige Veranstaltung haben", sagt Bauer zu sportschau.de, "denn nur dann kommen die Zuschauer auch wegen des Frauenfußballs ins Stadion."

Die Domstadt ist als Austragungsort für das familiäre Event inzwischen etabliert: Die meisten strömten 2010 zu der Premiere FCR Duisburg - USV Jena (26.282), die wenigsten kamen drei Jahre später zur Paarung VfL Wolfsburg - Turbine Potsdam (14.269). Zuvor war das Frauenfinale als Anhängsel an das Männer-Event in Berlin angekoppelt. Doch der Vorspielcharakter wurde 2010 endlich abgeschafft.

Bauer hat fast keine der neun Auflagen versäumt, "aber da unten saß ich im Kölner Stadion noch nie." Trainerbank statt Tribüne. Für die badische Macherin ist es eine Belohnung ihres unermüdlichen Einsatzes im weiblichen Segment, denn die 54-Jährige dient mittlerweile seit 29 Jahren der Freiburger Frauenabteilung. Allein der Einzug ins diesjährige Pokalfinale sei "etwas ganz Außergewöhnliches".

Mini-Etat beim SC Freiburg

Der Sport-Club hat sich bei den Frauen - ähnlich wie bei den Männern - überwiegend der Talententwicklung verschrieben, wobei die duale Ausbildung großgeschrieben wird. Vor allem der FC Bayern, aktuell zweite Kraft im deutschen Frauenfußball, profitiert von der Freiburger Schule und hat mit Sara Däbritz, Lina Magull, Melanie Leupolz, Laura Benkarth und Verena Schweers fünf Nationalspielerinnen im Kader. Nächste Saison kommen der aktuelle Freiburger Trainer Jens Scheuer und das SC-Toptalent Giulia Gwinn dazu. "Es wäre schön, wenn die Bayern auch mal selbst ausbilden", kann sich Bauer einen Seitenhieb nicht verkneifen.

Ihr Etat ist knapp siebenstellig. Ein Mini-Budget im Vergleich zum Finalgegner Wolfsburg, der ein internationales Starensemble beschäftigt und seit 2015 in schöner Regelmäßigkeit den Cup gewann. Horst Hrubesch, der als Interimstrainer die Frauen-Nationalmannschaft erfolgreich betreute, wird diesmal die Trophäe auf den Rasen tragen.

Bundestrainerin ist das Thema bekannt

Auf den Rängen wird die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sitzen, die bereits am 14. Mai ihren Kader zur WM in Frankreich (7. Juni - 7. Juli) benennt. Sie weiß, dass der Frauenfußball inzwischen meist nur bei den Großereignissen richtig beachtet wird. "Das erleben andere Sportarten auch. Wir stehen ja in Konkurrenz zu ihnen", erklärte die 50-Jährige gerade im "Kicker"-Interview. Die WM sei eine große Chance, gegen die rückläufig Resonanz anzugehen: "Wir wissen, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen müssen, und wollen mit dem Zugpferd Nationalmannschaft auch wieder mehr Zuschauer in die Stadien bekommen."

Der Alltag in der Frauen-Bundesliga ist zuletzt eher wieder trister geworden, der Zuschauerschnitt fast kontinuierlich gesunken. Aktuell liegt der Schnitt nur noch bei rund 800. Für das meiste Interesse sorgt der designierte Meister VfL Wolfsburg (1.683), es folgen die reinen Frauenfußballvereine Turbine Potsdam (1.356) und 1. FFC Frankfurt (1.236) - die allerdings sportlich mit den finanziell besser ausgestatteten Lizenzvereinen unter dem Männerdach nicht mehr mithalten können - und der SC Freiburg (1.035).

Kein deutsches Team im Champions-League-Finale

Bezeichnend: Selbst der FC Bayern (626) generiert im Schnitt keine vierstellige Zuschauerzahl. Das Halbfinale in der Womens Champions League gegen einen so namhaften Gegner wie den FC Barcelona trugen die Bayern-Fußballerinnen auf dem Campus aus, wo die Kapazität bei 2.500 Plätzen arg limitiert ist. Weder das Grünwalder Stadion noch den Umzug in die große Arena in Fröttmaning traute sich der FC Bayern. Die Quittung fürs Zögern und Zaudern folgte mit zwei 0:1-Niederlagen prompt: Erst zum vierten Male findet damit ein Champions-League-Endspiel ohne deutsche Beteiligung statt. Topfavorit ist der Titelverteidiger Olympique Lyon, der sein Halbfinale gegen den FC Chelsea übrigens vor mehr als 22.000 Besuchern im großen Stadion spielte, das bei der WM der Schauplatz für beide Halbfinale und das Finale sein wird.

Während in Deutschland das Interesse selbst bei Länderspielen rückläufig ist - zu den jüngsten Länderspielen in Erfurt gegen Spanien (0:0) und in Paderborn gegen Japan (2:2) kamen keine 5.000 Besucher - purzeln im Ausland die Rekorde: Die erste spanische Frauen-Liga vermeldete sage und schreibe 60.739 Zuschauer in der neuen Heimstätte Wanda Metropolitano von Atletico Madrid zum Duell gegen Barcelona. "Weltrekord in Sachen Besucherzahlen beim Frauenfußball zwischen zwei Vereinsmannschaften", verkündete Atletico anschließend stolz.

Die Nationaltorhüterin Almuth Schult (VfL Wolfsburg) beobachtet die Entwicklung mir Sorge. "Wir hatten vor einigen Jahren deutlich mehr Zuschauer und auch das eine oder andere Highlight-Länderspiel mit bis zu 45.000 Zuschauern. Jetzt kommen wir meistens nicht über 6000", sagte die 28-Jährige nun  in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Es stelle sich daher die Frage, "ob alle genug tun, um diese Entwicklung wieder umzukehren, oder ob wir so unattraktiv spielen, was ich ehrlich gesagt nicht denke. Ein Teil der Erklärung mag sicher eine Fußball-Übersättigung in Deutschland sein, unter der dann auch wir leiden." Aber auch mangelnde Wertschätzung spiele eine Rolle: Bei einigen Bundesliga-Clubs gebe es "in der Kommunikation noch sehr viel Potenzial. Oft werden wir Frauen einfach vergessen".

Heftige Debatten beim DFB

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist bei der Thematik im Bilde, scheut aber eher die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Sorgenkind Frauenfußball. Die früher allein für den Frauen- und Mädchenfußball zuständige Heike Ullrich ist nach ihrer Beförderung zur DFB-Direktorin Vereine, Verbände und Ligen mit vielen anderen Sachthemen beschäftigt. Vieles spielt sich derzeit eher im Verborgenen ab. Selbst der neue Namenssponsor (Flyeralarm) für die Frauen-Bundesliga wurde eher beiläufig erwähnt.

Kürzlich bei der Tagung der Kommission Frauen-Bundesliga in Frankfurt soll es intensive Debatten gegeben haben, wie dem schleichenden Bedeutungsverlust der höchsten Frauenspielklasse beizukommen ist. Liga-Sprecher Siegfried Dietrich (1. FFC Frankfurt) sagt zu sportschau.de: "Wir müssen uns alle Gedanken machen, wie wir dem Frauenfußball bessere Perspektiven geben." 

Ralf Kellermann (VfL Wolfsburg) und Ralf Zwanziger (TSG Hoffenheim), Sohn des ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, sehen höchste Dringlichkeit bei der Thematik. "Wir sollten wachsam sein", sagt auch Freiburgs Managerin Bauer, "aber ein Patentrezept habe ich aus dem Stegreif auch nicht." Es sei jedenfalls nicht gut, "wenn jetzt noch unsere besten Spielerinnen ins Ausland gehen."

Neidvoller Blick nach England

Mit der im Sommer zu Paris St. Germain wechselnden Sara Däbritz verliert die Liga eine weitere Topspielerin, nachdem die beste Fußballerin, Dzsenifer Marozsan von Olympique Lyon, gerade erneut zur besten Spielerin der französischen Liga gewählt wurde. Und es sind nicht immer nur höhere Gehälter, die als Lockmittel eingesetzt werden. Pauline Bremer (Manchester City), die sich nach 14-monatiger Zwangspause bis in die Nationalmannschaft zurückgekämpft hat, schwärmt von den Rahmenbedingungen auf der Insel.

Der englische Fußball-Verband (FA) hat im Zusammenspiel mit den Topvereinen ein Langzeitprogramm mit erheblichen finanziellen Mitteln aufgelegt. Zur Wertschätzung gehört auch, das Pokalfinale der Frauen im ruhmreichen Wembley-Stadion auszutragen. Letztjährige Kulisse beim Aufeinandertreffen zwischen den Ladys von Arsenal und Chelsea: 45.423 Zuschauer - das Dreifache jener Zahl, die voraussichtlich am Mittwoch in Köln die Tribünen belegt.

Stand: 30.04.2019, 08:00

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