Projekt 2020.0 - Frauenfußball-Bundesliga will wachgeküsst werden

Nicole Billa (l.), Ingrid Syrsstad Engen

Frauen-Bundesliga

Projekt 2020.0 - Frauenfußball-Bundesliga will wachgeküsst werden

Von Frank Hellmann

Die Rückrunde der Frauenfußball-Bundesliga wird mit dem Spitzenspiel Hoffenheim gegen Wolfsburg fortgesetzt. Gleichzeitig sind Konzepte gefragt, den Zuschauerzuspruch und die Aufmerksamkeit zu erhöhen.

Nicht jedem hat die zweimonatige Winterpause gefallen. Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter des VfL Wolfsburg, betrachtet die lange Auszeit sogar als Wettbewerbsnachteil. "Wir sind die einzige Top-Nation im Frauenfußball, die im Winter so lange nicht gespielt hat", sagt er.

Immerhin wird die Rückrunde gleich mit einem Schlager fortgesetzt: Mit der TSG Hoffenheim empfängt der überraschende Tabellenzweite (34 Punkte) am 14. Spieltag den ungeschlagenen Spitzenreiter Wolfsburg (37), der anscheinend unbeirrt auf seine vierte Meisterschaft in Folge zusteuert. Eine bessere Konstellation hätte es für den Auftakt am Freitagabend (14.02.2020)  nicht geben können.

Aufbauarbeit bei der TSG Hoffenheim ist vorbildlich

Der Gastgeber, der bislang im Schnitt kaum mehr als 600 Zuschauer begrüßte, kämpft darum, eine ansprechende Kulisse ins Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim zu locken. "Besuchen Sie doch eines die Heimspiele unserer so furios aufspielenden Frauen-Mannschaft - zum Beispiel das Spitzenspiel gegen den deutschen Meister", schrieb Frank Briel, Geschäftsführer der Fußball-Spielbetriebs GmbH im Vorwort des Stadionmagazins "Spielfeld" vor fast einem Monat. Aktuell wird das Spitzenspiel auch auf der Vereinshomepage beworben.

Die Aufbauarbeit von Trainer Jürgen Ehrmann und Abteilungsleiter Ralf Zwanziger, Sohn des ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, ist aller Ehren wert. Hoffenheims Fußballerinnen spielen nach vorne, haben mit der Österreicherin Nicole Billa (Foto oben, l.) die nach der Wolfsburger Weltklassestürmerin Pernille Harder zweitbeste Torschützin im Kader. Und mit Lena Lattwein, Tabea Waßmuth, Maximiliane Rall und Isabella Hartwig bieten sie ein längst bei Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg im Blickfeld befindliches Quartett auf. Auch Kellermann findet lobende Worte: "In Hoffenheim gibt es ein klares Konzept und einen Verein, der hinter dem Frauenfußball steht."

Ein eigenes Wochenende für die Frauen und Mädchen

Doch im 30. Jahr der höchsten Frauen-Spielklasse reicht das nicht mehr, um genügend Aufmerksamkeit zu erhalten. Die für den Gesamtbereich Ligen, Verbände und Vereine zuständige DFB-Direktorin Heike Ullrich räumt ein, dass der aktuelle Zuschauerschnitt von 954 zwar den "Turnaround" nach Jahren der Stagnation bedeute, jedoch weit entfernt von dem sei, "wo wir hinwollen."

Zuschauerschnitt Frauenfußball-Bundesliga
SaisonZuschauerschnitt
2012/13891
2013/141.185
2014/151.019
2015/161.076
2016/17946
2017/18849
2018/19833
2019/20 (nach 13 Spieltagen)954

Der DFB will 50 Jahre nach der Aufhebung des Frauenfußballverbots in diesem Jahr "Flagge und Haltung zeigen" - und schaut sich dafür eine Idee aus England ab. Ein eigenes Wochenende während einer Länderspielpause im zweiten Halbjahr 2020, an dem Fußballfans aufgefordert werden, ein Frauen- oder Mädchenspiel zu besuchen. "Geklaut ist manchmal besser als selbst entwickelt", sagt Ullrich.

England gibt die Richtung vor - auch bei den Zuschauerzahlen

England scheint mit dem Rückenwind der Frauen-EM 2021 und der Unterstützung der FA in vielen Bereichen weiter. In der Women's Super League (WSL), in der die großen Klubs aus der Premier League fast geschlossen den Frauenfußball für sich entdeckt haben, weisen aktuell fünf Vereine (Tottenham Hotspur, FC Liverpool, FC Chelsea, Manchester City und West Ham United) einen Zuschauerschnitt von 5.000 und mehr auf. Einzelne Highlight-Spiele mit fünfstelligen Kulissen in den Männer-Stadien haben immens geholfen.

In Frankreich setzen die Topklubs Olympique Lyon und Paris Saint-Germain die Maßstäbe. Die vom FC Bayern im Sommer 2019 nach Paris gewechselte Nationalspielerin Sara Däbritz erklärt: "Die Ultras der Männer sind regelmäßig bei unseren Spielen und machen richtig Stimmung. Zuletzt gegen Marseille haben wir vor 3.500 Zuschauern gespielt, und die Stimmung über 90 Minuten war großartig."

Frauen-Bundesliga: Hoffenheim schlägt Bayern Sportschau 12.10.2019 01:06 Min. Verfügbar bis 12.10.2020 Das Erste

Appelle an gesellschaftliche Aufgaben

In Deutschland ist der Doublegewinner VfL Wolfsburg mit durchschnittlich 1.945 Besuchern der Zuschauerkrösus. Die Bestmarke bilden die 3.245 Besucher beim Spitzenspiel Wolfsburg gegen FC Bayern, gefolgt vom Saisoneröffnungsspiel zwischen dem  1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam (2.550). Rekordmeister Frankfurt schlüpft im kommenden Sommer unter das Dach von Eintracht Frankfurt, um wieder konkurrenzfähig zu werden. "Wir setzen auf eine Win-win-Situation. Auf hohem Niveau ist man nur zusammen mit einem Männer-Lizenzverein konkurrenzfähig", sagt FFC-Manager Siegfried Dietrich.

"Die großen Adressen des europäischen Fußballs werden weiblicher - sie erfüllen dadurch ihre gesellschaftlichen Aufgaben und generieren Mehrwerte für die Vermarktung", glaubt der 62-Jährige. Aber: Nicht mal beim FC Bayern (Zuschauerschnitt 659) gelingt bisher dieser Doppelpass. Auch Vereine wie Bayer Leverkusen (386) oder der 1. FC Köln (640) halten ihre Anstrengungen auf einem überschaubaren Niveau.

Ausschuss: Frauen-Bundesligen spielt wichtige Rolle

Um neue Aktivierungsmaßnahmen in die Wege zu leiten, ist der DFB-Ausschuss "Frauen-Bundesligen" auf dem jüngsten Bundestag ins Leben gerufen worden. Für das Projekt "Zukunft weiblich" sind Ideen gesammelt, Arbeitsfelder abgeklopft worden. "Hauptthemen sind für die Frauen-Bundesliga die Zuschauergewinnung, die Medienarbeit vor und nach den Spieltagen, der Ausbau der TV-Präsenz, die Verbesserung der Strukturen in den Vereinen, die Entwicklung von Gesichtern und Identifikationsfiguren sowie die enge Zusammenarbeit zwischen Liga und Nationalmannschaft", erklärt der Ausschuss-Vorsitzende Dietrich gegenüber der Sportschau.

Ab der Saison 2021/22 sind beispielsweise hauptamtliche Pressesprecher für die Vereine Pflicht, auch eine Rasenheizung soll bald vorgeschrieben werden.

Mehr als 100 Millionen TV-Zuschauer?

Fortschritte macht die Frauen-Bundesliga bei den TV-Reichweiten, wo in dieser Saison durch feste Programmplätze neue Rekorde erreicht werden. Nach 13 Spieltagen sind bereits 64 Millionen Fernsehzuschauer notiert, kumuliert könnten es am Saisonende erstmal mehr als 100 Millionen sein. "Da helfen uns die regelmäßigen Ausschnitte in der ARD-Sportschau immens", erklärt Ullrich.

Elf Mal hat die ARD-Sportschau von ausgewählten Begegnungen berichtet. Der Spartensender Eurosport überträgt zudem das Freitagsspiel. Doch zur breiten Verankerung in der Bevölkerung ist es noch ein weiter Weg. Der Namenssponsor Flyeralarm hat ein eigenes Magazin ("Elfen") herausgebracht, um nicht nur die Frauen-Bundesliga, sondern auch Themen um den Frauenfußball bekannter zu machen.

Unerschütterlicher Optimist

Dietrich gibt sich als Optimist und will eine Aufbruchsstimmung erkennen: "Der Frauenfußball 2020.0 ist auf dem Weg in neues Zeitalter. Die neuen Strukturen und Gremien im DFB - an der Spitze Präsident Fritz Keller - unterstützen die Entwicklung im Frauenfußball auf hohem Niveau." Einig sind sich die Funktionäre, dass die Männer-Lizenzvereine nicht gezwungen werden können, in den Frauen- und Mädchenfußball zu investieren.

Verbandschef Keller sagt aber sehr wohl mit einem fordernden Unterton: "Ich erwarte von jedem Bundesligisten, dass er mit gutem Beispiel vorangeht und auch in den Frauenfußball investiert." Aber reicht der Appell an die gesellschaftliche Verantwortung?

Skepsis bei  Dortmund und Schalke

Marken wie Borussia Dortmund oder der FC Schalke 04 sind immer noch skeptisch. In Dortmund hing kürzlich ein Spruchband auf der Südtribüne: "Fußball ist für alle da - Frauenteam jetzt". Präsident Reinhard Rauball verwies bei der Mitgliederversammlung aber darauf, dass ja schon die BVB-Handballerinnen in der Bundesliga spielen und dass ein Profiteam unter dem Dach des eingetragenen Vereins nicht denkbar sei.

Kellermann hielte ein Engagement für lohnenswert, wie der 51-Jährige im Interview mit dem "Kicker" betonte: "Mit dem richtigen Marketingkonzept wäre das aus meiner Sicht ein Selbstläufer. Das Ruhrgebiet ist ja bekanntlich positiv fußballverrückt. Aber der Frauenfußball muss in der DNA eines Klubs verankert sein, wie zum Beispiel bei Manchester City, dem FC Chelsea oder Arsenal. Sonst ergibt es keinen Sinn."

Stand: 14.02.2020, 08:18

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