Frauen im Fußball: Kampf um mehr Sichtbarkeit

Haben in der Frauen-Bundesliga jedes Spiel gewonnen: die Spielerinnen des FC Bayern

Frauenfußball

Frauen im Fußball: Kampf um mehr Sichtbarkeit

Von Frank Hellmann

Die Förderung des Frauenfußballs und die Förderung von Frauen im Fußball stehen auf einer gemeinsamen Agenda von DFL und DFB jetzt offiziell weit oben. Aber welche Taten folgen den Worten? Eine Bestandsaufnahme.

Einen Vorteil haben digitale Pressekonferenzen bekanntlich: Mitunter erzeugen diese virtuelle Veranstaltungen eine größere Reichweite, als wenn es zu einer Präsenzveranstaltung vor Ort gekommen wäre.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) war diese Woche jedenfalls hocherfreut, welche Resonanz am Dienstag (09.02.2021) und tags darauf eine Gesprächsrunde mit Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg zum deutschen Frauen-Nationalteam und die Vorstellung des Saisonreports der Frauen-Bundesliga erhielten. Fast 30 Journalisten interessierten sich bundesweit für Themenfelder, die ansonsten vielleicht nur ein halbes Dutzend in die DFB-Zentrale im schockgefrorenen Frankfurter Stadtwald gelockt hätten.

Die Aufmerksamkeit kommt nicht von ungefähr. Im von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) initiierten Maßnahmenkatalog der "Taskforce Zukunft Profifußball" ist die Förderung von Frauenfußball (Punkt 14) und Förderung von Frauen im Fußball (Punkt 15) gezielt hinterlegt. Damit der deutsche Profifußball wirklich ein Kulturgut bleibt und seine gesellschaftliche Verantwortung erfüllt, heißt es gleich im Eingangsstatement, sind diese beiden Maßnahmen unerlässlich.

Genug geredet, finden Expertinnen

Zu den 37 Experten und Expertinnen aus den verschiedensten Fachbereichen gehörte auch Ramona Steding, die das Netzwerk Frauen im Fußball, kurz "F_in", vertritt. "Es wird seit langem geredet, jetzt muss endlich gehandelt werden", fordert die 43-Jährige aus der Fanabteilung von Borussia Dortmund im Gespräch mit der Sportschau. "Es geht darum, dass der Fußball seine Blockadehaltung aufgibt. Die Gesellschaft ist in dieser Hinsicht schon weiter als der Fußball."

Auch Helen Breit, als 1. Vorsitzende "Unsere Kurve" in der Taskforce tätig, plädiert dringend für mehr Diversität. "Und da geht es auch um Menschen mit Behinderung oder Migrationsgeschichte", betont die Anhängerin des SC Freiburg. "Bei dem Thema wird mir immer klar, wie rückständig der Fußball ist."

Männer treffen Entscheidungen

Noch immer würden die wichtigen Entscheidungen im deutschen Fußball von Männerbünden getroffen. "Man muss sich doch nur einen DFB-Bundestag anschauen: Die Mehrzahl der Delegierten sind Männer im fortgeschrittenen Alter. Ich will niemand diffamieren, aber der Querschnitt der Bevölkerung bildet sich da nicht ab", sagt die 33-Jährige der Sportschau.

Es brauche Maßnahmen, um mehr Frauen Zugang zu schaffen. Auch Quoten könnten für Übergangsregelungen helfen, findet die Fanvertreterin.

DFL und DFL - mehr Mitarbeiterinnen als früher

Dass ein Drittel der Belegschaft beim DFB inzwischen weiblich ist, bei der DFL sogar 41 Prozent, reicht ihr nicht. "Frauen dürfen Positionen im Marketing, Kommunikation besetzen oder Assistentin der Geschäftsführung werden, aber ganz oben bleibt es bei den tradierten Rollen."

Helen Breit fällt in diesem Zusammenhang immer das Zitat von Katja Kraus ein. Die sagte mal, den eigenen Töchtern sei leichter zu vermitteln, Bundeskanzlerin zu werden als einen Job in der Fußball-Bundesliga zu bekommen.

Denn die Realität ist: Mehr als 95 Prozent der Entscheidungsfunktionen in Aufsichtsräten und Vorständen der ersten und zweiten Liga werden von Männern besetzt. Nahezu keine Frauen.

Christina Rühl-Hamers

Christina Rühl-Hamers ist Schalkes Finanzchefin

Bis zum 1. Oktober 2020 gab es keine Frau im Vorstand eines Bundesligaclubs. Die Finanzchefin bei Schalke 04, Christina Rühl-Hamers, ist nach der zwischen 2003 bis 2011 beim Hamburger SV tätigen Katja Kraus überhaupt erst die zweite Frau auf Vorstandsebene in der Bundesligageschichte.

So schnell kommt keine Trainerin in den Profifußball

Genauso schwierig scheint es, Schiedsrichterinnen oder Trainerinnen in diesen Kreis zu bekommen. Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus hörte nach dem Supercup vergangenes Jahr auf und ist auf eigenen Wunsch nur noch als Videoassistentin tätig. Damit pfeift keine Frau mehr in der Bundesliga.

Martina Voss-Tecklenburg

Martina Voss-Tecklenburg

Und Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die ihren Posten als Aufsichtsratsmitglied bei Fortuna Düsseldorf weiter ausübt, glaubt nicht daran glaubt, dass eine Trainerin hierzulande so schnell in den Profi-Spielklassen Fuß fasst. "Das liegt immer noch daran, dass es keiner gemacht hat. Es ist immer noch ein sehr innerer Zirkel von Menschen, die aus dem Männerfußball kommen und im Männerfußball bleiben", sagt die 53-Jährige.

Strukturen machen es schwierig

Die Frauen seien längst reif dafür, aber der Männerfußball mit seinen Strukturen mache es schwierig. Die neuerdings bis 2023 an den DFB gebundene Voss-Tecklenburg hat aber so schnell nicht vor, die Pionierin als erste Trainerin im deutschen Profifußball zu geben.

Auch wenn viele ihr das zutrauen würde: "Ich habe nicht die Idee, 2023 was anderes zu machen. Das bestimme ich nicht alleine. Wenn meine Mannschaft gute Leistungen bringt, habe ich noch eine andere Idee im Kopf. Wenn wir keine gute Leistung bringen, gehe ich Fischbrötchen verkaufen", sagte die Bundestrainerin auf Nachfrage der Sportschau – gemeint war das mit einem Augenzwinkern.

Trainerin Inka Grings gibt Anweisungen am Spielfeldrand

Inka Grings als Trainerin beim SV Straelen

Auch die ehemalige Nationalspielerin Inka Grings gab nur ein kurzes Gastspiel bei den Männern. Im April 2019 übernahm die den Regionalligisten SV Straelen, stieg ab, dann wieder auf und beendete im Sommer 2020 ihr Engagement. Kürzlich übernahm die 42-Jährige als Trainerin die Frauen des FC Zürich.

DFB-Frauen planen elf Länderspiele in 2021

DFL und DFB haben zumindest erkannt, dass zu einem glaubwürdigen Gesamtprogramm die Förderung beider Geschlechter gehört; und dafür wollen beide Fußball-Institutionen, die sich gerne hinter den Kulisse beharken, auch konstruktiv zusammenarbeiten. Die bisherigen Strukturen sollen dabei zwar gestärkt werden, aber unangetastet bleiben.

Soll heißen: Neben der Frauen-Nationalmannschaft verbleibt auch die Frauen-Bundesliga unter dem DFB-Dach. Hier hatte DFL-Chef Christian Seifert auf einer Podiumsdiskussion Gedankenspiele öffentlich gemacht, vielleicht mal auch die höchste Frauen-Spielklasse zu vermarkten - dieser Plan ist nach Widerstand aus dem DFB vom Tisch.

Attraktive Länderspiele sollen helfen

Wie aber kann die Sichtbarkeit gefördert werden? Voss-Tecklenburg ist immer noch der Meinung, dass die am besten über attraktive Länderspiele geschieht, die im Frauenfußball immer noch das größte Publikum locken – vor allem zu den großen Turnieren.

Voss-Tecklenburg: "Froh, dass wir überhaupt spielen dürfen" Sportschau 09.02.2021 00:30 Min. Verfügbar bis 09.02.2022 Das Erste

Dumm nur, dass die DFB-Frauen nach dem Aus im WM-Viertelfinale 2019 gegen Schweden (1:2) auch die Olympischen Spiele verpassen. Sofern Tokio die Spiele austrägt, ist Deutschland als Titelverteidiger nicht dabei. "Jetzt machen wir das Beste draus", sagt die Bundestrainerin, die schon darüber nachgedacht hat, "dass ein turnierfreies Jahr auch etwas Positives sind kann."

Schließlich gehe es danach Schlag auf Schlag: EM 2022 in England, WM 2023 in Australien und Neuseeland (wofür im zweiten Halbjahr 2021 die Qualifikation beginnt), vielleicht dann Olympische Spiele 2024 und EM 2025 und die Bewerbung um die WM 2027. Das alles ist lang hin.

Frauen-Bundesligisten schreiben negative Ergebnisse

Bis ins Jahr 2027 reichen auch die Planungen, die ein Kernteam Frauen-Bundesliga beim Verband unter Leitung der früheren Nationalspielerin und Nationalmannschaftsmanagerin Doris Fitschen ausarbeitet. Da geht es darum, die höchste Frauen-Spielklasse bei TV-Präsenz, Marketing, Zuschauergewinnung und Beliebtheit fit für die Herausforderungen zu machen.

Vor allem durch die Konkurrenz der englischen Women’s Super League (WSL), die wirtschaftlich auf jeden Fall die attraktivste Frauen-Liga der Welt ist. Sonst wären nicht US-Idol Alex Morgan und andere US-Weltmeisterinnen dorthin gewechselt.

Giulia Gwinn (l) und Nicole Billa im Zweikampf

Duell aus der Bundesliga: Giulia Gwinn (l) und Nicole Billa

Auch in der Frauen-Bundesliga ist einiges an Geld im Umlauf, nachdem das Geheimnis um Etat und Gehälter erstmals im Saisonreport 2019/2020 gelüftet wurde. Dabei sind - trotz der Pandemie - die Erträge pro Klub im Schnitt auf 1,1 Millionen Euro gestiegen.

Im Schnitt kletterten aber auch die Gesamtaufwendungen in der Corona-Krise auf die Rekordhöhe von 2,1 Millionen. Macht ein kräftiges negatives Ergebnis von 922.000 Euro pro Verein, das aber nicht beunruhigen muss. Denn die defizitären Zahlen entstehen nicht in Frauenfußballvereinen wie Turbine Potsdam oder SGS Essen, sondern bei den Abteilungen unter dem Dach eines großen Lizenzvereins.

Gehälter sind auf Rekordniveau

Also beim VfL Wolfsburg, FC Bayern, bei der TSG Hoffenheim, bei Bayer Leverkusen, dem SC Freiburg und Werder Bremen, neuerdings auch bei Eintracht Frankfurt. Dessen Sportdirektor Siegfried Dietrich, gleichzeitig Sprecher der Frauen-Bundesligen, sagt: "Die Minusergebnisse sind keine rote Zahlen, sondern eine harte Währung: nämlich gut angelegtes Geld in den größten Wachstumsmarkt des Fußballs." Strippenzieher Dietrich wünscht sich, dass der "Vorhang für die Frauen noch weiter aufgeht."

Siegfried Dietrich, Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen.

Bundesliga-Sprecher Siegfried Dietrich

Besonders viel lassen sich die beiden Champions-League-Teilnehmer, der Doublesieger VfL Wolfsburg und der in dieser Saison von Sieg zu Sieg eilende FC Bayern, das Investment kosten: Hier werden auch schon fünfstellige Monatsgehälter für deutsche Topspielerinnen gezahlt.

Allerdings ist das Gefälle erstaunlich groß, wie Dietrich betont. Im Schnitt geben die zwölf Frauen-Bundesligisten 1,19 Millionen Euro an Gehältern aus, das sind 56 Prozent vom Gesamtaufwand, der Anteil ist deutlich größer als in der Männer-Bundesliga. Vorerst ist die Unterhaltung eines Frauen-Bundesligisten bei den großen Marken also ein Zuschussgeschäft.

Lizenzvereine sollen Frauenteams aufbauen

Insofern will die DFL vorerst nur diskutieren, ob die statuarische Verpflichtung festgeschrieben werden soll, dass jeder Lizenzverein eine Frauen- und Mädchenfußballabteilung unterhalten muss. Borussia Dortmund will sein Frauenteam erst ab Sommer behutsam aufbauen, der VfB Stuttgart schlägt sich mit einer Petition zweier elfjährigen Mädchen herum, die den Verein ermuntern wollen, hier aktiv zu werden.

Manuel Hartmann, DFB-Abteilungsleiter Spielbetrieb Ligen und Wettbewerbe, kann das allerdings nur empfehlen, "denn in einigen Jahren werden sich die Klubs ärgern, weil sie das Doppelte investieren müssen".

Stand: 11.02.2021, 13:00

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