Frauenfußball erlebt in Köln spektakuläres Finale

Wolfsburg gewinnt dramatisches Finale gegen Essen Sportschau 04.07.2020 05:20 Min. Verfügbar bis 04.07.2021 Das Erste

DFB-Pokal der Frauen

Frauenfußball erlebt in Köln spektakuläres Finale

Von Frank Hellmann (Köln)

Der tapfere Außenseiter SGS Essen trägt seinen Teil dazu bei, dass Köln das beste DFB-Pokalfinale der Frauen seit der Eigenständigkeit erlebt. Letztlich sichert sich der VfL Wolfsburg erst im Elfmeterschießen seinen sechsten Cup-Triumph in Folge. Die Analyse.

Es war der gefühlt größte Abstand, den Marina Hegering nicht nur aus Sicherheitsgründen in Corona-Zeiten hielt. Luftlinie fast 80 Meter weit weg feierten, auf der Hintertor-Tribüne des verwaisten Kölner Stadions, die Seriensiegerinnen des VfL Wolfsburg im Konfettiregen ihren sechsten Erfolg im DFB-Pokalfinale der Frauen, als sich die Kapitänin der SGS Essen rücklings auf den Rasen legte. Um nichts zu sehen und wenig zu hören.

Die alles überragende Abwehrchefin der Sportgemeinschaft aus dem Essener Stadtteil Schönebeck, die nur allzu gerne ihre Abschiedsvorstellung mit einem Titel gekrönt hätte, wollte von den Feierlichkeiten möglichst wenig mitbekommen, nachdem die Lautsprecher mal wieder die VfL-Vereinshymne ausspuckten. Der 30-Jährigen hatten die Tränen in den  Augen gestanden, als Lena Goeßling die Wolfsburgerinnen Spielerinnen durch das Spalier der mit Masken geschützten Essenerinnen führte.

Lena Oberdorf: "Das war das anstrengendste Spiel der Saison"

Sportschau 04.07.2020 01:46 Min. Verfügbar bis 04.07.2021 ARD

"Wir haben sehr, sehr viel Herz gezeigt. Es steht nicht der verdiente Sieger auf dem Podest", sagte die Nationalspielerin enttäuscht am ARD-Mikrofon. Später in der Video-Pressekonferenz räumte sie ein, dass der Doublegewinner aus der Autostadt, dessen Entourage T-Shirts mit der Aufschrift "Titel am Fließband" trug, das Endspiel nicht unverdient mit 4:2 nach Elfmeterschießen gewonnen hatte, nachdem es nach regulärer Spielzeit 3:3 (1:2) gestanden hatte.

Pure Leidenschaft, positive Energie

Pure Leidenschaft, positive Energie habe man in den 120 Minuten gezeigt, aber "Leidenschaft allein gewinnt kein Endspiel", sagte Hegering. Was die zum FC Bayern wechselnde Akteurin aber für sich bei ihrer letzten Vorstellung im SGS-Dress mitnehmen konnte: zum besten und spannendsten Endspiel beigetragen zu haben, das seit der Eigenständigkeit 2010 zur Aufführung kam.

Klar, dass auch Essens Trainer Markus Högner sich im Zwiespalt der Gefühle befand. "Wir waren sehr nahe. Der Titel wäre die Krönung gewesen. Es überwiegt der Stolz." Der 53-Jährige glaubt sogar, für die Zukunft im deutschen Frauenfußball ein mutiges Signal geliefert zu haben, "um diesen übermächtigen Gegner zu knacken." Um die Leistung der SGS zu würdigen, reichen zwei Fakten: Wolfsburg hatte seine bislang letzte Niederlage am 27. März 2019 kassiert – im Champions-League-Viertelfinale gegen das Weltklasseteam von Olympique Lyon. Und die letzte Niederlage im DFB-Pokal datiert sogar vom 16. November 2013 gegen den 1. FFC Frankfurt.

Pernille Harder schiebt locker ein

Als Alexandra Popp den dritten Wolfsburger Elfmeter vergeben hatte, schien Essen sogar im Vorteil, doch dann scheiterten nacheinander die später bitterlich weinende Kapitänin Irini Ioannidou und Nina Brüggemann an VfL-Torhüterin Friederike Abt ("ich habe einfach auf mein Gefühl gehört"), sodass schlussendlich Torjägerin Pernille Harder den finalen Strafstoß ganz lässig über die Linie schob. "Im Elfmeterschießen ist immer ein bisschen Glück dabei. Wir haben ein sehr packendes Spiel gesehen", sagte VfL-Trainer Stephan Lerch.

"Da war das Frauen-Finale selbst im Vergleich zum Männer-Finale richtig spannend. Köln hat noch kein besseres Finale erlebt. Da war alles drin, was den Frauenfußball attraktiv macht. Ich habe großen Respekt vor dem Essener Auftritt, die sich mit dieser Leistung auch für vier konsequente Aufbaujahre  mit der Entwicklung toller Persönlichkeiten belohnt haben", sagte Siegfried Dietrich als Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen gegenüber sportschau.de.

Perfekter Matchplan von Markus Högner

Auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, häufig bei Bundesligaspielen in Essen vor Ort, überhäufte den geschlagenen Finalisten mit Lob. Doppelt schade, dass den Schlagabtausch im Stadtteil Müngersdorf keine Zuschauer vor Ort verfolgen konnten. Ein halbes Dutzend Tore, krachende Pfostenschüsse, vergebene Großchancen und hohe Spannung prägten diese unterhaltsame Auseinandersetzung, die alle Zutaten fürs Pokaldrama besaß. Nahezu perfekt ging der Matchplan von SGS-Trainer Högner auf, der eine Halbserie (2018/2019) als Co-Trainer seines Gegenübers Lerch arbeitete.

"Wir haben die nötige Kompaktheit, die richtigen Abstände gehabt und haben ein gutes individualtaktisches Verhalten gezeigt", analysierte Högner gegenüber sportschau.de. In die Karten spielte naturgemäß das Blitztor, das die wie Hegering zum FC Bayern wechselnde Nationalstürmerin Lea Schüller bereits nach zwölf Sekunden nach einem langen Ball erzielte (1. Minute). Auch wenn Harder nach feiner Vorarbeit der unermüdlich über die rechte Flanke ankurbelnden Anja Blässe ausglich (11.), jubelte der Außenseiter erneut: Hegerings lehrbuchmäßiger Kopfball zum 2:1 (18.) unterstrich auch die Ambitionen eines Klubs, der vier aktuelle deutsche Nationalspielerinnen in diesem Sommer verliert.

Schwierige Rolle für Lena Oberdorf

Am meisten Mühe, ihre Rolle zu finden, hatte dabei die von Högner als Weltklassetalent bezeichnete und jetzt zum Branchenprimus Wolfsburg wechselnde Lena Oberdorf. Es sprach für Oberdorfs Spielintelligenz, dass die 18-Jährige mit fortschreitender Spieldauer immer häufiger für Stabilität sorgte. Mit hoher Laufarbeit stellte Essen die Passwege zu, ließ mehr als eine Stunde erstaunlich wenig Chancen für den Meister zu und konterte über die schnelle Schüller wiederholt gefährlich. Logisch, dass Anführerin Alexandra Popp ihre Mitspielerinnen zwischenzeitlich ermahnte: "Wir müssen gedanklich schneller sein."

Trotzdem ließ sich der VfL auch in der zweiten Halbzeit immer wieder überrumpeln. Jana Feldkamp, deren Schuss vom Innenpfosten ins Feld zurücksprang (59.), hatte sogar das 3:1 auf dem Fuß. Spätestens zu diesem Zeitpunkt schnupperten "die Besten im Westen", wie sich die SGS Essen im Frauenbereich ohne Übertreibung nennen darf, an der Sensation. Nachdem Anja Blässe per Aufsetzer aus der Distanz zum 2:2 traf (70.) und Dominique Bloodworth per Kopfball-Aufsetzer gar das 3:2 anbrachte (86.), schien der VfL spät auf die Siegerstraße einzubiegen, doch schaffte die eingewechselte Ioannidou noch das 3:3, weil Wolfsburgs Torhüterin Abt bei dem Freistoß falsch spekulierte (90.+1).

Neue Rolle für Dominique Bloodworth

Dass der VfL über weite Strecken das dominierende Team war, lag an der interessanten Besetzung der niederländischen Nationalspielerin Bloodworth auf der linken Außenbahn, womit Wolfsburg häufig über eine Dreierkette aufbaute und vermehrt über die linke Seite die besten Angriffe vortrug. Der Pfosten verhinderte bei einem Schuss der zu spät eingewechselten Claudia Neto (113.) eine Vorentscheidung für die Niedersachsen, die aus dem Elfmeterschießen nicht unverdient als Sieger hervorgingen.

Auch wenn die Feierlichkeiten irgendwie über den halben Platz verteilt mit gebremstem Schaum abliefen, sorgte der dramatische Endspielverlauf doch dafür, dass die Freude nicht gekünstelt wirkte. "Ich kann versichern, dass Titel bei uns keine Gewohnheit werden", erklärte Lerch. "Uns wird auf keinen Fall langweilig." Trainerteam und Spielerinnen tragen sich am Sonntag im Wolfsburger Rathaus mal wieder ins Goldene Buch ein.

nch | Stand: 04.07.2020, 22:25

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