Fußballerinnen des FC Bayern im Angriffsmodus

Münchens Lina Magull (2. v. l.) hat Wolfsburgs Defensivspielerin Lena Goeßling (2. v. r.) vor sich

Start der Frauen-Bundesliga

Fußballerinnen des FC Bayern im Angriffsmodus

Von Frank Hellmann

Seit vier Jahren hat der VfL Wolfsburg alle nationalen Titel im deutschen Frauenfußball abgeräumt. Vor der am Wochenende beginnenden Saison der Frauen-Bundesliga erhöhen sich aber die Meisterschaftschancen des FC Bayern. Dafür gibt es viele Gründe.

Das Säbelrasseln von der Säbener Straße hat Ralf Kellermann selbstredend vernommen. Dass der FC Bayern seine Frauen auffordert, sich nicht mehr mit Platz zwei zufriedenzugeben, sondern endlich wieder die Meisterschaft in der Frauen-Bundesliga gewinnen will, überrascht den Sportdirektor des VfL Wolfsburg erst einmal nicht.

Die FCB-Fußballerinnen wären doch auch die vergangenen Jahre "komplett auf Augenhöhe" gewesen, erklärte der Macher vom Mittellandkanal am Mittwoch (02.09.2020) in der digitalen Pressekonferenz auf Nachfrage der Sportschau. Wenn sich jetzt die "hohen Herren" aus München mit öffentlichen Statements positionieren, so Kellermann, "kann das der Liga nur gut tun." Vier Mal in Folge hat der VfL Wolfsburg im Frauenfußball das Double gewonnen, vier Jahre hintereinander alle nationalen Titel abgeräumt. Am Freitag (19.15 Uhr) eröffnen die "Wölfinnen" mit dem Heimspiel gegen die SGS Essen die neue Saison, der FC Bayern spielt am Sonntag (14 Uhr) gegen den SC Sand.

Ewiger Zweiter ist nicht der Anspruch des FC Bayern

"Wir wollen Meister werden und in der Champions League eine Rolle spielen", betonte Bayern-Präsident Herbert Hainer bereits vor Wochen. In der gesamten AG herrsche Konsens, "dass wir unsere Anstrengungen für die Frauen verstärken". Trainer Jens Scheuer folgte artig der offensiven Sprachregelung: "Natürlich wollen wir Wolfsburg überholen - das ist unsere Vision. Wir wollen deutscher Meister werden. Und das lieber heute als morgen."

Am 7. Juni feierte die Frauen-Abteilung beim FC Bayern ihr 50. Jubiläum, drei Meisterschaften (1976, 2015, 2016) sprangen bislang heraus. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ist nun überzeugt, "dass die besten Zeiten gerade erst beginnen."

Wolfsburger Fußballerinnen - in diesem Jahr angreifbar?

Sportschau 03.09.2020 01:51 Min. Verfügbar bis 03.09.2021 ARD Von Tabea Kunze

Daher wird auch bei den FCB-Frauen nicht mehr gekleckert, sondern geklotzt: Mit den deutschen Nationalspielerinnen Klara Bühl (SC Freiburg), Lea Schüller und Marina Hegering (SGS Essen), der Schwedin Hanna Glas (Paris Saint-Germain), der Französin Vivianne Asseyi (Bordeaux) oder der Österreicherin Sarah Zadrazil (Turbine Potsdam) ist der Kader für den Großangriff aufgepeppt worden.

Wechsel von Pernille Harder unabwendbar

Wolfsburg und Bayern haben sich im Sommer im Gleichschritt wieder mit den besten deutschen Nationalspielerinnen verstärkt. Beide Klubs schweigen sich zwar beharrlich aus, was ihnen die Förderung der Frauen-Abteilung wert ist, doch dass die beiden Champions-League-Vertreter auch finanziell in einer anderen Liga spielen, versteht sich von selbst. "Wir wollen es diese Saison besser machen. Wolfsburg hat eine unglaubliche hohe Konstanz, aber wir wollen diese starke Serie unterbrechen", sagt Bayern-Torhüterin Laura Benkarth. Der Titel sei ständig Thema in der Kabine, verriet die 28-Jährige, die am Mittwoch auch deshalb optimistisch klang, weil der Rivale aus der Autostadt gerade mit Pernille Harder seine Toptorjägerin ziehen lassen musste.

Der Wechsel der 27-Jährigen, zu Deutschlands Fußballerin des Jahres gewählt, ein Jahr vor Vertragsablauf für die kolportierte Rekordablöse von 350.000 Euro zum FC Chelsea, wo auch ihre Lebensgefährtin Magdalena Eriksson spielt, sei unabwendbar gewesen, erklärte Kellermann: "Ein herber Verlust, sportlich nicht zu ersetzen. Wir hatten keine Chance, sie hier zu halten". Der 51-Jährige sieht in dem Weggang der dänischen Weltklassestürmerin einen Beleg, "wo die Reise hingeht." Topspielerinnen zieht es verstärkt ins Ausland. Speziell die englischen Klubs legen ein gewaltiges Tempo an den Tag - und für den Frauenfußball bislang unbekannte Summen auf den Tisch.

Unsicherheit bei den Zuschauern

Immerhin: Die höchste deutsche Spielklasse konnte mit der Saisonfortsetzung in der Corona-Krise als einzige Frauen-Liga in Europa im internationalen Vergleich punkten. Auch bei der Vermarktung und TV-Präsenz tut sich was: Die Reichweite und die Sendedauer hätten sich in der vergangenen Saison sogar verdreifacht, führte der für den Spielbetrieb zuständige DFB-Abteilungsleiter Manuel Hartmann aus. Übertragungen in der ARD-Sportschau am Samstag oder Sonntag helfen.

Viele Konzepte und Pläne, die 50 Jahre nach der Aufhebung des Frauenfußballverbots durch den DFB bereits fertig in der Schublade lagen, konnten wegen der Pandemie nicht umgesetzt werden. Nun sollen schrittweise auch die Zuschauer zurückkommen, doch das hängt von den behördlichen Verfügungslagen vor Ort ab. Es zeichnet sich an Flickenteppich ab.

"Die Vereine suchen an jedem Standort nach individuellen Lösungen", sagte Hartmann: "Wenn wir positive Erfahrungen machen und die Pandemie-Entwicklung es zulässt, kann es auch stückweise Ausweitungen geben." Der VfL Wolfsburg plant für sein Eröffnungsspiel gegen Essen am Freitagabend mit 500 Zuschauern, wobei Kellermann klarstellte, dass der Aufwand für die Umsetzung des Hygienekonzepts höher ist als die Erlöse durch Ticketeinnahmen. Diese machen bei den Etats der zwölf Frauen-Bundesligisten im Schnitt ohnehin nur knapp zehn Prozent aus. Eintracht Frankfurt gewährt am Sonntag (14 Uhr) für sein Heimspiel gegen Werder Bremen gemäß den Vorgaben nur 250 Besuchern Einlass.

Interessantes Konstrukt bei Eintracht Frankfurt

Das Frankfurter Konstrukt ist nach der Fusion mit dem Rekordmeister 1. FFC Frankfurt hochspannend, der Zusammenschluss war von langer Hand vorbereitet. "Für uns ist das eine große Chance, den Standort Frankfurt erfolgreich zu repräsentieren", betont Sportdirektor Siegfried Dietrich, der zugleich als Generalbevollmächtigter der Eintracht Frankfurt Fußball AG fungiert, um seine Kontakte zu Politik, Wirtschaft und Medien zu nutzen. Der Strippenzieher möchte auch "unternehmerisch etwas aufbauen". Ziel müsse sein, "in drei, vier Jahren, mit dem Frauenfußball Geld zu verdienen".

Was die sportliche Zielsetzung angeht, gibt sich Dietrich trotz der Verpflichtungen von Nationaltorhüterin Merle Frohms (SC Freiburg) oder Torjägerin Lara Prasnikar (Turbine Potsdam) eher demütig. Den dritten Rang, der neuerdings zur Qualifikation an der Champions League berechtigt, weil ab 2020/2021 eine Gruppenphase eingeführt wird, werde nach seiner Ansicht "heiß umkämpft" sein. Der Dritte TSG Hoffenheim hat kaum Veränderungen vorgenommen, Turbine Potsdam kooperiert mit den Männern von Hertha BSC. Und vielleicht schielen auch der SC Freiburg oder die SGS Essen, die in den vergangenen Jahren den meisten Nachschub fürs Nationalteam geliefert haben, insgeheim nach oben.

Aufstockung der Liga im Gespräch

Essens Trainer Markus Högner erwartet ein "Hauen und Stechen" um den dritten Rang, aber ob der Stadtteilverein aus Essen-Schönebeck da mitmischen kann, erscheint fraglich. Die Abgänge von Lena Oberdorf (Wolfsburg), Schüller und Hegering sowie Turid Knaak (Atletico Madrid) seien eine "Riesen-Herausforderung", erläutert Högner. Immerhin sollte Essen im Gegensatz zu den Aufsteigern Werder Bremen und vor allem SV Meppen nichts mit dem Abstieg zu tun haben.

"Wir haben Zugriff auf die talentierten Spielerinnen im Westen, die wir auf die nächste Stufe bringen", sagt Högner, der seinen Ausbildungsstandort gerne als "gallisches Dorf" beschreibt, "das auch die nächsten Jahre in der Frauen-Bundesliga bleibt". Was die Perspektiven erhöhen könnte: Dietrich denkt in seiner Funktion als Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen offen über eine Aufstockung der Liga auf 14, 16 oder sogar 18 Vereine nach: "Das ist mittel- und langfristig auf jeden Fall eine Überlegung, wenn noch mehr Lizenzvereine in den Frauenfußball drängen."

Vor 30 Jahren: Start der Frauen-Bundesliga Sportschau 02.09.2020 01:17 Min. Verfügbar bis 02.09.2021 Das Erste

Stand: 03.09.2020, 08:00

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