DFB-Pokal: Essen will Wolfsburger Dominanz brechen

Popp: "Es wird trotzdem ein Erlebnis sein" Sportschau 03.07.2020 02:10 Min. Verfügbar bis 03.07.2021 Das Erste

Wolfsburg gegen Essen

DFB-Pokal: Essen will Wolfsburger Dominanz brechen

Von Frank Hellmann

Nur in Deutschland werden im Frauenfußball der Meister und Pokalsieger auf dem Rasen ermittelt. Deshalb steht das DFB-Pokalendspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und SGS Essen unter einem besonderen Stern.

Der eigentlich mal für das diesjährige DFB-Pokalfinale der Frauen erdachte Slogan war griffig gewählt. "20.000 für 2020" hatte es geheißen, was eine passende Zielvorgabe der Zuschauerzahl sein sollte. 20.000 beim alljährlichen Festakt und Familienfest des deutschen Frauenfußballs ins Kölner Stadion zu locken, wäre eine realistische Erwartungshaltung gewesen, denn zuletzt hatte der Zuspruch meist knapp darunter gelegen.

So wie nun die Endspielkonstellation lautet – VfL Wolfsburg gegen SGS Essen, der Topverein aus der Autostadt gegen einen der besten Ausbildungsvereine aus dem Ruhrgebiet (Samstag 16.45 Uhr/ARD) – hätte der Wunsch sogar Wirklichkeit werden können. Normalerweise. In der Corona-Krise sind Spiele mit Zuschauern auch im Frauenfußball bislang nicht möglich.

DFB-Vizepräsidentin erinnert ans bekannte Ambiente

So ist der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als Ausrichter froh, dass dieses Endspiel überhaupt zur Austragung kommt. Hannelore Ratzeburg, die langjährige DFB-Vizepräsidentin, beschreibt in ihrem Editorial zum Programmheft – das diesmal nur als E-Paper erhältlich ist – sehr treffend, wie sich das Ambiente verändern werde.

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"Normalweise begrüße ich Sie an dieser Stelle in dem Wissen, dass Sie gerade die Stadiontore passiert haben. … Wahrscheinlich haben Sie mit ihrer Familie zu diesem Zeitpunkt schon einige Stunden auf dem Familienfest auf den Vorwiesen verbracht, sich die zahlreichen Mädchenfußball-Turniere angeschaut, an den Mitmachständen und der Musikbühne verweilt. ... All das ist in diesem Jahr anders."

Wichtiges Zeichen 50 Jahre nach Aufhebung des Verbots

Tatsächlich wird der Vorlauf weitgehend geräusch- und kontaktlos sein, weil nur mit den wenigen zutrittsberechtigten Personen stattfinden. Ohne die sonst angenehme Fröhlichkeit und Freundlichkeit, die dem Frauenfußball ein Alleinstellungsmerkmal gibt. Dass trotzdem ein Ereignis zustandekommt, auf das der DFB mächtig stolz ist, ergibt sich aus dem internationalen Vergleich: Keine anderen der führenden Nationen in Europa haben den professionellen Frauen-Spielbetrieb ins Laufen gebracht.

Auch England, wo mit der nächsten Frauen-EM enorme Anstrengungen unternommen werden, hatte die Women's Super League in der Pandemie beizeiten abgebrochen. Deutschland setzte hingegen bewusst ein Zeichen für Gleichberechtigung. Das von DFL und DFB gemeinsam ausgetüftelte Hygienekonzept hatte von Beginn an die Frauen-Bundesliga mit berücksichtigt.

50 Jahre nach der Aufhebung des Frauenfußball-Verbots war gerade Präsident Fritz Keller dieses Signal der Wertschätzung wichtig. Für ihn war immer klar, dass beide DFB-Pokal-Endspiele zur Austragung kommen sollten: Seit 1980 gibt es den Wettbewerb für die Frauen, seit 2010 findet das Finale nicht mehr als Vorprogramm der Männer in Berlin, sondern in der Eigenständigkeit in Köln statt. Der DFB hat mit der Stadt kürzlich den Vertrag um drei weitere Jahre verlängert.

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Lob vom sportlichen Leiter Kellermann

Deshalb war es auch Ralf Kellermann, Sportdirektor des VfL Wolfsburg so wichtig, dass gespielt wird. "Wir sind die einzige Topliga im Frauenfußball, die ihre Liga-Saison zu Ende spielen konnte. Damit haben wir uns international viel Anerkennung erarbeitet", sagte Kellermann im DW-Interview. "Wir hoffen, dass wir dadurch den Anschluss, den wir zeitweise zu Frankreich, England und Spanien verloren hatten, wiederherstellen können."

Seine Kapitänin Alexandra Popp glaubt sogar dass sich diese Saison "irgendwie in den Geschichtsbüchern wiederfinden wird". Ihr Solo-Singsang im leeren Stadion auf dem VfL-Gelände nach der gewonnenen Meisterschaft war auf jeden Fall auch ein besonderer Akt. Sportlich spricht viel dafür, dass sich die "Wölfinnen" erneut den Cup sichern – es wäre das vierte Double in Folge, der sechste Pokalsieg hintereinander, der siebte der Vereinsgeschichte. Und doch würde der ungewöhnliche Rahmen diesen Sieg auf andere Weise unvergesslich machen. Bitter ist auf VfL-Seite, dass die langjährige Antreiberin Sara Gunnarsdottir nicht mitspielen darf: Die isländische Mittelfeldspielerin wechselt zu Olympique Lyon, die Franzosen verweigerten die Zustimmung für eine Vertragsverlängerung um wenige Tage über den 30. Juni hinaus. Gleichwohl ist der Kader beim VfL breit genug, um diesen Verlust aufzufangen.

Außenseiter gibt sich keinen Illusionen hin

Markus Högner, seit vergangenen Sommer wieder Trainer bei der Sportgemeinschaft Essen-Schönebeck und zuvor Co-Trainer beim VfL Wolfsburg unter Stephan Lerch, gibt sich keinen Illusionen hin: "In zehn Spielen gewinnen wir gegen Wolfsburg vielleicht eines." Die Dominanz in der Frauen-Bundesliga war erdrückend: Mit 20 Siegen bei nur zwei Unentschieden sicherte sich der VfL die Meisterschaft. Das Torverhältnis betrug 93:8. Kellermann beobachtete, dass sich die Gegner meist wie im Handball verhalten: hinten mit einer Fünferkette, davor eine Viererkette und vorne nur eine Stürmerin.

Immerhin: Högner will im Pokalfinale keinen Mauerfußball betreiben, sondern sich irgendwie selbst Chancen erarbeiten, denn: "Wir treten an, um zu gewinnen." Gleich vier deutsche Nationalspielerinnen bestreiten für den Bundesliga-Fünften ihr letztes Spiel: Lena Oberdorf (VfL Wolfsburg), Lea Schüller, Marina Hegering (FC Bayern) und Turid Knaak (Ziel unbekannt) nehmen neue Herausforderungen an, sind aber noch einmal spielberechtigt. Für den Essener Coach, der schon zwischen 2010 und 2016 in der Verantwortung stand, ist es Normalität, dass ein Ausbildungsstandort seine besten Kräfte irgendwann verliert. Zu einem Titel hat es daher nicht gereicht: 2014 verlor die SGS unter Högners Regie das Pokalfinale klar gegen den 1. FFC Frankfurt (0:3).

Fernziel ist für den VfL die Women’s Champions League

Sollte der VfL Wolfsburg sich auch die zweite nationale Trophäe sichern, dann wartet noch eine weitere Aufgabe: Der Gewinn der Women’s Champions League ist das erklärte Ziel am Mittellandkanal. Problem: Die Corona-Krise hat auch den Terminplan der weiblichen Königsklasse durcheinandergebracht, die nun in Turnierform im August im spanischen Bilbao und San Sebastian ausgespielt werden soll. Trainer Stephan Lerch wird den Spielerinnen erst einen kurzen Urlaub gewähren. "Damit wir da vor allem mit einem freien Kopf an die Sache herangehen können", sagte Popp der "Wolfsburger Allgemeinen Zeitung", wohl wissend, "dass es durchaus eine Herausforderung ist, die mentale Spannung zu halten."

Kellermann war übrigens "hundertprozentig überzeugt, dass wir mit unserer starken Mannschaft im normalen Modus ins Finale kommen und eine richtig gute Chance haben würden, den Pokal auch zu gewinnen." Jetzt hänge in einem Spiel vieles an der Tagesform. Zudem fällt das Turnier im Grunde in die Saisonvorbereitung. Im Viertelfinale tritt der deutsche Meister am 21. August auf Glasgow City, im Halbfinale wäre vier Tage später der Gewinner des spanischen Duells Atletico Madrid/ FC Barcelona der nächste Gegner. Das Finale ist für den 30. August angesetzt. Die Abgänge stehen dem VfL im kommenden Monat nicht mehr zur Verfügung. Erlaubt die UEFA den Einsatz von Neuzugängen, könnte Lena Oberdorf womöglich schon für den Klub auflaufen, gegen den das 18-jährige Ausnahmetalent der SGS Essen am Samstag im DFB-Pokalfinale antritt.

Stand: 02.07.2020, 19:15

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