DFB-Frauen zwischen Aufarbeitung und Aufbruch

Martina Voss-Tecklenburg

Frauenfußball

DFB-Frauen zwischen Aufarbeitung und Aufbruch

Von Frank Hellmann

Für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft beginnt eine neue Zeitrechnung. Vor dem Start der EM-Qualifikation gegen Montenegro in Kassel (Samstag 12.30 Uhr/live im Ersten und im Stream) stellt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg intern ihre WM-Analyse zur Diskussion.

Es kann nicht schaden, noch ein bisschen die Werbetrommel zu rühren. Die deutschen Fußballerinnen machen teilweise selbst über ihre Social-Media-Kanäle auf den Auftakt der EM-Qualifikation gegen Montenegro aufmerksam, denn für den Neustart wünscht sich die Frauen-Nationalmannschaft in Kassel eine ordentliche Kulisse.

Zudem ist ein öffentliches Training im Auestadion am Mittwoch (28.08.2019, 16.30 Uhr) geplant, in dessen Anschluss die Akteurinnen für Autogramme und Selfies zur Verfügung stehen, wie es heißt.

4.800 Tickets bisher verkauft

So leere Ränge wie beim nach der Insolvenz 2017 bis in die Hessenliga abgerutschten KSV Hessen Kassel wird es allerdings nicht geben: Während der ehemalige Zweitligist sein jüngstes Heimspiel gegen Eintracht Stadtallendorf vor 1.950 Besuchern bestritt, hat der DFB für das erste Frauen-Länderspiel der neuen Saison nach Informationen von sportschau.de bereits 4.800 Karten verkauft. Insgesamt gehen 8.348 Sitzplätze in den Verkauf.

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Der Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung ist der eine Handlungsstrang. Der zweite dreht sich um die Aufarbeitung und Analyse der Geschehnisse bei der Frauen-WM in Frankreich, wo Deutschland gegen Schweden im Viertelfinale eine bittere Niederlage (1:2) kassierte. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg präsentierte vergangene Woche bei einer Medienrunde in Frankfurt ihre Ergebnisse. Dabei ging die 51-Jährige weniger auf die personellen Experimente des Trainerstabs, sondern eher auf die grundsätzlichen Defizite ihrer Mannschaft ein.

Es braucht mehr Widerstandskraft

"Wir haben es nicht zu 100 Prozent geschafft, eine stabile Achse im Team herzustellen. Wir brauchen eine größere Widerstandskraft in allen Bereichen." Dazu wolle sie Haltungsfragen stellen. Für den Dienstag (28.08.2019) war die interne Aufarbeitung angesagt, zu der auch die verletzten Spielerinnen Marina Hegering (SGS Essen) und Melanie Leupolz (FC Bayern) anreisten. Nur die an der Schulter operierte Almuth Schult (VfL Wolfsburg), der noch eine langwierige Reha bevorsteht, fehlte absprachegemäß. Schult sprach wiederholt von "Mentalitätsproblemen" in der Mannschaft.

Was bringen Fusionen zwischen Frauen- und Männerteams im Fußball? Mittagsmagazin 27.08.2019 03:00 Min. Verfügbar bis 27.08.2020 Das Erste

Solche Versäumnisse sprach auch Kapitänin Alexandra Popp im Interview mit dem "Kicker" an: "Manchmal hat uns auch die deutsche Mentalität gefehlt, nämlich sich reinzuhauen, wenn es nicht so läuft." Damit lag die 102-fache Nationalspielerin, die in Kassel für ihr 100. Länderspiel ausgezeichnet wird, auf einer Linie mit ihrer Trainerin, die sich für die Zukunft "mehr Mut und Festigkeit" wünscht.

Prinzip der offenen Türen hat nicht funktioniert

Interessant: Das vom Trainerteam eingeforderte Prinzip der offenen Türen hat "nur bedingt funktioniert“, sagte Voss-Tecklenburg, "wir haben feststellen müssen, dass manche Spielerin nicht so weit war." Popp äußerte sich ähnlich: "Einige waren nicht so weit, dass sie sich das zugetraut haben. Ich bin früher auch nicht einfach zu Silvia Neid gelaufen und habe gefragt, warum ich nicht spiele."

Grund zur Schwarzmalerei sieht Voss-Tecklenburg aber nicht, zumal sie beim Weltmeister USA nicht fußballerische Vorzüge ausmachte, sondern vor allem mentale Vorteile. "Es wäre cool, wenn wir auch so ein Selbstverständnis entwickeln, dass jede Spielerin auf den Platz geht und von sich so überzeugt ist und sagt: ‚Ich kann das, ich mach das, ich schaff das – gebt mir den Ball!‘ Aber da sind wir noch nicht.“

Die EM-Qualifikation ist ein Selbstläufer

Diese Stärke kann kaum in sportlich nur bedingt aussagekräftigen Partien wie gegen Montenegro gefördert werden, auch wenn die Partien mit dem Stempel der EM-Qualifikation versehen sind. Deshalb will Voss-Tecklenburg noch mehr hochkarätige Testspiele wie am 9. November in England abmachen, wo im Wembleystadion schon 55.000 Tickets verkauft sind.

Auch die Teilnahme am Algarve-Cup, dem die DFB-Auswahl zuletzt ferngeblieben war, soll bei diesem Reifeprozess helfen. Voss-Tecklenburg kann selbst in Ruhe weiterarbeiten, weil in der EM-Qualifikationsgruppe mit den Gegnern Ukraine, wo das erste Auswärtsspiel am 3. September in Lwiw stattfindet, Griechenland und Irland keine hohen Hürden warten. Spätestens bei der EM 2021 in England sollten die Fortschritte aber sichtbar werden.

Voss-Tecklenburg über Vorzüge des Weltmeisters USA Sportschau 11.07.2019 01:26 Min. Verfügbar bis 11.07.2020 Das Erste

Namhafte Protagonisten aus der Frauen-Bundesliga werteten das Abschneiden „als Alarmzeichen“ – auch wenn nicht jeder Verantwortungsträger sich öffentlich äußerte. Matthias Rudolph, Trainer bei Turbine Potsdam, sagte: "Wir bilden eine Nationalspielerin nach der anderen aus. Die Bundesliga ist auf höchstem Niveau. Von der WM hätten wir uns im spielerischen Bereich alle mehr erwartet."

Bierhoff urteilt milde

Ausgerechnet der für die Nationalmannschaften zuständige Direktor Oliver Bierhoff hatte jedoch  ein erstaunlich mildes Urteil über den Status quo gefällt. Genau wie die U21 der Männer hätte die Frauen-Nationalmannschaft, behauptete Bierhoff, in diesem Sommer "mit einem sympathischen, authentischen Auftreten sowie mit Frische und Leidenschaft viel Freude bereitet." Dabei hatten nur die Männer mit dem Finaleinzug bei der U21-EM die Qualifikation für die Olympischen Spiele geschafft, während es den Frauen als Olympiasiegerinnen nicht gelang, unter die besten drei europäischen Teams vorzudringen, und sie folglich nicht nach Tokio fliegen.

Bierhoff aber konstatierte: "Martina Voss-Tecklenburg und ihr Team sollen den Mut haben, ihren Weg konsequent fortzusetzen und die richtigen Schlüsse aus der EM-Analyse zu ziehen. Die Mannschaft wird an dem Turnier wachsen und sich weiterentwickeln."

Stand: 27.08.2019, 13:14

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