Frauen-Bundesliga: Noch kreist kein Pleitegeier

Barbara Reger (L) im Zweikampf mit Turbine Potsdams Sarah Zadrazil

Frauen-Bundesliga: Noch kreist kein Pleitegeier

Von Frank Hellmann

Selbst wenn die Saison komplett abgebrochen werden sollte, sind die Vereine der Frauen-Bundesliga nicht gleich von der Insolvenz bedroht. Denn die Abhängigkeit von Zuschauereinnahmen ist vergleichsweise gering. Über einen Gehaltsverzicht zu reden, halten die Manager für lächerlich.

Normalerweise herrscht auf dem Gelände des Olympiastützpunktes Potsdam rege Betriebsamkeit. Auf dem Trainingsareal haben auch die Fußballerinnen von Turbine Potsdam ihre Heimat, die sich das großflächige Gelände mit zahlreichen anderen Leistungssportlern aus dem Rudern, Handball, aus der Leichtathletik oder Schwimmen teilen.

Von den Rasenplätzen des Sportcampus ist es nicht weit in die Potsdamer Sportschule Friedrich-Ludwig-Jahn, die 2006 vom Deutschen Fußball-Bund als erste Schule Deutschlands mit dem Gütesiegel "Eliteschule des Mädchenfußballs" ausgezeichnet wurde. Zahlreiche Nationalspielerinnen haben von diesem eingespielten Ausbildungssystem profitiert.

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Turbine Potsdam bietet ausschließlich Frauen- und Mädchenfußball an

Jetzt herrscht eine fast schon gespenstische Stille, die auch Turbine-Präsident Rolf Kutzmutz gar nicht kennt. "Unsere Sportstätten sind generell bis 19. April gesperrt. Wann es mit dem Sport und den Schulen weitergeht, steht in den Sternen", sagt der ehemalige Bundestagsabgeordnete im Gespräch mit der Sportschau. Für den 72-Jährigen ist es eine eigenartige Situation: Er selbst kümmert sich um seine Mutter im Pflegeheim und weiß, welch tückische Gefahr von dem Coronavirus für ältere Menschen ausgeht.

Gleichzeitig tut es ihm auch in der Seele weh, wenn die Jüngeren keinen Sport treiben können. Turbine Potsdam ist ein Verein mit 650 Mitgliedern, der ausschließlich Frauen- und Mädchenfußball anbietet. 14 Mannschaften von den Minis bis zur Frauen-Bundesliga sind in Brandenburg Sammelbecken für kommende und aktuelle Nationalspielerinnen wie die zuletzt bei den DFB-Frauen beim Algarve-Cup aktive Johanna Elsig. Auch die 27-Jährige hält sich zu Hause mit einem individuellen Programm fit. Und auch dafür ist jetzt Zeit: Auf ihrem Instagram-Profil bewirbt sie bei einem Spaziergang die Outdoor-Bekleidung ihres Ausrüsters.

Der Ausschuss Frauen-Bundesliga will "vernünftige Szenarien"

Doch viel mehr Aktivität ist im Freien nicht erlaubt. Offiziell gilt für die Frauen-Bundesliga eine Spielpause bis zum 19. April. "Wir hängen an den Entscheidungen von DFB und DFL für die Männer-Bundesliga", glaubt Kutzmutz. "Was für die Profivereine beschlossen wird, könnte auch für uns gelten." Für die Männer-Bundesliga wird vom DFL-Präsidium nun eine Spielpause bis mindestens Ende April empfohlen. Ob das auch für die Frauen-Bundesliga gilt, kann Siegfried Dietrich, der Vorsitzende des Ausschusses Frauen-Bundesligen, bei aktuellem Stand nicht sagen.

"Es ist jetzt angesagt, mit Blick auf die Gesundheit und die behördlichen Verordnungen von Moment zu Moment zu denken, sich nicht mit ständigen Spekulationen selbst zu überfordern und vernünftige Szenarien zu entwickeln, die dann zum richtigen Moment greifen können", teilt der 62-Jährige mit. Der Ausschuss Frauen-Bundesligen werde spätestens Anfang nächster Woche in einer weiteren Telefonkonferenz über die nächsten Schritte und Szenarien entsprechend der dann herrschenden Gesamtlage beraten. Sicher ist, dass das ursprüngliche Saisonende am 17. Mai nicht gehalten werden kann.

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Zuschauereinnahmen sind vernachlässigbare Größe

Die vergleichsweise geringe Abhängigkeit von Eintrittsgeldern ist leicht erklärt: Der Schnitt liegt nach den 16 Spieltagen in der Frauen-Bundesliga bei knapp 900. Für Turbine Potsdam, wo durchschnittlich bislang 1.300 Besucher pro Heimspiel ins Karl-Liebknecht-Stadion kamen, rechnet Kutzmutz konkret vor, dass damit in der Regel allein die laufenden Kosten gedeckt sind. Wichtiger sei die Präsenz der Sponsoren für die Stadion- und Fernsehzuschauer.

Ähnlich wie Rekordmeister 1. FFC Frankfurt kalkuliert auch der sechsfache Meister Turbine Potsdam mit einem Jahresetat von rund 1,5 Millionen Euro. Die wichtigste Säule tragen treue Sponsoren und langjährige Partner bei, dazu zählen viele kleine Unternehmen und mittelständische Betriebe der Region. Die 17 Jahre mit Turbine als wichtiger Sponsor verbundene Bank DKB hatte schon vor geraumer Zeit das Aus zum Saisonende verkündet.

Gehaltsverzicht bei den meisten kaum möglich

"Problematisch wäre es, wenn unsere Partner in solch wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, dass sie sich das Engagement bei uns nach dem Sommer nicht leisten können. Solche Einschnitte hätten nicht absehbare Folgen", warnt Kutzmutz. Er erklärt auch, warum ein Gehaltsverzicht bei seinem Klub erst gar nicht diskutiert werden müsse: "Wenn unsere Spieler auf Gehalt verzichten, verzichten sie auf den Lebensunterhalt. Außer einer symbolischen Geste würde das gar nichts bringen", sagt Kutzmutz. Denn: "Bei den Gehältern liegen wir weit unter dem, was Wolfsburg oder Bayern zahlen."

Die norwegische Nationalspielerin Ingrid Engen vom VfL Wolfsburg bat ihren Verein, zehn Prozent ihres Gehalts zu spenden, "um Menschen zu helfen, die in diesen Tagen wirklich finanzielle Unterstützungen benötigen". Doch ihr Vorpreschen kann kaum eine Blaupause für das Gros der Erstliga-Spielerinnen sein. Dietrich, der mit dem 1. FFC Frankfurt im Sommer unter das Dach von Eintracht Frankfurt schlüpft, um mittelfristig wieder um Titel zu spielen, will über einen Gehaltsverzicht nicht mal diskutieren: "Die Spielerinnen sind die Hauptakteurinnen, die jeden Cent verdienen und auch für den Lebensunterhalt brauchen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Turbine Potsdam empfiehlt Priorität für den DFB-Pokal

Auch die für Vereine, Verbände und Ligen zuständige DFB-Direktorin Heike Ullrich kennt die Sorgen und Nöte der zwölf Frauen-Bundesligisten sehr genau, von denen die Hälfte bei einem Männer-Lizenzverein angesiedelt ist. Klubs wie Bayer Leverkusen, 1. FC Köln oder SC Freiburg, erst recht die TSG Hoffenheim, Vizemeister Bayern München und Abonnementmeister VfL Wolfsburg, beide auch noch im Champions-League-Viertelfinale vertreten, werden in diesen schwierigen Zeiten ihre Frauensparte nicht fallen lassen. Zu groß wäre die allgemeine Empörung ob eines fatalen gesellschaftlichen Signals.

"Zusammen mit den Vereinen überlegen wir gemeinsam, wie der Spielbetrieb weitergehen kann", heißt es von Ullrich. Im Nachhinein ist für diese Krisensituation der erst beim jüngsten DFB-Bundestag installierte Ausschuss Frauen-Bundesligen noch wichtiger geworden. Eigentlich wurde von den Klubvertretern auch Kutzmutz gewählt, "bis man mir gesagt hat, aus Altersgründen könnte ich nicht in das Gremium."

Eine Meinung hat Potsdams Präsident trotzdem: "Die Gesundheit hat immer Priorität. Notfalls müssen wir den Beispielen aus der Deutschen Eishockey Liga und Volleyball-Bundesliga folgen und die Saison abbrechen." Sollte noch ein Minimalprogramm im Sommer möglich sein, würde er übrigens die Priorität auf den DFB-Pokal legen, um das Highlight des Pokalfinales in Köln zu erhalten. Das für den 30. Mai geplante Event wurde bereits unter dem Motto "20.000 in 2020" beworben, um eine ansprechende Kulisse zu locken. Nun erscheint bestenfalls ein Endspiel vor verwaisten Kölner Rängen denkbar.

Stand: 25.03.2020, 12:00

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