Frauen-Bundesliga bald unter DFL-Dach?

Frauen-Bundesliga: Spielszene im Topspiel FC Bayern gegen VfL Wolfsburg

Strukturveränderung im deutschen Fußball

Frauen-Bundesliga bald unter DFL-Dach?

Von Frank Hellmann

Noch ist der gesamte Frauenfußball beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) verankert. Doch nun hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) selbst laut darüber nachgedacht, sich auch um die Frauen-Bundesliga zu kümmern. Nicht jeder im DFB findet das gut.

Kürzlich erst haben die wichtigsten Männer vom FC Bayern dem Frauenfußball ihre Aufwartung gemacht: Herbert Hainer und Uli Hoeneß haben es sich nicht nehmen lassen, das Gipfeltreffen der Frauen-Bundesliga auf dem Münchner Campus zu verfolgen.

Präsident und Ehrenpräsident wurden nicht nur Augenzeugen, wie der FC Bayern mit einem überzeugenden 4:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg vor knapp zwei Wochen (15.11.2020) die Vorboten einer Wachablösung aussendete, sondern das Gespann überzeugte sich vor Ort auch von den Fortschritten des Frauenfußballs.

Frauen-Bundesliga braucht einen Schub

Hainer und Hoeneß sind einmütig überzeugt davon, dass der FC Bayern nicht den Anschluss verpassen darf. Denn dieser Turniersommer hat allen wieder die Diskrepanz vor Augen geführt: Während Olympique Lyon für die FCB-Frauen in der Champions League unbezwingbar schien, räumten die FCB-Männer denselben Gegner in der Königsklasse locker aus dem Weg. Die Frauen-Bundesliga benötigt also dringend einen Schub. Und deshalb ist höchst interessant, dass die Deutsche Fußball Liga einer Aufnahme der Frauen-Bundesliga offener gegenübersteht als lange gedacht.

Bayern schlagen Serienmeister Wolfsburg Sportschau 15.11.2020 04:31 Min. Verfügbar bis 15.11.2021 Das Erste

Als "sehr interessanten Markt" hatte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert bei einem Wirtschaftsgipfel der "Süddeutschen Zeitung" zuletzt die Frauen-Bundesliga bezeichnet. Seifert glaubt, dass es "mittelfristig sinnvoll sein könnte, darüber nachzudenken, dass eine Organisation wie die DFL sich um die ersten Ligen einer Sportart kümmert, also auch um den Frauenfußball". Das sind ganz neue Töne des 2022 scheidenden Ligabosses, der das Thema nicht ohne Grund anspricht.

DFL könnte das Image aufpolieren

Vor der Corona-Krise war nie davon die Rede gewesen, doch die Bundesliga spürt, dass sie ihr Bekenntnis zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung auch mit Leben füllen muss. Und warum nicht dem englischen Vorbild nachahmen? Dort werden die Lizenzvereine verpflichtet, Frauen und Männer unter einem Dach professionell zu fördern, wofür ein Bruchteil der im Männerbereich notwendigen Beträge schon ausreicht. Mit der Aufnahme der Frauen-Bundesliga würde die DFL zwar keinen monetären Gewinn erzielen, aber an Image gewinnen. Das ist der strategische Ansatz.

Seifert rennt beim Vorsitzenden des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen, Siegfried Dietrich, offene Türen ein. "Das ist ein außerordentlich spannendes und erfreuliches Signal. Mit mittlerweile acht Frauen-Klubs aus DFL-Lizenzvereinen kann der Frauen-Bundesliga nichts Besseres passieren, als dass eine enge und strategische Zusammenarbeit mit der DFL Realität würde", sagt  der Generalbevollmächtigte der Eintracht Frankfurt Fußball AG.

Dietrich begrüßt die Absetzbewegungen

Der 63-Jährige vertieft gegenüber sportschau.de die Argumente, die dafür sprechen, mittel- und langfristig unter das DFL-Dach zu wandern. Es sei auf jeden Fall sinnvoll, darüber nachzudenken, "nicht zuletzt auch, weil der Frauenfußball in Zukunft auch aus gesellschaftlichen Gründen eine interessante und wichtige Rolle im Gesamtfußball haben wird".

Und er will dabei auch gar nicht den Deutschen Fußball-Bund (DFB), der bislang die Gesamtverantwortung für den Frauen- und Mädchenfußball trägt, an den Pranger stellen. Der DFB garantiert über die zentrale Vermarktung allen zwölf Frauen-Bundesligisten einen Betrag knapp über 300.000 Euro, "damit sind wir gut aufgestellt", weiß Dietrich.

Vergrößerung der Liga wird ein Thema

Reizvoller findet er jedoch schon, sich eine neue Zuständigkeit zu suchen, nur formuliert er es eben diplomatisch: "Um die Frauen-Bundesliga langfristig mit Blick auf die Zukunftschancen etablieren und positionieren zu können, sollten sich der DFB und die Vereine über alle möglichen Szenarien und Modelle austauschen." Denn lukrativer wäre es allemal, von den gewaltigen Erlösen für den Profifußball der Männer etwas abzubekommen.

Man müsse offen sein für neue Ideen und brauche mehr öffentliche Wahrnehmung und regelmäßige Sichtbarkeit, insistiert der ebenso umtriebige wie geschäftstüchtige Sportdirektor der Eintracht-Frauen, der bis Sommer als  Manager und Investor die Geschicke des deutschen Rekordmeisters 1. FFC Frankfurt lenkte, ehe der reine Frauenfußballverein unter das Dach von Eintracht Frankfurt schlüpfte, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Auch RB Leipzig und Borussia Dortmund sollen mitmachen

Den Frankfurter Vordenker würde eine "enge und strategische Zusammenarbeit mit der DFL" immens reizen. "Nicht zuletzt muss man vor allem in Sachen Vermarktung und Medienpräsenz, aber auch zum Thema Liga-Vergrößerung auf 14 oder 16 Vereine, völlig neue Ziele anstreben und erreichen." Selbst eine 18er-Liga sei keine Utopie mehr.

Ihm schwebt eine Frauen-Bundesliga vor, in der auch Vereine wie Werder Bremen, der 1. FC Köln, demnächst auch RB Leipzig, vielleicht der VfB Stuttgart und irgendwann auch Borussia Dortmund neue Chancen durch die gemeinsame Strahlkraft von Männer- und Frauenfußball erkennen. Insofern seien die Signale aus der DFL-Führung "enorm wichtig". Es gelte für die Frauen-Bundesliga "als früherer Vorreiter der europäischen Ligen wieder aufzuholen und als Marke für Fans und Sponsoren interessanter zu werden."

DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg hegt Bedenken

DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg reagierte am Freitag (27.11.2020) aber nicht ganz so euphorisch. "Es ist ein positives Signal, dass in der DFL erkannt wird, dass im Frauenfußball viel Potenzial liegt: Immer mehr Lizenzvereine nehmen ihre gesellschaftspolitischen Aufgaben wahr und setzen sich konstruktiv mit dem Frauenfußball auseinander. Dies entspricht auch vielfach den Wünschen der Fans."

Doch im Frauenfußball sei eine ganzheitliche Betrachtung erforderlich, um die gesamte Entwicklung vom Profisport bis in die Amateurspielklassen zu gewährleisten. Ihre Bedenken brachte die 69-Jährige in einer Stellungnahme gegenüber sportschau.de zum Ausdruck: "Daher ist die Ausgliederung eines einzelnen Wettbewerbs kritisch zu betrachten. In einem ersten Schritt sollte offen diskutiert werden, wie DFB und DFL gemeinsam den Frauenfußball, auch im Spitzenbereich, weiterentwickeln und stärken können."

England wird zur großen Konkurrenz

Dietrich geht es auch darum, die Abwanderung der besten Nationalspielerinnen ins europäische Ausland zu verhindern. Aus dem aktuellen Kader der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, der am Dienstag zum Abschluss der EM-Qualifikation in Dublin gegen Irland antritt, stehen mit Ann-Katrin Berger (FC Chelsea), Leonie Maier (FC Arsenal), Sara Däbritz (Paris St. Germain), Turid Knaak (Atletico Madrid), Melanie Leupolz (FC Chelsea), Dzenifer Marozsan (Olympique Lyon) bereits ein halbes Dutzend im Ausland beschäftigte Akteurinnen.

Die Tendenz dürfte sich noch verstärken, wie einflussreiche Spielerberater berichten. Gerade England wird zum Sehnsuchtsort der Weltstars. Die namhaftesten Marken der Womens Super League (WSL) von Manchester City, Manchester United, den Tottenham Hotspur oder den Chelsea Ladies locken die besten Spielerinnen aus allen Erdteilen an – und mittlerweile sogar US-Weltmeisterinnen wie Christen Press, Tobin Heath oder Superstar Alex Morgan für ein Kurzzeit-Engagement nach Europa.

Deshalb ist sich Dietrich letztlich sicher, wohin in Deutschland die Reise gehen muss: "Profi-Frauenfußball unter dem Dach der DFL-Lizenzvereine wird wegen der professionellen Strukturen, der Strahlkraft der Namen, aber auch der wirtschaftlichen Voraussetzungen das Modell der Zukunft sein!" Und dann wäre es irgendwie sogar logisch, wenn auch gleich die ganze Liga unter die DFL-Obhut wandert.

Stand: 27.11.2020, 14:00

Darstellung: