Frauen sollen raus aus der Senke

Shekiera Martinez vom FFC Frankfurt bejubelt ihr Tor mit ihrer Team-Kollegin im Spiel gegen Turbine Potsdam

Start der Frauen-Bundesliga

Frauen sollen raus aus der Senke

Von Frank Hellmann

Am Freitag startet die Frauen-Bundesliga in ihre 30. Saison. Das Eröffnungsspiel zwischen den Altmeistern 1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam ist allerdings kein Wegweiser für die Zukunft. Die Lizenzvereine der Männer sollen die Frauen dauerhaft nach vorne bringen.

Gewöhnlich reicht die kleine Vereinsgaststätte im Stadion am Brentanobad im Frankfurter Stadtteil Rödelheim völlig aus, um die wichtigen Gäste bei Heimspielen des 1. FFC Frankfurt in der Frauen-Bundesliga zu verköstigen und zu unterhalten. Die ehemaligen Bundestrainerinnen Silvia Neid und Steffi Jones gingen hier schon ein und aus, DFB-Präsidenten wie Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach oder Reinhard Grindel genossen gerne die Vorzüge des liebevoll zubereiteten Buffets.

Nun würde die Wartezeit wohl mehr als eine Halbzeitpause dauern, wenn nicht für die vielen geladenen Gäste extra ein VIP-Zelt errichtet würde. Mit dem Klassiker des deutschen Frauenfußballs zwischen dem 1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam (Freitag 18.30 Uhr) wird die 30. Saison eröffnet. Seit Gründung der Frauen-Bundesliga war nur der Rekordmeister aus der Mainmetropole dabei und bekommt deshalb bei der Eröffnung sogar den Vorzug vor dem Doublegewinner VfL Wolfsburg.

FFC-Manager Dietrich wird neuen Ausschuss führen

Die Ansetzung des Duells der Altmeister kann jedoch auch als Verbeugung vor dem langgedienten Manager Siegfried Dietrich gewertet werden, der demnächst ganz offiziell in den Rang des mächtigsten Strippenziehers im deutschen Frauenfußball erhoben wird. Die Vereine haben den 62-Jährigen vorgeschlagen, das Amt als Vorsitzenden des neuen Ausschusses Frauen-Bundesligen anzuvertrauen, wenn dieser beim kommenden DFB-Bundestag am 27. September in Frankfurt eingeführt wird.

"Der Frauenfußball geht national sowie international in ein neues Zeitalter und die Frauen-Bundesliga will sich in der Spitze, aber auch in der Breite mit neuer Strahlkraft und Wettbewerbsfähigkeit positionieren", sagt Dietrich. Der PR-Profi, der früher Eiskunstlaufgalas von Katharina Witt promotete, weiß, dass es mächtig viel zu tun gibt, wo der internationale Bedeutungsverlust durch das Viertelfinalaus der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei der WM in Frankreich manifestiert ist. "So wie es vor sich hingeplätschert ist, war es nicht der massive Weg nach vorne", sagte der FFC-Macher am Montag auf der Eröffnungspressekonferenz in der DFB-Zentrale: "Wir wollen aus der Senke herauskommen - was die Nationalmannschaften und die Bundesliga angeht. Wir brauchen Gesichter und Persönlichkeiten."

ARD-Sportschau zeigt Ausschnitte am Samstag

Für die zuständige DFB-Direktorin Heike Ullrich geht es darum, "die Wahrnehmung zu erhöhen." Viele, viele Jahre sei es nur um sportliche Entwicklungsschritte gegangen, nun wird das Publikumsinteresse zum Gradmesser. Insofern begrüßt Ullrich, dass die ARD-Sportschau am kommenden Samstag (17.08.2019) eine Zusammenfassung der Partie SC Freiburg  gegen FC Bayern ins Programm nimmt. Geplant ist, dass Frauenfußball zu einem regelmäßigen  Bestandteil der Sportschau am Samstag wird. Mit dem DFB wird gerade noch final darüber verhandelt, wie oft von ausgewählten Spitzenspielen in Zukunft Ausschnitte gezeigt werden, teilt Sportschau-Chef Steffen Simon mit. Dann wäre die beliebte Sendung keine Männerdomäne mehr.

Frauen-Bundesliga, Siegfried Dietrich

Protagonisten der Frauen-Bundesliga: Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, Heike Ullrich, DFB-Direktorin, Almuth Schult, Torhüterin des VfL Wolfsburg, Markus Högner, Trainer der SGS Essen und Birgit Bauer, Managerin des SC Freiburg

Das Duell des Pokalfinalisten Freiburg gegen den Vizemeister Bayern am ersten Spieltag der Frauen-Bundesliga (Samstag 13 Uhr) hat deshalb besonderen Reiz, weil regelmäßig die besten Spielerinnen nach München gegangen sind. In diesem Sommer wechselte mit Giulia Gwinn die beste WM-Nachwuchsspielerin nach München, mit ihr zog es auch Trainer Jens Scheuer aus dem Breisgau zu den Bayern-Frauen, die Freiburgs Managerin Birgit Bauer süffisant als "meine Lieblingsmannschaft" bezeichnet.

Aderlass beim FC Bayern

Im Gegenzug hatte der Halbfinalist der Women's Champions League auch einen erheblichen Aderlass zu verkraften. Neben der zur Paris St. Germain wechselnden deutschen Nationalspielerin Sara Däbritz zog es mit Leonie Maier, Manuela Zinsberger und Jill Roord ein namhaftes Triumvirat zu den Arsenal Ladies.

Die Women's Super League (WSL) will sich mit aller Macht als stärkste Liga der Welt positionieren, der Verband FA steht auch wegen der Ausrichtung der Frauen-WM 2021 voll hinter dem Projekt und die Investmentbank Barclays, die früher die Premier League unterstützte, spendiert mal eben zehn Millionen Pfund (11,6 Millionen Euro) für die nächsten drei Jahre.

Dietrich: "Stärkste Liga Europas"

"Wir beobachten die Entwicklung in England sehr genau. Neu ist dort das Bekenntnis aller Stakeholder für den Frauenfußball", erklärt Ullrich, bittet aber um eine differenzierte Betrachtung. Nicht alles Geld fließe auf der Insel an die Vereine, in Spanien und Italien sei es zuletzt um einzelne Events gegangen, um mit großen Zuschauerzahlen den Frauenfußball in den Fokus zu rücken. Dietrich sieht keinen Grund zur Panikmache: "Wir haben sicherlich die stärkste Liga in Europa, auch wenn überall viel Geld ins Spiel gebracht wird." Der Macher verweist auf den "ordentlichen sechsstelligen Betrag" - die Rede ist von rund 250.000 Euro - die der DFB seinen zwölf Frauen-Bundesligisten über die zentrale Vermarktung garantiert: Das sei "europaweit als Benchmark" zu begreifen.

DFB-Direktorin Ullrich: "Können das Engagement der Männer-Lizenzvereine nicht verpflichtend machen"

Sportschau 13.08.2019 02:19 Min. Verfügbar bis 13.08.2020 ARD

Dietrich ist auch deshalb recht entspannt, weil er nächste Saison, wenn der 1. FFC Frankfurt unter das Dach von Eintracht Frankfurt schlüpft, zusätzlich als Generalbevollmächtigter der Fußball AG für den Frauenfußball mit mehr finanziellen Mitteln ausgestattet sein wird. Das aktuelle Budget von 1,5 Millionen Euro reicht für einen Mittelplatz. Mehr aber nicht. "Wir müssen sehen, dass wir die Geister, die wir riefen, wieder einfangen."

Marken aus dem Männerfußball

Gefordert sieht er die Lizenzvereine aus dem Männerfußball. Wenn sich der FC Arsenal und FC Chelsea, der FC Barcelona und neuerdings Manchester United, Juventus Turin oder Real Madrid aus gesellschaftspolitischer Verantwortung für den Frauenfußball bekennen, dürfte Deutschland sich nicht verweigern. Dietrich glaubt: "In zehn Jahren werden aller Männer-Bundesligisten auch den Frauenfußball betreiben. Fußball unter einem Dach wird die Zukunft sein."

Bisher verweigern sich diesem Anspruch ausgerechnet zwei Leuchttürme wie Borussia Dortmund oder Schalke 04. Ullrich hält jedoch nichts davon, diesen Vereinen eine Verpflichtung vorzugeben. "Es macht nur Sinn, wenn eine strategische Ausrichtung dahinter steht und richtig gelebt wird." Bloß als ungeliebtes Anhängsel alibimäßig im Klub mitzulaufen - wie es bei den sang- und klanglos mit einem Punkt abgestiegenen Fußballerinnen von Borussia Mönchengladbach passierte - bringt niemand weiter. Im Gegenteil.

Almuth Schult ist noch da

Ohnehin ist Achtsamkeit angebracht, dass der Status quo erhalten bleibt. Denn die Liga verliert vermehrt Spielerinnen aus der Breite. Wie Frankfurts Kapitänin Marith Prießen (zu FC Paris), Potsdams Stürmerin Lena Petermann oder Torhüterhoffnung Lisa Schmitz (beide HSC Montpellier). Wolfsburgs Nationaltorhüterin Almuth Schult, derzeit nach einer komplizierten Schulteroperation außer Gefecht, empfiehlt, die Entwicklung abwarten.

"Vielleicht findet die eine oder andere es doch nicht so toll im Ausland. Ich bin auf jeden Fall noch da." Sie wäre übrigens  schon froh wäre, wenn sie noch in diesem Jahr in der Frauen-Bundesliga zum Einsatz käme. Rückblickend hat die 28-Jährige für die WM-Teilnahme ihre Gesundheit riskiert. Als Ersatz hat der VfL Wolfsburg die schwedische Nationaltorhüterin Hedvig Lindahl verpflichtet, die als eine der wenigen prägenden WM-Gesichter nach Deutschland gewechselt ist.

Frauenfußball-Bundesliga startet in dreißigste Saison

Sportschau 13.08.2019 02:28 Min. Verfügbar bis 13.08.2020 ARD

Stand: 13.08.2019, 11:28

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