WM-Analyse - Voss-Tecklenburg schneller als Löw

Schnelle Lehren aus der WM gezogen: Martina Voss-Tecklenburg

Frauenfußball

WM-Analyse - Voss-Tecklenburg schneller als Löw

Von Frank Hellmann

Die offizielle Aufarbeitung der Fußball-WM steht bei Martina Voss-Tecklenburg noch aus, dennoch hat die Bundestrainerin bereits einen klaren Blick auf die Versäumnisse. Gefordert ist jetzt auch die Frauen-Bundesliga. Eine Analyse.

Wenn ein Turnier nicht so lief wie gewünscht, pflegte Joachim Löw in den vergangenen Jahren selbst für enge Gefolgsleute wochenlang auf Tauchstation zu gehen. Der Bundestrainer nahm sich das Recht heraus, eine Aufarbeitung in aller Ruhe anzustellen. Besonders krass wirkte die Zeitspanne nach dem WM-Desaster 2018.

Vom WM-Vorrundenaus der Männer-Nationalmannschaft (27.06.2018) bis zur Vorstellung der WM-Analyse (29.08.2018) vergingen mehr als zwei Monate. Bei der Frauen-Nationalmannschaft und Martina Voss-Tecklenburg geht das nach der WM 2019  deutlich schneller.

Nach dem WM-Viertelfinalaus (29.06.2019) hat es keine zwei Wochen gedauert, bis die 51-Jährige bei einer Veranstaltung eines Kooperationspartners zur künstlichen Intelligenz bereits eine umfassende Aufarbeitung vornahm.

Erkenntnisse zur Widerstandsfähigkeit

Für die meisten Spielerinnen sei noch Urlaub angesagt, und sie werde vor Beginn der Saison in der Frauen-Bundesliga (16.08.2019) und dem EM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro (31.08.2019) auch noch Urlaub machen, verriet Voss-Tecklenburg, aber sie habe schon erste Erkenntnisse herausgefiltert: "Wir wissen wie Spielerinnen mit unterschiedlichen Situationen umgehen können oder nicht umgehen können."

Damit deutete die Bundestrainerin auf ein Kernproblem hin, das Torhüterin Almuth Schult intern angesprochen hatte: das Mentalitätsproblem. Die fehlende Widerstandsfähigkeit im deutschen Team, das bei der EM 2017 im Viertelfinale gegen Dänemark (1:2) mit dem ersten Gegentor genauso einbrach wie bei der WM 2019 gegen Schweden (1:2). Wie ein Kartenhaus beim ersten Windzug.

Voss-Tecklenburg: "Die anderen Nationen machen einen richtig guten Job" Sportschau 11.07.2019 01:18 Min. Verfügbar bis 11.07.2020 Das Erste

Mentale Stärke der USA "unfassbar"

Voss-Tecklenburg hat herausgestellt, dass die USA nicht Weltmeister geworden seien, weil sie fußballerisch über allen gestanden hätten, sondern: "Die USA hat tatsächlich nochmal gezeigt, dass der athletische und physische Fußball gepaart mit mentaler Stärke das richtige Ergebnis gebracht hat. Sie haben immer auf ein Hindernis reagieren können. Man hatte immer das Gefühl, die glauben an sich." Die mentale Stärke sei "unfassbar" gewesen.

Die deutsche Nationalmannschaft wird ihren eigenen Weg finden müssen. Von den deutschen Spielerinnen wird niemand verlangen können, sportliche Glanztaten mit gesellschaftlichen Statements und politischen Botschaften zu verknüpfen, aber ein bisschen mehr Selbstbewusstsein darf es schon sein. Dzsenifer Marozsan, auch Lina Magull bringen spielerisch sogar mehr mit als die meisten US-Girls, aber die Überzeugung fehlt (noch). Giulia Gwinn, beste junge WM-Spielerin und Lena Oberdorf müssen ihr Talent noch in einen Reifeprozess überführen.

Voss-Tecklenburg über Vorzüge des Weltmeisters USA Sportschau 11.07.2019 01:26 Min. Verfügbar bis 11.07.2020 Das Erste

International geht es voran

Mit dem DFB hat Voss-Tecklenburg verabredet,  Mitte August die sportliche Analyse im Trainerteam anzustellen. Erster Ansprechpartner der Bundestrainerin ist dabei der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou. "Man hat gemerkt, dass der Frauenfußball sich extrem entwickelt hat", sagt der. Wenige deutliche Resultate, zunehmende Athletik, höhere Handlungsschnelligkeit sind Auffälligkeiten.

Wie weit die DFB-Frauen von den Trends abgekoppelt sind, darüber dürfte diskutiert werden. Chatzialexiou sagte zuletzt der "Frankfurter Rundschau": "Wir gehören nicht mehr zu den Allerbesten, das müssen wir uns so eingestehen - unser Vorsprung aus der Vergangenheit hat sich in einen Rückstand gewandelt. Wir wollen mit den Frauen zurück zur Weltspitze, das ist unser Anspruch."

Schwarzmalerei fehl am Platze

Voss-Tecklenburg hat den Rückstand als nicht so gravierend bezeichnet: "Ich wehre mich dagegen, etwas verschlafen zu haben." Vielmehr möchte sie betonen, "dass die anderen Nationen einen richtig guten Job gemacht haben, die Deutschland lange als Vorbild angesehen haben." Die USA seien wegen der Strukturen - dort werden die Spielerinnen vom Verband bezahlt und verpflichtend auf die Vereine verteilt - nicht kopierbar, aber man müsse schauen, "was passiert in England, in Spanien, was ist in Frankreich passiert." Die Vereine müssten "die Augen offen halten und wir alle versuchen, in die gleiche Richtung zu rudern".

Allein der Blick auf die wichtigsten Transfers im Frauenfußball zeigt, dass die Women’s Super League (WSL) in England auf dem Weg ist, die Deutungshoheit auf Vereinsebene zu übernehmen. Der Verband (FA) und die namhaften Premier-League-Vereine spielen dabei Doppelpass. "Die Engländer haben uns überholt durch die finanzielle Power der Premier-League-Klubs der Männer. Sie haben uns als ihre Vorbilder angesehen und mal ein paar Jahre richtig ernst gemacht", sagte Siegfried Dietrich, Sprecher aus der Kommission Frauen-Bundesliga der "FAZ".

Vereine müssen konkurrenzfähig bleiben

Auf höchster DFB-Funktionärsebene wird erwogen, ob es eine Art Masterplan braucht, bei dem Verband und Vereine gemeinsame Strategien gegen den Bedeutungsverlust erarbeiten. Erste Gespräche in dieser Richtung hat es Anfang der Woche bei der Managertagung der Frauen-Bundesliga gegeben.

Eröffnen die neue Saison der Frauen-Bundesliga: Der 1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam

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Mit dem Eröffnungsspiel 1. FFC Frankfurt gegen Turbine Potsdam (16.08.2019) startet die Bundesliga. Dabei geht es auch um die internationale Konkurrenzfähigkeit. Nur der FC Bayern München stand im Halbfinale der Women’s Champions League und schied gegen den FC Barcelona aus. Die Zeiten, dass deutsche Vereine ein Dauerabo auf die Endspielteilnahme besitzen, sind vorbei. Als bisher letzter deutscher Klub gewann der 1. FFC Frankfurt 2015 die weibliche Königsklasse.

Solch ein Erfolg werde sich für einen reinen Frauenfußballverein nie mehr wiederholen, sagt Dietrich. Im Sommer 2020 soll er zum Generalbevollmächtigen für den Frauenfußball der Eintracht Frankfurt Fußball AG aufsteigen, wenn der 1. FFC Frankfurt sein Spielrecht überschreibt. Unabdingbar, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und ein Vorbild für mehr Gemeinsamkeit im deutschen Fußball.

Borussia Dortmund und FC Schalke 04 machen nicht mit

Doch das Engagement für einen Männer-Bundesligisten verpflichtend zu machen, dafür gibt es wenig Zustimmung. "Der langfristigen Entwicklung des Frauenfußballs hilft es nicht, wenn er nur als ‚Anhängsel‘ des Lizenzfußballs - ohne strategische Ausrichtung und ohne klare Positionierung innerhalb des Vereins - wahrgenommen wird", sagt DFB-Direktorin Heike Ullrich der "Sportbild". Renommierte Klubs wie Borussia Dortmund oder FC Schalke 04 unterhalten gar kein Frauen-Team - und haben es für die Zukunft auch nicht vor.

Was eine Nationalspielerin wie die für den FC Bayern München spielende Magull bedauert: "Es gibt so viel Potenzial im Ruhrpott und in Dortmund. Da könnte man mit dem BVB wirklich etwas bewegen." Immerhin hat Voss-Tecklenburg jetzt die  Dortmunder Heimstätte aufgesucht, um die Frauen-WM aufzuarbeiten. Könnte ja auch eine Art Anfang sein.

Stand: 11.07.2019, 14:05

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