Seriensieger VfL Wolfsburg - Spannung muss sein

Almuth Schult (r.) jubelt mit Wolfsburg über den Pokalsieg 2021

DFB-Pokalfinale der Frauen

Seriensieger VfL Wolfsburg - Spannung muss sein

Von Frank Hellmann (Köln)

Selbst eine Rote Karte gegen Torhüterin Almuth Schult hielt den VfL Wolfsburg nicht vom Titelsammeln ab. Dass es sogar in Unterzahl zum DFB-Pokalsieg gegen Eintracht Frankfurt reichte, spricht auch für eine besondere Mentalität.

Die letzten Momente eines dramatischen DFB-Pokalfinales verbrachte Almuth Schult auf Socken auf den Steinstufen der Haupttribüne im Kölner Stadion. Da stand sie nun zwischen all den roten Polstersesseln, ohne Schuhe und Handschuhe, als nach einem dramatischen Endspiel gegen Eintracht Frankfurt der Schlusspfiff ertönte.

Der 1:0-Endspielsieg gegen den tapferen Außenseiter Eintracht Frankfurt durch das späte Tor der Torjägerin Ewa Pajor (118. Minute) sorgte bei der Torfrau der Niedersachen für ein Gefühlschaos. Schult sagte, sie sei "voller Dankbarkeit – genau dafür macht man Mannschaftssport. Es war eine doofe Situation."

Die Sekunden nach dem Platzverweis: Frust bei Almuth Schult

Die Sekunden nach dem Platzverweis: Frust bei Almuth Schult

Was sie meinte, war natürlich jene Szene nach 96 Minuten, die aus Schult an diesem Abend beinahe eine tragische Figur gemacht hätte. Nach einem langen Ball hatte Schult kurz mit dem Herauslaufen gezögert, dann die Frankfurter Stürmerin Lara Prasnikar über den Haufen gerannt - und dafür Rot gesehen. Es war der erste Platzverweis ihrer Karriere. Schult, die sich nach Baby- und Verletzungspause gerade wieder einen Stammplatz erkämpft hatte, konnte bei ihrem Abgang noch nicht ahnen, dass sie vielleicht sogar die Initialzündung für den späten Sieg gegeben hatte.

Wolfsburgs Trainer Lerch: "Das ist einmalig"

Denn die Unterzahl mobilisierte nicht nur beim Favoriten die finalen Kräfte – auch der Außenseiter öffnete auf einmal Räume, die es über die reguläre Spielzeit nicht gegeben hatte. Nach einem Ballverlust von Laura Feiersinger schaltete Wolfsburg blitzschnell um, über Svenja Huth landete der Ball bei Pajor, die mit einem unhaltbaren Flachschuss traf. "Das ist einmalig. Diese Mannschaft hat einen unfassbaren Siegeswillen", sagte Trainer Stephan Lerch.

Ein Titelgarant - auch in Zeiten des Umbruchs

Schließlich ging der Pokal bereits das siebte Mal in Folge in die Autostadt; der VfL ist auch in einem Jahr des Umbruchs ein Titelgarant, der nunmehr seit 2013 immer mindestens einen Titel geholt hat. Am Ende inszenierte der VfL-Tross die fast schon obligatorische Siegesfeier mit allerlei Schabernack in der Abendsonne im Sportpark Müngersdorf. "Pokalfinale geht nicht in nicht-spannend", sagte Nationalstürmerin Huth. "Wir haben die körperliche Fitness und die nötige Mentalität."

Tatsächlich ist die Willensstärke eine der großen Stärken der Wolfsburgerinnen. Lerch fand es dann auch beeindruckend, wie seine Mannschaft "den einen oder anderen Stein beiseite geräumt" habe. Ungeachtet der Tatsache, dass sich am kommenden Sonntag (06.06.2021) vermutlich der FC Bayern das erste Mal seit 2016 wieder die Meisterschaft sichert. Den Münchnerinnen genügt am letzten Spieltag gegen Eintracht Frankfurt bereits ein Remis - und die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

DFB-Pokal: Frankfurt gegen Wolfsburg - die Zusammenfassung Sportschau 30.05.2021 03:37 Min. Verfügbar bis 30.05.2022 Das Erste

Frankfurt tritt als "Mannschaft der Zukunft" auf

Denn die Eintracht wird kaum die Enttäuschung so schnell aus den Kleidern schütteln. Trainer Niko Arnautis, 41, lobte sein Ensemble fast überschwänglich für das Erreichen des Pokalendspiels im ersten Jahr nach der Fusion mit dem 1. FFC Frankfurt, der als neunfacher Pokalsieger noch immerhin Rekordhalter ist. "Das war das erste große Spiel unserer neuen Geschichte", sagte Arnautis. "Wir haben ganz Deutschland gezeigt, dass der Frauenfußball bei Eintracht Frankfurt auf einem guten Weg ist. Wir haben Hunger auf den Titel gezeigt."

Kritik an der teils defensiven Spielweise speziell in der ersten Halbzeit duldete Arnautis nicht. "Da müssen wir alle mal den Ball flach halten. So weit sind wir nicht, dass wir gegen Wolfsburg hier mit Ballbesitzfußball dominieren." Dass sein Team bei Kombinations- oder Passsicherheit mit dem Gegner nicht habe mithalten könne, sei zu erwarten gewesen, sagte Arnautis, gleichwohl habe da "eine Mannschaft der Zukunft gespielt."

Tatsächlich verwickelte der Außenseiter den Favoriten in ein Endspiel mit einem spannenden Drehbuch – und einem dramatischen Ende in der Verlängerung.

Ein Lob von der Bundestrainerin

"Respekt an beide Mannschaften am Ende einer Saison. Es waren lange zwei disziplinierte Abwehrreihen, die wenig zugelassen haben. Das Spiel hatte alles, was dazugehört", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg über ein Finale, das weniger von spielerischen Glanzlichtern als von hohem kämpferischen Einsatz lebte. Über weite Strecken fanden die Wolfsburgerinnen trotz einer klaren Feldüberlegenheit kaum eine Lücke – und ohne eine kopfballstarke Angreiferin wie Alexandra Popp waren hohe Bälle eben nicht das richtige Stilmittel.

Zudem kam von beiden Flügeln diesmal lange deutlich zu wenig. Als Frankfurts nicht immer sichere Torfrau Merle Frohms den Ball nach einer verunglückten Flanke von Fridolina Rolfö unorthodox an den Pfosten lenkte (90.+3), hatten sich die Eintracht-Frauen in die Verlängerung gerettet. Ausgerechnet als auf Frankfurter Seite alle aufs Elfmeterschießen – und die Fähigkeiten ihrer Nationaltorhüterin – hofften, brachte Wolfsburg noch einen Wirkungstreffer an.

DFB-Pokal: Frankfurt gegen Wolfsburg - die Analyse und Stimmen Sportschau 30.05.2021 08:43 Min. Verfügbar bis 30.05.2022 Das Erste

Lena Oberdorf mit einer ganz eigenen These

"Ich bin einfach nur fröhlich über das Ergebnis. Pokalspiele sind immer ekelhaft, weil ein Fehler so ein Spiel entscheiden kann. Heute war es doppelt schwierig", sagte Lena Oberdorf, die im Vorjahr noch im Essener Dress enttäuscht als Verliererin die Siegerzeremonie beobachtet hatte – und nun selbst mittendrin war.

Oberdorf, 19, und eines der größten Talente im deutschen Fußball, präsentierte anschließend eine ganz eigene These für das Erfolgsgeheimnis des VfL Wolfsburg. Sie sagte: "Vielleicht sind es die Laufpläne vor der Saison, die uns so fit machen. In der Vorbereitung fragt man sich wirklich, was man da macht, aber am Ende zahlt es sich vielleicht aus."

Stand: 30.05.2021, 22:30

Mehr zum Thema

Darstellung: